Wachsen oder weichen? Macht mal langsam!

Vielfalt, viel Arbeit und viel wirtschaftliche Unabhängigkeit
Unser Hof hat eine für das Sauerland typische Vergangenheit: Historisch gewachsen als „Vollsortimenter“ mit Kühen, Schweinen, Hühnern, viel Grünland und allen gängigen Ackerkulturen außer Mais, aber beengt in der Dorflage, siedelten Jürgens Eltern bei ihrem Einstieg in den 35-ha-Betrieb 1962 die Hofstelle an eine günstige Lage inmitten der eigenen Flächen aus. Es wurden ein großes Wohnhaus für mehrere Generationen, ein Anbindestall auf Stroh mit Eimermelkanlage für 25 Kühe, mehrere Jungviehanbindungen, zwei Schweinebuchten, ein Hühnerstall, eine Box für den Kaltblüter, ein Rübenkeller sowie eine Futterscheune mit Korn- und Heutrocknungsboden errichtet. Ein schmuckes Anwesen, geprägt vom damals günstigen und noch unbedenklich scheinenden Eternit auf Dach und Wänden und öffentlich gefördert durch ein zinsverbilligtes Darlehen von 77.500 DM mit einer Laufzeit von 50 Jahren. Schon damals war die Familie Altbrod etwas eigensinnig und ließ sich den Kornboden vom Kammerberater, der für reine Grünlandwirtschaft plädierte, nicht ausreden. Die ganze Arbeit in diesem vielfältigen Betrieb machten die Eltern und schon als Jugendliche wurden auch Jürgen und sein Bruder in die täglichen Abläufe einbezogen – Freizeit gab es kaum.

Eigener Weg
Heute, 60 Jahre und fast zwei Generationen später, bewirtschaften Jürgen und ich insgesamt 84 ha und wir halten 65 Fleckviehkühe im Boxenlaufstall mit Sommerweide. Zusammen mit den 30 ha Wald und meiner halben Stelle in der Landwirtschaftsverwaltung haben wir sehr viel zu tun – Freizeit gibt es kaum. Trotz des nach unserem Empfinden stattlichen betrieblichen Wachstums hatten wir oft den Eindruck, hinter den „Zukunftsbetrieben“ in unserer Nachbarschaft und den Veröffentlichungen im Landwirtschaftlichen Wochenblatt hinterherzuhinken. Insbesondere mir selbst bereitete dieser Gedanke, nach Abschluss von Lehre und Agrarstudium, zunächst einen gewissen Stress. Jürgen hingegen, der außer während eines Jahres auf der Landwirtschaftsschule kaum mit den modernen Glaubenssätzen der Betriebswirtschaft in Berührung gekommen war, ging unbekümmert seinen Weg und machte, was er für nötig hielt. 

Erst nur halb 
„Achte darauf, dass immer 20.000 DM auf dem laufenden Konto sind, für Unvorhergesehenes!“ – vielleicht war dieser Satz von Jürgen irgendwann Mitte der 1990er Jahre die Grundlage unseres wirtschaftlichen Erfolges. Ich habe mich jedenfalls daran gehalten, seitdem ich damals den „Schreibkram“ für den Betrieb übernommen habe, und wir hatten dadurch niemals finanzielle Probleme. Wir sind uns in finanziellen Fragen ziemlich einig: Seit wir 2012 die letzte Rate des zinsverbilligten Kredits von 1962 bezahlt hatten und ein kleines Darlehen für den ersten Anbau des Boxenlaufstalles getilgt war, arbeiten wir ohne Fremdkapital. Wir tätigen Investitionen erst dann, wenn das benötigte Geld auf dem Bankkonto zusammengespart ist. Bis dahin begnügen wir uns mit dem Vorhandenen oder bauen in Eigenleistung. So lebten unsere Kühe fast 20 Jahre lang in einem Boxenlaufstall, der nur zur Hälfte neu an das vorhandene Eternitgebäude angebaut war. Erst 2011 wurde der „neue“ Boxenlaufstall mit 20 zusätzlichen Liegeboxen, durchgehendem Dachfirst und Spaltenschieberoboter komplettiert. Es sind schöne Momente, wenn so ein Werk bezogen und bezahlt ist.

Immer genug
Unseren umfangreichen Maschinenpark organisieren wir in ähnlicher Weise: Die ältesten funktionierenden Maschinen sind uns am liebsten, da längst abgeschrieben und damit unschlagbar kostengünstig. Fünf Trecker unter 100 PS laufen im Betrieb, von denen der älteste mit 42 PS bald sechzig Jahre alt wird. Wenn der Lohnunternehmer keine Zeit hat, dreschen wir unser Getreide mit einem gezogenen Claas-Garant-Mähdrescher von 1968. Wartung und Reparaturen erledigen wir, ausgestattet mit einem guten Schutzgasschweißgerät, nach Möglichkeit selbst. Auf diese Weise haben wir ein zweites Wohnhaus für das konfliktarme Zusammenleben der Generationen auf dem Hof mit sehr viel Eigenleistung errichtet. Auch hier zeigte sich wieder die Eigensinnigkeit der Familie Altbrod: Die Offizialberatung hatte empfohlen, das Geld für das Wohnhaus besser in eine Betriebserweiterung zu investieren. Das haben wir nicht getan. Ich selbst habe mich manchmal gewundert, wie wenig unsere Wirtschaft mit den betriebswirtschaftlichen Kalkulationen und Prognosen aus der landwirtschaftlichen Fachpresse übereinstimmte. Zeitweise befürchtete ich sogar irgendwelche unbemerkten Fehler in unserer selbst gebuchten Buchführung. Aber es scheint alles gestimmt zu haben. Jedenfalls war immer genug Geld da, selbst in Zeiten niedrigster Milchpreise, und bei mehreren günstigen Gelegenheiten konnten wir über die Jahre sogar noch rund 12 ha Fläche in unserer Nähe hinzukaufen. 

Wachstum ist kein Selbstzweck
Dabei legt Jürgen auch heute, lange nach unserer Silberhochzeit, noch immer großen Wert darauf, dass das von mir auswärts verdiente Geld nicht in den Betrieb einfließt. Die getrennte Kontenführung verschafft mir persönlich eine wirtschaftliche Eigenständigkeit, die mich den Hof weiterhin mit einem Auge „von außen“ betrachten und nebenbei einige Hobbies pflegen lässt. Apropos Hobbies – hier liegt aus meiner Sicht die einzige Kehrseite unserer betrieblichen Verfassung: Sie macht viel zu viel Arbeit! Jürgen kann getrost als 24/7-Vollzeitbauer bezeichnet werden. Nach zunehmender Gebrechlichkeit der Altenteiler stellten wir vor acht Jahren einen somalischen Flüchtling zur Unterstützung im Stall ein, der nun schon fast zur Familie gehört und der vor allem mich vom Druck der regelmäßigen Stallarbeit entlastet; er hat wahrscheinlich den höchsten Stundenlohn aller Mitwirkenden im Betrieb. Und dennoch kommt Jürgen außer zu ein paar mühsam freigeschaufelten Tagen mit unserem alten Wohnmobil am Rhein oder zu einigen landwirtschaftlichen Fachterminen nie vom Hof. Hier ist das Bauerndasein nicht der Beruf, sondern das Leben. Alles in allem ist es ein zufriedenes und zudem erschwingliches Leben auf unserem Hof, und wenn wir wollten, hätten wir die vollkommene Freiheit, es jederzeit ganz anders zu machen – wollen wir bisher aber nicht. Nun steht wieder eine Hofübernahme in Aussicht: Unser älterer Sohn Julian hat ebenfalls Lehre und Agrarstudium (fast) abgeschlossen und ist auf dem Weg zum nächsten 24/7-Vollzeitbauern. Derzeit macht er sich gut in dieser Rolle, ist motiviert und kompetent, und er meint „Wachstum ist kein Selbstzweck – die wirtschaftliche Unabhängigkeit möchte ich mir auf jeden Fall erhalten!“ 
Dennoch fragen wir uns, ob unser Modell der bäuerlichen Landwirtschaft auch für die nächste Generation noch handhabbar und tragfähig ist, ob unsere Selbermach-Mentalität vor dem Hintergrund behördlicher Anforderungen und landtechnischer Innovationen noch praktikabel bleibt und ob im Vergleich mit dem Arbeits- und Konsumverhalten vieler Altersgenossen auf unserem Hof auch künftig noch zufrieden gelebt werden kann. Weil jeder Jungbauer gern etwas Neues hat, haben wir in diesem Jahr neue Fahrsilos und eine neue Halle gebaut und vor ein paar Tagen einen neuen Trecker, erstmals mit 125 PS und einiger Elektronik, in Betrieb genommen, alles gleich bezahlt. Wir sind gespannt, wie es weitergeht!

Betriebsspiegel:

30 ha Acker,
54 ha Grünland,
insgesamt 84 ha LF, davon 49 ha Eigenland;
30 ha Wald;
65 Fleckviehkühe,
50 Jungrinder und Kälber zur Nachzucht,
25 Hofhühner;
Bioland seit 2016

Zwei Generationen Altbrod/Biermanns Foto: privat