Nische auf Speed

Der Obst- und Gemüsebausektor ist klein, extrem heterogen und steht vor erheblichen Herausforderungen.

In Sonntagsreden wird gerne die Wichtigkeit einer regionalen Erzeugung besonders bei Obst und Gemüse betont. Eine Nische, die gerne hochgehalten wird, weil jeder Mensch mit einem Endprodukt vom Acker wie einer Möhre oder einem Salatkopf etwas anfangen kann. Den Unterschied zwischen einer Gersten- und einer Weizenähre und dass das eine eher im Bier, das andere im Brötchen steckt, kennen bzw. wissen weniger Leute. Spätestens seit in der Corona-Zeit die Lieferketten fragil wurden, betonen Politiker:innen aller Couleur, wie wichtig heimische Versorgungsstrukturen sind. Nur tun sie und auch der Handel wenig dafür, dass solche Strukturen und Erzeuger:innen erhalten bleiben. Die Entwicklung ist längst eine andere. Seit dem Jahr 2000 halbierte sich die Anzahl der Gemüsebetriebe in Deutschland auf rund 6.000. Die Struktur ist sehr heterogen, die neun Prozent größten Betriebe bewirtschaften 61 Prozent der gesamten Fläche, 64 Prozent aller Betriebe hingegen kultivieren weniger als zehn Hektar Gemüsefläche.

Nische zwischen den Stühlen
Gemüseanbau macht in Deutschland zwei Prozent der Landwirtschaft aus und ist offiziell auch gar nicht Landwirtschaft, sondern eine von sieben Sparten des Gartenbaus. So sieht es mit der Interessenvertretung aus. Die Kosten für Energie, Betriebsmittel und Löhne laufen den Betrieben davon, die Steigerungen liegen bei 20 bis 30 Prozent. Die Preise blieben auf der Erzeugerseite eher gleich. In Umfragen geben zwischen 65 und 85 Prozent der Erzeuger an, dass Handelsbeziehungen nicht auf Augenhöhe bestünden, kein Vertrauen unter Geschäftspartnern herrsche, der Handel seine Konditionen durchsetze. In den seltensten Fällen liefern Obst- und Gemüsebetriebe direkt an den Lebensmitteleinzelhandel (LEH), ob Discounter oder Vollsortimenter, so dass die Verantwortung für die schlechten Konditionen für die Erzeuger zwischen Zwischen- oder Großhandel und dem LEH nach Bedarf hin- und hergeschoben werden kann. Reklamierungen oder Weigerungen von Seiten des Handels führen zu Abzügen oder gar keinem Geld bei den Erzeuger:innen, Beschwerden von Erzeuger:innen über unfaire Bedingungen beim Händler führen zu Auslistungen. Dass nur ein Viertel der Gemüsebaubetriebe in Deutschland eine gesicherte Hofnachfolge hat, ist kaum verwunderlich. 

Dänemark, die Zukunft?
Dabei sollte sich eigentlich Potential im heimischen Obst- und Gemüsebau bieten, Deutschland ist ein Importland und das nicht nur bei Mangos und Apfelsinen, die nur in südlichen Gefilden wachsen. Nicht wenige Bio-Möhren kommen aus den Niederlanden und aus Dänemark. „Vor 15 Jahren war die Struktur im Bio-Möhrenanbau in Dänemark noch so wie bei uns jetzt“, sagt Holger Buck, langjähriger Bio-Gemüsebau-Berater beim Anbauverband Naturland, „bei uns ist im Vergleich Bullerbü.“ Es gebe noch drei Möhrenanbauer in Dänemark, einen mit 800 Hektar, einen mit 1.200 Hektar und einen mit 250 Hektar. „Das hat eine extreme Entwicklung genommen in Dänemark, die Intensität ist wahnsinnig hoch, es wird nichts dem Zufall überlassen, das ist industrieller Anbau.“ Aber in die Richtung weise auch die Entwicklung in Deutschland, so Buck, die Strukturdaten sprächen für sich. Vor allem bei stark mechanisierbaren Kulturen wie Möhren, Zwiebeln, Rote Beete, Pastinaken spreizt das Thema Kostenreduktion die Betriebe immer weiter auseinander. „Wer Arbeitskräfte durch Technik einsparen kann, macht das sofort“, so Buck. Der investiere zum Beispiel 1,5 Mio. Euro in Lasertechnik und spare damit 70 Prozent des Personals ein. Der steigende Mindestlohn ist da nur ein Aspekt unter vielen: soziale Fragen, Unterbringung, Akquise … 

Gestiegene Ansprüche
Kleinere, weniger mechanisierte Betriebe können zu solchen Konditionen kaum mithalten. Liefern sie in originäre Biovermarktungsstrukturen, den klassischen Naturkostgroßhandel, sehen sie sich inzwischen auch mit Preisdruck und hohen Qualitätsanforderungen konfrontiert. Unvorstellbar sei, sagte Lance Sidio, Einkaufsleiter Obst und Gemüse beim Bio-Großhändler Naturkost Elkershausen, auf einer Tagung des AgrarBündnisses im vergangenen Jahr, was sie täglich wegschmissen. Vieles, weil es optischen Ansprüchen nicht entspreche, die Ansprüche der Kundschaft gestiegen seien. „Exakt dieselbe Kiste Bananen kann ich an zehn Kunden liefern und hätte anschließend sieben Reklamationen auf dem Tisch: Dem einen sind sie zu grün, zu gelb, zu krumm“, so Sidio. Der Bioladner benötige inzwischen Ware, die sich von selbst verkaufe, auch damit die Kundschaft nicht zum Discounter abwandere und dort zum formschöneren Bio-Gemüse greife. 

Lachende Dritte
Der Gewinner der letzten Jahre auf dem Biomarkt war immer der konventionelle LEH, vor allem die Discounter. Deren Umsätze sind gestiegen, während der Naturkosthandel mit dem Nach-Corona-Blues kämpfte. Die Discounter diktieren Preise, zu denen auch die großen Anbauer nur mit Mühe produzieren können. Seit Bioland und Lidl und daraufhin Naturland mit Aldi Verträge geschlossen haben, ist beim Naturkosthandel zum einen das einstige Alleinstellungsmerkmal, ausgewiesene Verbandsware zu verkaufen, weg, zum anderen führt das Gezerre der Verbände zu finanziellen Mehrbelastungen durch Doppelmitgliedschaften und Mengenturbulenzen auf den Märkten in erster Linie zu Lasten der Erzeuger:innen. „Wir kämpfen die Gefechte der Zwerge“, sagt Berater Holger Buck. „Die Verbände haben nichts mit der Preisbildung zu tun.“ Lachende Dritte sind die Einzelhandelskonzerne. Anfang des Jahres schon hatten Buck und Kolleg:innen aus der Öko-Gartenbauberatung mehr Verantwortung und Handeln von Verbänden, Handel und Politik eingefordert. Der Gemüsebau brauche Diversifizierung und Vielfalt, nicht Industrialisierung. Schließlich halte die Vielfalt auch Dörfer und ländliche Gemeinschaften am Leben. Die Reaktionen auf die Initiative waren bislang überschaubar.

Obst und Gemüse sind öffentlich hoch angesehen - doch damit ein Auskommen zu erwirtschaften, ist gar nicht so leicht. Foto: Etienne