Marktbeobachtungen von Hugo Gödde +++ Selten waren so viele Erfolgsmeldungen über Geflügel und ihre Produkte unterwegs. Aber noch nie waren auch die alarmierenden Nachrichten so häufig. Zu Ostern waren die Eier knapp und teurer als je zuvor. Der Geflügelverzehr lag im letzten Jahr auf Rekordkurs und wird zunehmend zu einer echten Alternative für Tierhalter. Zugleich überschlugen sich die Fälle von Vogelpest im letzten Herbst/Winter mit Millionen getöteten Tieren und erstmals seit 30 Jahren trat wieder die Newcastle Krankheit (ND, newcastle desease), eine hochansteckende Viruskrankheit mit hoher Sterblichkeit auf.
Nachfrage wächst, Tierhaltung auch
Die Nachfrage nach Geflügelfleisch und Eiern ist in Deutschland groß. Kürzlich veröffentlichte Zahlen des Bundesinformationszentrums Landwirtschaft (BZL) zeigen, dass der Verzehr von Geflügelfleisch in Deutschland im vergangenen Jahr auf rekordhohe15 kg pro Person angestiegen ist. Auch der Verbrauch von Eiern wuchs von 218 Eiern pro Person im Jahr 2010 auf 252 Eier im letzten Jahr. Insgesamt wurden 2025 in Deutschland 21 Mrd. Eier und 1,25 Mio. t Geflügelfleisch konsumiert. Marktkenner gehen davon aus, dass sich dieser Trend zu Geflügelfleisch als Alternative zu Schweinefleisch auch in den kommenden Jahren weiter fortsetzen wird. Es wird als günstige und gesunde Proteinquelle bewertet.
Mehr Hühnerbetriebe, plus bei Freiland und Bio
Entgegen dem üblichen Strukturwandel haben sich die Legehennen-haltenden Betriebe (über 3000 Tiere) in den letzten zehn Jahren um fast 30% auf 2262 erhöht. Die Bodenhaltung ist nach wie vor die dominierende Haltungsform mit 58% vor 25% aus Freiland und 15% aus Bioerzeugung. Die Käfighaltung läuft aus. 40% der Eier kommen aus Niedersachsen, es folgen NRW mit 11% und Bayern mit 9%. Die westdeutschen Halter sind mit 16.700 Hühner im Schnitt deutlich kleiner als die ostdeutschen Betriebe mit 41.300. Beim regionalen Anteil an Bio-Eiern liegt Meck-Pom vor Hessen (je knapp 30%). Im letzten Jahr stagnierte der Gesamt-Legehennenbestand bei 45 Mio. Tieren. Das lag nicht zuletzt an den Verlusten durch die Vogelgrippe. Da zugleich die Nachfrage nach Eiern leicht gestiegen ist, kam es vor Ostern zu vorübergehenden einzelnen Lücken in den Regalen. Die Folge war ein Preishoch im März von 15% über Vorjahr bzw. ein Anstieg von 60% seit 2020. Nach Ostern sinken die Preise leicht, aber Eier sind weiterhin in allen Stufen gesucht.
Boom bei Hähnchenfleisch
Einen regelrechten Boom hat die Hähnchenhaltung in den letzten Jahren erlebt – mit immer größeren Ställen und Einheiten. In aller Regel wird nach den Vorgaben der vertikalen Integration erzeugt, d.h. der Erzeuger wirtschaftet nach den genauen Anweisungen des „Integrators“ (Schlachthofkonzerne wie Wiesenhof, Rothkötter, Plukon, Sprehe), der Einstall- und Ausstallzeitpunkte diktiert, das Futter und die Rassen bestimmt. Bei Geflügelfleisch liegt der Selbstversorgungsgrad rein rechnerisch bei etwa 100 %, wobei Hähnchenfleisch leicht darüber, Puten- und Entenfleisch deutlich darunter liegen. Bei Eiern werden 72 % durch die inländische Erzeugung abgedeckt. Um den steigenden Bedarf auch zukünftig decken zu können, braucht es demnach mehr bzw. größere Stallanlagen. Regional steigert sich die Konzentration weiter. Auch hier hat sich Niedersachsen besonders hervorgetan, z.B. im Emsland, wo Schätzungen zufolge bereits jetzt etwa 11 % des Geflügels in Deutschland gehalten werden. Diese Zahl könnte sich in Zukunft noch weiter vergrößern, denn aktuell liegen Anträge für 60 Großanlagen zur Genehmigung vor.
Hintergrund ist die relative Lukrativität der Hähnchenhaltung. Nach dem Anstieg 2022/23, verursacht durch hohe Futterkosten, stabilisierten sich die Preise seit 2024 bis heute. Da Geflügel günstiger und vielseitig verwendbar ist, wurde es zum „Inflationsgewinner“ unter den Fleischarten. Bei Landwirten gibt es wegen der relativen Sicherheit einen echten „Run“ auf Geflügel. Auch die hoch abhängigen Verträge, die die Erzeuger quasi zu Lohn- bzw. Stückarbeitern für die Geflügelkonzernen macht, scheinen den Boom auf Erzeugerseite nichts anhaben zu können.
Seuchen pflastern den Weg
Demgegenüber steht die wachsende Bedrohung durch die Geflügelseuchen. Seit dem letzten Herbst ging der Schaden für betroffene Geflügelhalter durch die Vogelgrippe in die Millionen. Laut Friedrich-Löffler-Institut (FLI) wurden über 100 Ausbrüche in Nutzgeflügelbeständen gemeldet, vorrangig waren Puten betroffen. Besonders im norddeutschen Raum (Niedersachsen, Meck- Pom) bildeten sich im Gefolge der Wildvögelrouten zahlreiche Hotspots. In den Geflügelhochburgen Niedersachsens wurden 1,6 Mio. Tiere getötet. Aber auch in anderen Regionen kam es zu dramatischen Ereignissen. Im Kreis Kleve (Niederrhein) z.B. wurde mit 340.000 Tiere ein Drittel des Geflügels getötet. Die Zahlen steigen auch 2026 weiter, wenn auch nicht in dem dramatischen Maße. Deshalb haben viele Kreise die Aufstallpflicht aufgehoben.
Newcastle-Krankheit als neue Bedrohung
30 Jahre nach dem letzten Fall breitet sich seit März nun auch noch die Newcastle-Krankheit (atypische Geflügelpest) rasant aus. Besonders Brandenburg und Bayern sind betroffen. Um die hochansteckende Virusinfektion zu stoppen, wurden laut FLI in Brandenburg bis zum 20.April 3,5 Mio. Tiere gekeult, allein im Landkreis Dahme Spreewald bereits 1,6 Mio. Tiere. Dabei besteht seit Jahren eine strenge Impfpflicht. Obwohl alle zuständigen Stellen beteuern, dass sie eingehalten wird und nur Kosten im Cent-Bereich verursachen, breitet sich die Krankheit epidemisch aus. Der Verlauf ist oft für die gesamt Herde tödlich. Symptome sind Atemnot, Lähmungen und extreme Sterberaten.
Das FLI kann zurzeit über die Ursachen nur spekulieren, ob sich das Virus, das aus Osteuropa (Polen, Tschechien) rüberschwappt, verändert hat oder das „Impfregime“ nicht funktioniert. Die Kontamination wird über die Luft, aber auch den Menschenverkehr übertragen. In Verbindung mit der weiterhin auftretenden hochpathogenen klassischen Geflügelpest bestehe aktuell eine erhebliche Gefährdungslage für Geflügel und andere Vogelhaltungen, so das FLI und entkräftet gleich, dass Hobbyhalter das Impfen vernachlässigt hätten und eine große Ursacherquelle seien. „Nein, in Deutschland sind Hinterhofhaltungen eher im Nachgang zu den Ausbrüchen in größeren Betrieben betroffen.“ Für die Menschen gilt „Newcastle“ als ungefährlich, bei anderen Tierarten (Waschbär) ist sie in Einzelfällen bereits aufgetreten.
Für den Marktbeobachter geht das sogenannte „Weißfleisch“ unter den Fleischarten einen eigenen Weg. Obwohl die Massentierhaltung von tausenden Tieren in einem Stallgebäude oft die ärgsten Auswüchse der Tierquälerei zeigt und vor der Jahrtausendwende am intensivsten in der Kritik stand, gelang es der Branche, sich ein Image vom günstigen und gesunden proteinreichen Lebensmittel zu verschaffen, das zurzeit offensichtlich allen Anlastungen widersteht. Selbst die Tierschutzverbände haben ihre Anfeindungen zurückgestellt und sich auf Schweinehaltung „spezialisiert“, obwohl es z.B. für Puten nicht einmal eine gesetzliche Regelung gibt. Einzig die verheerenden Seuchenzüge und Krankheiten stehen dem Wachstum in Produktion und Verzehr entgegen, die aber gern auf die Wildvögelflugrouten als alleinigem Verursacher zurückgeführt werden. Bei „Newcastle“ trifft die Argumentation nicht. Dass aber die schiere Zahl der Ansteckungen in Massentierhaltungen die tierschutzproblematischen Massenkeulungen von teilweisen mehreren 100.000 Tieren pro Betrieb zur Konsequenz haben, bleibt in der Öffentlichkeit scheinbar außen vor. Die Erfahrung zeigt aber, dass sich die Branche nicht zu sicher fühlen sollte.
