Biete: 1.000 ha

Biete: Acker-/Milch-Betrieb, 1.000 ha, guter Mitarbeiterstamm vorhanden, Region: Ost-Deutschland, Investitionsvolumen: 10 Mio. Euro. Diese Art von Kaufgesuchen und Angeboten landet des Öfteren in meinem E-Mail-Postfach.

Lasse ich die letzten 25 Jahre als Bäuerin in Ostdeutschland Revue passieren, kommen mir einige prägende Erlebnisse in den Sinn: zum einen die Umwandlung der LPGs in Agrargenossenschaften, welche Mitte der 90er Jahre bei unserer Betriebsgründung noch in vollem Gange war. Damit einhergehende Geschichten von Bauern und Bäuerinnen, die ihre eingebrachten Inventarbeiträge niemals ausgezahlt bekamen und erfolglos klagten. Auch die fragwürdige Verkaufspraxis der BVVG ist mir noch gut im Gedächtnis, welche zum Dumpingpreis landwirtschaftliche Flächen an ehemalige LPGs veräußerte und Neu- oder Wiedereinrichtern nur schlechte oder gar keine Kaufchancen einräumte. Und das zieht sich durch bis heute mit der überall spürbaren Omnipräsenz der ehemaligen LPG-Kader, welche nach der Wende durch gute Vernetzung und staatliche Hilfen ihre Betriebe enorm im Wert steigerten. Dies beantwortet auch die Frage, woher die landwirtschaftlichen Flächen und somit das Vermögen einst kamen, welche heute den Wert der zum Kauf angebotenen landwirtschaftlichen Betriebe bilden.

Bei meinem Gespräch mit politischen Vertretern aller Couleur wird mir oft vorgeworfen, das Thema Agrarstrukturgesetz und Landgrabbing zu emotional zu diskutieren. Ja, ich werde sehr emotional. Ich beobachte, wie Monate und Jahre vergehen, wie wir als Bäuerinnen und Bauern vertröstet und hingehalten werden, ohne dass Gesetze beschlossen und Grundlagen geschaffen werden, die Bodenspekulation und Landgrabbing unmöglich machen würden. Alle diejenigen, die vorhatten, ihren Betrieb zu verkaufen, werden es in den nächsten Monaten unbeschadet vorbereiten und durchführen können.

Der Verkauf des Betriebes des ehemaligen Präsidenten des Thüringer Bauernverbandes, Klaus Kliem, an Aldi hat ja nun aber in den letzten Wochen auch andere Gemüter bewegt. Auch wenn der MDR sich damit schmückt, diesen Deal aufgedeckt zu haben, so ist das nicht einmal die halbe Wahrheit: Ohne die Recherchen der AbL Mitteldeutschland wäre der Lokalreporter des MDR nie auf diese Spur gestoßen. Aber sei‘s drum: Die Wellen, die diese Nachricht geschlagen hat, sind so schnell nicht wieder zu beruhigen und sollten mit dafür sorgen, dass nun zumindest in Thüringen recht schnell ein Gesetz verabschiedet wird, das solche Verkäufe in Zukunft verhindern wird. So ist jedenfalls der Plan des hiesigen Landwirtschaftsministers. Dem vorausgegangen war die jahrelange hartnäckige Arbeit der AbL, das recht spröde, aber enorm wichtige Thema des Aufkaufs landwirtschaftlicher Großbetriebe im Osten Deutschlands durch Investoren in das Licht der Öffentlichkeit zu zerren. Erinnert sei hier nur an die Pflanzung der „Allee des Landraubs“ auf den Flächen eines verkauften Betriebes in Sömmerda 2017 und die Verleihung der „Heuschrecke des Jahres“ 2019 an einen Autohausbesitzer – die Bauernstimme berichtete darüber jeweils ausführlich. Parallel dazu haben wir einen ausführlichen Vorschlag in wunderbarer Kooperation mit der Bundes-AbL erarbeitet und nun veröffentlicht, der einen Weg aufzeigt, wie der Ausverkauf der Landwirtschaft an Versicherungen, Möbelkonzerne und Discounter in Zukunft unterbunden werden kann. Darauf können wir mit Recht stolz sein – kein anderer Verband hat sich an diesem Thema bislang die Finger verbrennen wollen. Und damit haben wir auch die Messlatte für die nun von verschiedenen Bundesländern angekündigten Gesetzentwürfe sehr hoch gelegt, sie werden sich daran messen lassen müssen. Doch man soll ja bekanntlich den Tag nicht vor dem Abend loben – die Widerstände der Agrarlobby sind enorm. Wir bleiben dran und wissen dabei die Zivilgesellschaft hinter uns.

01.09.2020
Von: Claudia Gerster, Reiko Wöllert – AbL Mitteldeutschland

Claudia Gerster, Reiko Wöllert – AbL Mitteldeutschland