Marktbeobachtungen von Hugo Gödde +++ „Wir brauchen Eier. Wir brauchen mehr Eier.“ Welcher Fußballfan kann sich nicht an den Notruf des Torwart-Titans Oliver Kahn von Bayern München nach einer Niederlage gegen Schalke (lang ist‘s her) erinnern. Ein ähnliches Problem hat gerade auch den US-Präsidenten erreicht. Nicht nur dass nach seinen Zollattacken die Börsenkurse abschmieren, jetzt fehlen den USA gerade vor Ostern Millionen Eier. In der Folge steigen die Eierpreise in ungekannte Höhen. In New York kosten 12 Eier über 10 Dollar – also fast 90 Cent pro Stück. Ein Bio-Ei kostet gar über einen Dollar – sie werden oft stückweise angeboten. In Kalifornien sollen Supermärkte nur noch eine Packung pro Kunde verkaufen. In seiner Not hat sich die US-Regierung an Europa gewandt, u.a. Dänemark, Niederlande und Deutschland, um mehr Exporteier gebeten, aber die können oder wollen nicht.
Vogelgrippe lange unterschätzt
Ursache ist die in den USA grassierende Geflügelpest. Mindestens 166 Mio. Legehennen und anderes Nutzgeflügel sollen wegen der Seuche in den letzten drei Jahren gestorben oder getötet worden sein. Es sei der größte Ausbruch in der Geschichte, berichtet „The Guardian“. Aber so genau weiß das niemand, denn eine der ersten Amtshandlungen von Präsident Trump war der Austritt aus der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Damit ist die USA nicht mehr verpflichtet, Seuchenausbrüche zu melden. Außerdem verhängte er eine Nachrichtensperre für alle dreizehn Behörden des Gesundheitsministeriums, wie die New York Times schreibt. Zudem misstrauen die Farmer dem Staat, melden nicht und fürchten Sperrungen - oder den Zoll, wegen illegal beschäftigter Arbeiter. Laut WHO besteht die Sorge, dass die Vogelgrippe mit ihren verschiedenen und schnell wechselnden Mutationen zur nächsten Pandemie werden könnte.
Impfen oder Durchseuchen?
In den letzten Jahren haben die USA beim Thema Geflügelpest weitestgehend geschlafen, kaum untersucht und nicht dokumentiert, kritisieren Wissenschaftler. So konnte sich das leicht übertragbare Virus der Variante H5N1 immer weiter ausbreiten. Laut der Nachrichtenagentur AP soll das US-Landwirtschaftsministerium inzwischen angekündigt haben, 100 Mio. Dollar in die Erforschung von Impfstoffen gegen Vogelgrippe investieren zu wollen. Doch in der US-Wirtschaft soll es deutlichen Widerstand gegen mögliche Impfungen von Geflügel geben. Viele Betriebe haben die Sorge, dass ein solcher Schritt den Exporten schaden könnte, weil geimpfte Tiere und Bestände nicht mehr als frei von Vogelgrippe eingestuft würden.
Nun erschüttern weitere Regierungs-Aussagen die Fachwelt. Der neue US-Gesundheitsminister Kennedy, ein eingefleischter Impfgegner und Corona-Leugner, schlägt vor, die Ausbreitung des Geflügelpestvirus zuzulassen, um so immunisierte Vögel zu identifizieren. Er empfiehlt zur Bekämpfung der Vogelgrippe, das Virus einfach sich selbst zu überlassen und eine Durchseuchung abzuwarten. Anstatt infizierte Vögel zu töten sollten Landwirte „die Möglichkeit in Betracht ziehen, das Virus in der Herde laufen zu lassen, um die immunen Vögel zu identifizieren und zu erhalten“, sagte Kennedy kürzlich auf Fox News. Auch die Agrarministerin Rollins unterstützt Pilotprojekte zur Selektion von immunen Tieren.
Fachwelt entsetzt
Veterinärwissenschaftler sprechen von einer „wirklich schrecklichen Idee“ und halten es für unverantwortlich und gefährlich, das Virus unkontrolliert in Geflügelbeständen wüten zu lassen. Die Vorstellung Kennedys, dass eine bestimmte Geflügelart von Natur aus immun gegen die Vogelgrippe sein könnte, sei falsch. Hühnern und Puten würden die Gene fehlen, die für eine Resistenz gegen das Virus erforderlich sind, so die Experten und hätte enorme wirtschaftliche Folgen.
Seit Januar 2022 habe es in jedem Bundesstaat über 1.600 Ausbrüche auf Farmen und in Hinterhofhaltungen gegeben. Jede Infektion gäbe dem Virus die Möglichkeit der Ausbreitung. Genetiker verfolgen die bisherigen Mutationen genau. Wenn sich H5N1 jedoch ungehindert unter 5 Mio. Vögeln ausbreiten dürfte, „besteht für das Virus buchstäblich eine Chance von 5 Mio., sich zu replizieren oder zu mutieren“, so der Virologe Hansen.
Das Rezept für eine Katastrophe
Inzwischen geht es nicht mehr nur vordergründig um Eierpreise und Geflügel. Medien berichten, dass sich die Bedrohungslage durch die zuletzt besorgniserregend entwickelt habe. Im letzten Jahr wurden Milchkuhherden in 16 Bundesstaaten infiziert. Der Gouverneur von Kalifornien, der milchreichsten Region, rief inzwischen als Reaktion auf grassierende Ausbrüche bei Kühen und Geflügel den Notstand aus. Dort sank die Milchleistung um 9,2 % zum Vorjahr. Experten vermuten einen Zusammenhang.
Seit April wurden mindestens 65 Menschen positiv auf das Virus getestet. Es seien die ersten Fälle in den USA gewesen. Laut Gesundheitsbehörde konnte die Übertragung von Mensch zu Mensch bislang nicht bewiesen werden – nur von Tier zu Mensch. Das Risiko für die Allgemeinbevölkerung sei daher eher niedrig, allenfalls für Menschen mit direkten Kontakten zu Rindern oder Geflügel. Deshalb seien oft Farmarbeiter betroffen, heißt es lapidar.
Gefahr einer neuen Pandemie
Zu allem Unglück haben die Behörden in Mississippi jetzt einen Ausbruch der weitaus gefährlicheren Variante H7N9 gefunden. Der Ausbruch wurde auf einer Farm mit über 47.000 Hähnchen festgestellt, die betroffenen Tiere wurden gekeult. Laut Weltorganisation für Tiergesundheit ist das besonders besorgniserregend, da die Variante hochansteckend und auf Menschen übertragbar ist, eine hohe Sterblichkeitsrate aufweist und bei fast 40 % der infizierten Menschen tödlich verläuft.
Die H7N9-Vogelgrippe wurde erstmals 2013 entdeckt. Während der H5N1-Stamm in den letzten Jahren die meisten Schäden verursacht hat, bleibt H7N9 aufgrund seiner hohen Sterblichkeitsrate viel bedrohlicher. Die Möglichkeit, dass sich das Virus auf Säugetiere, einschließlich Milchkühen ausbreitet, hat die Befürchtungen einer neuen Pandemie durch Übertragung auf Menschen verstärkt. Die nun ergriffenen Maßnahmen wie Milchanalysen kämen viel zu spät. Es sei entmutigend zu sehen, dass so viele der gleichen Versäumnisse, die während der Covid-19-Krise auftraten, wieder auftauchen, resümiert ein Experte einer Gesundheitsorganisation.
Eierschmuggel blüht
Eine etwas pikante Nebenseite hat die Eiernot hervorgebracht. Größter Eierimporteur ist zurzeit neben der Türkei der Nachbarstaat Mexiko, der von Trump sonst gern als Land von Drogen- und anderen Kriminellen gekennzeichnet wird. Statt Drogen finden die Grenzschützer bei ihren Kontrollen am Übergang von Mexiko in die USA neuerdings vor allem Eier. Bis zu 50 % mehr Eier habe der Zoll landesweit beschlagnahmt, berichten US-Medien. Kriminelle und Schleuser scheinen auf die lukrativen Eier umzuschwenken. Sie versprechen zurzeit eine höhere Gewinnmarge.
Der Marktbeobachter ist irritiert, dass ausgerechnet den USA und deren Präsident Trump Eier fehlen. Erstaunlich ist zudem, dass „America first“ ausgerechnet im Kontinent der „Schmarotzer“ fündig werden will. Und ein Treppenwitz der Geschichte ist der Versuch, in Dänemark vor Ostern zu sammeln, während man Grönland, einem Teil unseres nördlichen Nachbarn, annektieren will.
Aber Ironie beiseite: die Vogelgrippe ist kein Spielball von Egomanen, Gefahrenleugnern oder Grenz- und Zollkontrolleuren. Die explodierenden Eierpreise könnten Vorbote einer Pandemie unter Tieren sein, die das Potenzial einer Übertragung von Tier zu Mensch oder gar Mensch zu Mensch hat. Eine neue Pandemie ist nun wirklich das letzte, was wir in unserer krisenhaften Welt brauchen.
