Der Obst- und Gemüseanbau gilt als einer der Motoren, um die heimische Landwirtschaft zukünftig tragfähig aufzustellen – für eine klimaverträgliche und umweltfreundliche Ernährungsweise. Laut aktueller Ernährungsempfehlungen sollten Obst und Gemüse etwa die Hälfte auf unserem Teller ausmachen.
Der Fokus liegt dabei auf frischen, unverarbeiteten, saisonal und regional produzierten Erzeugnissen. Aktuell ist da noch sehr viel Luft nach oben: Die Ernährungsgewohnheiten ändern sich sehr langsam, regionaler Anbau und lokale Versorgungswege haben es wirtschaftlich schwerer denn je. Dies wurde mehr als deutlich durch vielfältige Expertenbeiträge im Rahmen einer Tagung des Agrarbündnisses zur Bedeutung des Obst- und Gemüseanbaus im Klimawandel im letzten Jahr.
Wir blicken im Obst- und Gemüsebereich auf einen stark konzentrierten Sektor und eine wirtschaftliche Situation, in der viele Betriebe durch hohe Produktionskosten und fehlende Arbeitskräfte an die Rentabilitätsgrenze gedrückt werden und um ihre Existenz kämpfen.
Der Selbstversorgungsgrad bei Obst und Gemüse ist in Deutschland mit 20 bis 40 Prozent bei einer Vielzahl der Erzeugnisse eher niedrig. Beliebte Gemüse wie Tomaten, Paprika, Gurken oder Salat kommen – saisonal schwankend – vor allem aus dem Ausland. Damit sind weitere Probleme für Umwelt, Klima und die heimischen Erzeugerbetriebe verbunden. Die heutigen Verbraucherpräferenzen tragen dazu bei.
Um diese Situation zu verbessern, müsste gezielt umstrukturiert werden. Beängstigend sind die wenigen Ausbildungs- und Meisterabschlüsse der letzten Jahre. Das für die Anpassung erforderliche Fachwissen geht in rasantem Tempo verloren. Die nötigen Arbeitskräfte müssen ausgebildet werden und fair entlohnt werden können. Ungewiss ist zudem, welche Auswirkungen fehlende Arbeitskräfte und zunehmende Technisierung bis hin zur KI auf Betriebe und ihre Strukturen haben. Insgesamt gilt es die ökonomischen Verhältnisse für die Breite der Betriebe zu verbessern. Das Thünen-Institut empfiehlt in einer Situationsanalyse, den Markt zu stärken: die Position von Erzeuger- und Vermarktungsorganisationen sowie den regionalen Absatz. Flankierend wird eine Herkunftsbezeichnung bei den Verarbeitungsprodukten angeraten.
Die politische Kraftanstrengung wäre mindestens genauso groß wie beim Umbau der Tierhaltung, über den viel mehr gesellschaftlich diskutiert wird. In diesem Bereich gibt es immerhin eine breit abgestimmte Gesamtstrategie durch die Vorschläge der Borchert-Kommission – auch wenn die Umsetzung mehr als schleppend läuft und jüngst sogar wieder eingestampft wird. Politisch müsste es stärker um eine regionale Produktion mit kurzen Wertschöpfungsketten gehen. Denn Importe, auch aus den südlichen europäischen Ländern, basieren nicht nur auf langen Transportwegen, sondern oft auch auf ökologisch schwierigen Verhältnissen mit zunehmender Wasserknappheit. Diese wichtige Regionalisierung wird nicht ohne die dominierende Handelsstruktur der Supermärkte stattfinden können – doch die Frage ist, wie sie dort Eingang findet. Dabei ist es unerlässlich, über die Margen zu sprechen, die der Erzeugungsstufe fehlen – auch im Obst- und Gemüsesektor. Dafür muss eine größere Kostentransparenz her und es müssen Marktinstrumente zur Preisanpassung in Betracht gezogen werden. Ebenso gehören derzeitige Handelspraktiken auf den Prüfstand. Von den unterschiedlich aufgestellten Erzeugungsbetrieben bis hin zu einem stark konzentrierten Markt und gleichzeitig den vielen kleinen Direktvermarktungsbetrieben und regionalen Vermarktern – wir brauchen eine ganzheitliche Strategie, die alle Perspektiven einbezieht. Fleisch runter, Gemüse rauf? - Veränderte Ernährungspraktiken alleine lösen nicht die breiten Umwelt- und Sozialprobleme.
