Rinderpreise auf Rekordjagd – wer gewinnt, wer verliert?

Marktbeobachtungen von Hugo Gödde +++ Was ist am Rindfleischmarkt los? Selbst eingefleischte Marktexperten sind weitgehend ratlos. Die Preise für Bullen, Färsen und Kühe haben nie zuvor ein solches Niveau erreicht und steigen weiter. Allein seit Weihnachten sind die Preise für Bullen um 50 Cent pro Kilo und für Kühe um 60 ct/kg geradezu explodiert. So macht die Furcht vor einer Blase die Runde. Aber die Marktbeteiligten wiegeln ab. Der Grund der Preisspirale liegt in der geringen Verfügbarkeit von Rindfleisch - europaweit ist das Angebot so knapp, dass auch in den nächsten Wochen (bis Ostern?) die Rallye weitergehen könnte – wenn auch nicht so rasant.

(K)ein Ende der Rallye in Sicht

Zwar waren Preiserhöhungen schon länger erwartet worden, weil die Erzeuger angesichts der schlechten Preise ihre Bestände insgesamt abstockten. Doch bis Herbstbeginn 2024 war der Markt eher ruhig. Dann explodierten die Bullenpreise: Von 5,17 €/kg im September stiegen sie auf 5,75 €/kg im Dezember. Ende Februar müssen nun 6,20 €/kg auf den Tisch gelegt werden. Damit liegt der Preis 1,50 €/kg oder fast 30% über Vorjahresmonat.

Auch die Kuhpreise (Klasse O3) erhöhten sich seit Anfang 2024 kontinuierlich - von 3,62 €/kg (Januar) über 4,25 €/kg (Juli) auf 4,50 €/kg im Dezember. Anfang März 2025 erreichen sie mit 5,15 €/kg ein Allzeithoch. Selbst eine schwarzbunte Milchkuh mit hohem Knochenanteil erbringt bei 250 kg Schlachtgewicht (Klasse P2) noch 4,50 €/kg. Und bei Schlachtkühen scheint der Anstieg noch nicht abgeschlossen zu sein.

Die Entwicklung erinnert stark an die Preisschraube Ende 2021 bis April 2022, die jedoch von einem kontinuierlichen Preisverfall abgelöst wurde. Jetzt dreht sich das Karussell erneut.

Manche Marktbeteiligte geben als Auslöser die Blauzungenkrankheit und die Marktverwerfungen durch die Maul- und Klauenseuche an. Doch es bleibt fraglich, warum der Schweinepreis (exportbedingt?) stark gefallen ist, während Rindfleisch trotzdem steigt.

Verbraucherpreise noch stabil

Ungewöhnlich an der Marktsituation ist, dass der Anstieg der Erzeugerpreise bisher beim Endverbraucher kaum angekommen ist. Zu Weihnachten wurden noch hammerharte Aktionen zu Dumpingpreisen (Rouladen, Steaks, Filets) gefahren. Seitdem sind die Aktionsangebote besonders für Jungbullenfleisch rückläufig. Ein Grund bei den Discountern sind Verträge, die noch bis Anfang März zu alten Konditionen dauern. Im Gegensatz dazu laufen mit dem LEH meist Wochenkontrakte. Rewe, Edeka und Co. waren eindeutig im Nachteil und konnten zuletzt den Aktionsangeboten der Discounter nicht gegenhalten. So wurde Ende Februar z.B. bei Einzelhändlern Rouladen oder Tafelspitz für den doppelten Preis von Aldi Nord angeboten. Nur Hackfleisch wurde ins Fenster gestellt. Aber das kommt hauptsächlich von Kühen, die aber auch teuer sind. Nach Karneval wird der Verbraucherpreis wohl allgemein anziehen. Bisher „gönnt sich der Verbraucher noch den Luxus Rindfleisch,“ analysiert die Lebensmittelzeitung. Die Hauptfrage in den Führungsetagen des Handels ist, ob die Kunden die Erhöhungen akzeptieren oder gegen das preisgünstige Schweine- bzw. Geflügelfleisch tauschen. Es gibt Überlegungen, verstärkt auf ausländische Produkte zurückzugreifen, die oft günstiger sind. Doch auch aus Polen, den Niederlanden oder Frankreich ist das Angebot begrenzt.

Selbst die Fast-Food-Branche steht Kopf. Der Standard-Burger bei McDonalds ist gegenüber 2022 um 80% auf 2,29 Euro gestiegen. Und Döner-Läden sind von Kalb und Rind auf Geflügel umgeschwenkt. 10 Euro für einen Döner würde keiner bezahlen, so ein Sprecher eines Döner-Verbandes.

Die Schlachtindustrie ist teilweise der Verlierer

Schlachthöfe und Fleischvermarkter sind unter Druck geraten. Einige Unternehmen berichten, dass sie mit jedem Tier Verluste machen. „Wir setzen bei jedem Tier Geld zu,“ klagt ein großer Schlachtbetrieb im Norden, „eigentlich müssten wir weniger schlachten. Aber wenn wir unsere Lieferfähigkeit in Frage stellen, sind wir unten durch, obwohl manche Abnehmer inzwischen eine geringe Unterlieferung tolerieren. Das gab’s noch nie.“ Wer kann, reduziert seine Schlachtzahlen. Trotzdem bleibt das Angebot zu klein für die Nachfrage. Bislang gelingt es der Industrie nicht, den Preisdruck weiterzureichen. Erfahrungsgemäß, fürchtet die landwirtschaftliche Seite, werden sie versuchen, es sich bald bei uns wiederzuholen.

Konventionell schlägt momentan Bio- Preise

Genüsslich berichten einzelne Agrarmedien, dass konventionelle Jungbullenpreise inzwischen die Bio-Preise überholt haben. Noch im Januar rangierte man gleichauf, wobei die Tierwohl-Bullen (Stufe 3) schon über Bio lagen. Im Februar zogen die „Konvis“ deutlich vorbei. Für den Bio-Rindfleischmarkt sind aber die Kühe entscheidend. Analysten gehen davon aus, dass ca. 7o% der Schlachtrinder weiblich sind. Selbst die großen Bio-Schlachthöfe bekommen keine nach Geschlecht getrennten Chargen hin. Zu niedrig ist das Aufkommen und die Nachfrage nach männlichen Tieren. (Noch immer geht ein Großteil der Bullenkälber in den „normalen“ Markt oder gar – leider – in den Export.)

Bio- Rindfleisch ist weiblich

Bei Schlachtkühen liegen die Preise aktuell etwa gleichauf bei 5,20 bis 5,30 €/kg für Hauptklasse O3. Obwohl die Bio-Nachfrage kaum bedient werden kann, sind die Verhandlungen mit dem Handel offenbar sehr schwierig. Hier macht sich negativ bemerkbar, dass Bio-Rindfleisch überwiegend (60-70%?) als Hackfleisch verkauft wird, so dass eine Wertschöpfung aus den Edelteilen verschenkt werden muss. Als Folge sind Edelteile wie Rouladen, Braten oder Gulasch nur mit geringem Aufschlag zu Hackfleisch zu vermarkten, was die Inwertsetzung erheblich erschwert. Wie immer in solchen Preishochzeiten und Lieferengpässen bedienen sich die großen Fleischhändler bzw. ihre Abnehmer in den Ketten gern (sie sagen: aus Not) im Ausland – von Spanien, Österreich, Niederlande, Dänemark bis Tschechien und Litauen. Da nützen auch keine Beteuerungen, dass man deutsche Ware bevorzugt.

Der Marktbeobachter sieht einen turbulenten Markt, der allen Teilnehmern einiges abverlangt. Die Bauern sind kurzfristig in einer guten Position, weil das Angebot knapp ist. Auch die nächsten Monate dürfte es ein „Anbietermarkt“ bleiben, wenn die Preise nicht überdrehen und der Konsument mitmacht. Jeder Bauer und jede Bäuerin weiß ja: „Nach fest kommt ab.“ Doch es ist auch mal befriedigend, bessere Preise durchzusetzen, solange sich die Abnehmer die Tür (oder das Telefon) in die Hand geben.

Und eigentlich wollen Discount und LEH ja Tierwohl-Ware der höheren Haltungsform 3, die aber noch teurer ist. Vielleicht ist dies eine gute Zeit, den bisherigen Aufpreis von 25 ct/kg bei Bullen und 15 ct/kg bei Kühen aufzubessern. Denn damit sind die Mehrkosten der Auflagen nicht ausgeglichen. Oder gar eine eigene Tierwohl-Notierung zu etablieren, wie es Bio ja auch gelungen ist. Doch das ist Zukunftsmusik.

Die Preise für Bullen, Färsen und Kühe haben nie zuvor ein solches Niveau erreicht und steigen weiter. Foto: FebL