Marktbeobachtungen von Hugo Gödde +++ Alle Marktexperten geben sich überrascht. Geradezu von einem Monat auf den anderen hat sich der Markt für Bio-Schweinefleisch gedreht. Hieß es seit Jahren, dass Bio-Schweine gesucht würden, weil die Nachfrage das Angebot übersteige, ging nun ein Aufschrei durchs Land, als mit Edeka Südwest ein führender Abnehmer aus Süddeutschland den Erzeugern zum 1. April mitteilte, den Preis um ca. 15% zu senken. Plötzlich sprachen auch andere Vermarkter von fehlendem Absatz und vom Preisdruck aus dem Handel. Sie reduzieren ihre Preise aber (noch?) nicht so stark. Im März ist „offiziell“ von der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft (AMI), dem führenden Preisberichterstatter der Szene, noch 4,74 €/kg im Durchschnitt ausgewiesen. Das sei im April nicht mehr zu halten. Noch zuletzt wurde mitgeteilt, dass eigentlich die Nachfrage der Handelsketten nach wie vor gut sei und etliche Vermarkter von stabilen bis nur leicht rückläufigen Abverkäufen berichten. Auch der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) erklärt jüngst, dass der Bio-Umsatz im ersten Quartal mit 6% plus boomt, wenn auch Fleisch nur preisbedingt zulegt. Aus unterschiedlichen Gründen ändert sich das Marktverhalten der großen Lebensmittelkonzerne (LEH), die den Biofleischmarkt beherrschen. Was ist passiert?
Zunehmender Einfluss des Imports
Die Absatzmengen von Bio-Schweinefleisch haben sich in den letzten drei Jahren kaum geändert. 2024/25 wurden wie in den zwei Jahren davor 42.000 Tonnen verkauft, zu etwa zwei Drittel im LEH. Nach Angaben der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) stammten davon gut 30.000 Tonnen aus deutscher Herkunft, etwa 25% wurden importiert. Die Einfuhren kamen zu 70% aus Dänemark (= 7.000t), ca. 20% aus den Niederlanden. Der Rest kam aus Österreich, Italien, geringe Mengen aus Spanien. Anfang 2026 erhöhte sich der Importdruck aus Dänemark, jetzt auch gezielt aus Spanien. Da die heimische Versorgung auch 2025 gesunken ist, wurden verstärkt Importe aus der EU zur Nachfragesicherung gesucht und gefunden.
Das Problem: Importfleisch deutlich billiger
Das Phänomen, sich die fehlenden Mengen im Ausland zu besorgen, ist weder neu noch auf den Bio-Schweinemarkt begrenzt. Das gilt ebenso für Milch, Rindfleisch, Getreide usw. Bisher wurde es akzeptiert bzw. kaum problematisiert, solange der Preis für die heimische Ware davon weitgehend unberührt blieb. Dabei lagen die Preise für Importe schon lange deutlich unter den heimischen.
Dänemark (DK), der Hauptlieferant, wickelt Bio über Friland, Tochter von Danish Crown, ab. Der Preis lag 2025 nach eigenen Angaben bei 3,40 – 3,70 €/kg, ab Schlachthof DK + 0,20 €/kg Fracht; also unter 4 €/kg in Deutschland. Für April 2026 meldet Friland einen Erzeugerpreis von 3,66 €/kg.
Ähnliche, meist nur leicht höhere Preise gelten auch für die Niederlande.
Spanien hat in den letzten Monaten eine Bio-Offensive gestartet, nachdem durch den Ausbruch der ASP in Katalonien verstärkt konventionelle Ware in die EU exportiert werden musste. Zuvor kam vor allem Bio-Iberico auf unseren Markt, das aber viel teurer ist. Das „neue“ Bio-Schweinefleisch wird deutlich unter 4,00 €/kg angeboten. Brancheninsider hegen den Verdacht, dass dazu teilweise konventionelle (Baby-)Ferkel aufgezogen werden, was nicht legal wäre. Das Aktionsbündnis Bioschweinehalter Deutschland (ABD) hat die Erzeuger und Vermarktungspartner aufgerufen, die spanischen Ferkelherkünfte kritisch zu hinterfragen. Wie man hört - mit nur begrenztem Erfolg. Gerade für Verarbeiter, die lange im Ausland kaufen, reichen oft EU-Bio-Zertifikate aus.
Die Marktspaltung bleibt intransparent
Der Bio-Schweinepreis ist von 2020 bis heute laut Auswertung der AMI nach und nach von 3,80 €/kg auf 4,75 €/kg gestiegen und viele Erzeuger(gemeinschaften) bzw. Bioverbände, die stark über den LEH vermarkten, waren zufrieden.
Aber die aktuelle Krise offenbart auch die Schwächen der Preiserfassung. Meinungsbildend sind die Auswertungen der AMI, die bei wichtigen Erzeugergruppen, Schlachthöfen und Verarbeitern monatlich die Erzeugerpreise abfragt. Mit dieser freiwilligen Meldung werden ca. 70% der hiesigen Schlachtschweine erfasst. Aber eben nur die inländischen Warenströme, während die Importe außen vor bleiben, die aber (s.o.) einen erheblichen Marktanteil und ein deutlich niedriges Preisniveau wiedergeben. Dadurch gestaltet sich – bei aller Anerkennung der AMI – der Preisvergleich wenig durchschaubar und die AMI-Orientierung spiegelt eben nur einen Teil des Marktes ab.
Zweiteilung wird zur Doppelstrategie ...
Die Doppelstrategie des LEH bzw. größerer Verarbeiter und Wursthersteller, Fleisch aus regionalen Bio-Programmen (gern auch mit dem Logo der Verbände) und „ergänzend“ Importware zu nutzen, ging solange Zeit für die Schweinehalter auf, wie es den veröffentlichen Schweinepreis nicht drückte.
Der „Preismix“ war schon lange für die beteiligten, eher größeren und importstarken Vermarkter eine wunderbare Margenvermehrung. Wer z.B. deutsches Biofleisch zum Preis von 4,75 €/ kg hälftig mit ausländischem EU-Bio Fleisch zu 3,80 €/kg ergänzen konnte, hatte im Schnitt einen Einkauf von 4,28 €/kg und war Preisführer. Oder ohne Mischung – konnte er importierte EU-Ware, die vom Handel bzw. Wurstfabriken für ihre Doppelstrategie gern genommen wurden, preisgünstig anbieten.
... und fällt den heimischen Erzeugern auf die Füße
Besonders mittelständische Verbeiter oder Erzeugergemeinschaften, die komplett auf heimische (Verbands-)Ware angewiesen sind, konnten die Zweigleisigkeit und die Mischkalkulation nicht mitmachen, litten unter dem Wettbewerbsdruck, mussten sich gegenüber ihren Lieferanten und Kunden rechtfertigen und rutschten ins Minus. Diese Doppelstrategie des Handels bekommt in letzter Zeit Risse, weil der Abverkauf von Biofleisch nicht mehr so einfach bzw. lukrativ ist („Krise“) und zugleich die Angebote aus dem Ausland zu verführerisch sind. Allein der Preissturz bei einem wichtigen Handelskonzern (er soll laut Brancheninsidern im letzten Jahr einen millionenschweren Biofleisch-Verlust erzielt haben!) löst offensichtlich eine Kettenreaktion aus.
Die Verwerfungen durch den Importmarkt dürften der aktuelle Hauptgrund für den Preisrutsch sein. Branchenkenner berichten, dass (konventionell geprägte) Einkäufer der LEH-Ketten gerade lernen, dass man Biofleisch viel günstiger einkaufen kann. Da schlägt manches Einkäuferherz höher und überträgt es auf die heimischen Preisgespräche. Es wird nicht das Verhältnis der Handelsketten zu ihren jeweiligen Vertrags-Verbänden und ihren Listungen grundlegend in Frage gestellt, aber die Zweigleisigkeit von Verbandsprodukten und EU-Preiseinstiegsware, häufig aus Importen, wird Richtung „günstig“ ausgedehnt. Manche Marktkenner nennen die damit verbundene Sortimentsgestaltung einen weiteren Schritt der „Konventionalisierung des Biomarktes“.
Der Marktbeobachter fragt, ob der Preiseinbruch eine Delle ist oder eine dauerhafte Absenkung einläutet. Jedenfalls muss dringend die Importabhängigkeit reduziert werden und die Markttransparenz erhöht werden, unter der die Doppelstrategie des Handels gut gedeihen kann. Empfehlenswert wäre z.B. eine 5xD-Lösung (heimisch von der Geburt bis zur Verarbeitung), wie sie die konventionelle Schweinehalter mit dem marktbestimmenden Einzelhandel vereinbart haben. Damit könnte den überbordenden Importen und dem Preisdumping teilweise Einhalt geboten werden. Man kann auch von den konventionellen Kollegen lernen.
Termin-HINweis: Am 13. Mai 2026, 20.00 Uhr, veranstaltet die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft NRW mit Biofleisch NRW einen Online-Stammtisch zum Thema „Bio boomt im LEH, Bio-Mittelstand in Not und keiner stellt um?“ Nähere Informationen siehe die Termin-HINweise.
