Ursula Heinen-Esser, Präsidentin des Bundesverbandes Erneuerbare Energien kritisiert aktuelle Entwicklungen.
Unabhängige Bauernstimme: Angesichts der derzeitigen Krisen in der Welt rücken die erneuerbaren Energien einmal mehr in den Fokus. Sind wir in Deutschland gut aufgestellt?
Ursula Heinen-Esser: Das ist ein weites Feld! Wir erleben jetzt schon zum zweiten Mal in viereinhalb Jahren eine fossile Preiskrise, wir sind wieder von geopolitischen Konflikten betroffen und immer noch von fossiler Energie abhängig. Aber es gibt einen Unterschied: Während die Öl- und Gaspreise wieder nach oben geschossen sind, war es beim Strompreis diesmal nicht so, anders als noch 2024. Das zeigt: Es war richtig, nach dem Überfall auf die Ukraine stärker auf erneuerbare Energiequellen zu setzen. Diesen Weg müssen wir jetzt auch konsequent weitergehen.
Das tun wir im Moment noch nicht?
Zumindest die aktuellen Gesetzesentwürfe aus dem Wirtschaftsministerium sprechen eine andere Sprache. Zu befürchten ist, dass wir in der fossilen Welt verharren.
Was könnte die aktuelle Politik noch tun, damit sich die Situation weiter positiv entwickelt?
Wir sind nicht glücklich mit der Entwicklung rund um das vorgestellte Netzpaket. Wenn bei Netzüberlastung abgeregelt wird, ohne dass die Betreiber von Anlagen – die ja für die Abregelung nicht verantwortlich sind – nicht entschädigt werden, entsteht ein hoher Unsicherheitsfaktor für die Entwickler neue Projekte. Sie wissen ja nicht, wie und wann abgeregelt wird, können sich da nicht drauf einstellen. Die Finanzierung von Investitionen wird so erheblich erschwert. Das grundlegende Problem ist ja, dass der Netzausbau nicht schnell genug geht und lange Jahre verschlafen wurde. Wir streiten nun über den Weg, wie er beschleunigt werden kann.
Und über die Frage, wer ihn bezahlt?
Genau. Das darf aber nicht völlig zu Lasten der einen Seite gehen, es muss fair gestaltet sein.
Apropos fair gestaltet, auch die Biogasbranche fordert politische Veränderungen …
Die Biogasbranche ist schon seit Jahren unglücklich mit den zu geringen Ausschreibungsmengen. Biogas hat den klaren Vorteil gegenüber Wind und Sonne, dass es steuerbar ist, Speicherung möglich ist. Es ist also flexibel genau dann einsetzbar, wenn es im System gebraucht wird. Das ist ein Punkt, der stärker gesehen werden muss: dass Biogas als Backup eine wichtige Rolle spielt.
In der Politik ist das bislang nicht angekommen?
Bislang anscheinend leider nicht, sonst müssten wir nicht noch immer über Ausschreibungsmengen diskutieren. Politik müsste Biogas im System stärken, damit auch die Betriebe wissen, woran sie sind.
Die Erfolgsgeschichte der erneuerbaren Energien ist auch eine der Dezentralisierung und des ländlichen Raums. Bleibt das so, oder übernehmen jetzt die ganz großen Unternehmen?
Wir wissen nicht, wie es mit der GAP weiter gehen wird. Für die Landwirtschaft und für den ländlichen Raum insgesamt sind die Erneuerbaren zu einem wichtigen Standbein geworden. Das wird auch so bleiben. Diese Entwicklung lässt sich nicht zurückdrehen. Wir sprechen von Bürgerenergie und dass die Energiewende auf ganz vielen Trägern beruht. Aber natürlich sind auch die großen Unternehmen dabei. Auch RWE ist ein Träger der Energiewende und das ist auch richtig so, wir brauchen die Durchmischung.
Nicht hilfreich ist doch aber da die geplante Abschaffung der Einspeisevergütung für kleine PV-Dachanlagen, die es gerade auch auf vielen Bauernhaus- und Scheunendächern gibt …
Wir sind entschieden gegen diesen Aspekt in der geplanten Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes. Für viele Menschen gerade in der Landwirtschaft war das der Einstieg in die PV-Welt. Es ist wichtig, das auch weiter zu fördern.
Freiflächen-Photovoltaik gilt inzwischen auch als Pachtpreistreiber. Müsste nicht stattdessen noch viel mehr auf Agri-PV und deren Förderung gesetzt werden?
Agri-PV hat sich inzwischen zu einem sehr ausgefeilten System entwickelt. Nicht nur auf landwirtschaftlichen Flächen, auch im Natur- und im Moorschutz. Es gibt viele Möglichkeiten, unter den Anlagen zu wirtschaften. Wir brauchen da noch viel mehr Beratung. Das Wissen muss in die Landwirtschaft getragen werden und Vorbehalte ausgeräumt werden.
Also noch viele Baustellen …
Ja, die zwei größten politischen sind aus unserer Sicht aber im Moment das Netzpaket und das EEG mit den genannten finanziellen Einschnitten, gerade für kleine und mittelständische Akteure. Und natürlich die weiterhin ungeklärte Rolle von Biogas.
Vielen Dank für das Gespräch!
Zur Person: Ursula Heinen-Esser ist seit 2025 Präsidentin des Bundesverbandes Erneuerbare Energie. Von 2018 bis 2022 war sie für die CDU Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz in NRW. Noch davor zwischen 2007 und 2013 hatte sie in der Bundesregierung unter Bundeskanzlerin Angela Merkel das Amt der Parlamentarischen Staatssekretärin inne, erst im Landwirtschafts- und später im Umweltministerium. In letzterem war ihre Amtskollegin die heutige Bundeswirtschaftsministerin Katharina Reiche.
