Umbruch in der Fleischindustrie nimmt Fahrt auf

Marktbeobachtungen von Hugo Gödde +++ Ein Paukenschlag löst in der Fleischindustrie den nächsten ab. Der tiefgreifende Umbruch geht weiter und nimmt eher noch mehr Fahrt auf. Allein in der letzten Woche verblüfften mehrere Informationen die Branche. Deutschlands größter Putenvermarkter Heidemark steht vor dem Verkauf, meldet die „Lebensmittelzeitung“ (LZ). Im Streit um die Übernahme von Vion-Schlachtbetrieben im Süden bietet Tönnies dem Konkurrenten Westfleisch den Vortritt an. Und wieder stehen Schlachthöfe vor dem Aus: Perleberg in Mecklenburg-Vorpommern und Landshut in Bayern haben die Aufgabe beschlossen. Die Schlachthofstruktur wird immer dünner, die Lieferalternativen für die Landwirte werden immer weniger und die Transportwege für die Tiere immer länger. Die Umwälzungen in der „Rotfleisch-Sparte“ (Schwein, Rind) wie in der Verarbeitungsbranche (Wurstmarkt) sind unübersehbar. Bisher galt aber der Geflügelbereich als sicherer Hafen. Der Konsum wächst und die Preise sind gestiegen. Wird nun auch dieser Markt in die Transformation einbezogen?

Heidemark vor Verkauf... oder nicht?

Deutschlands größter Putenvermarkter Heidemark in Oldenburger Land steht kurz vor dem Verkauf, berichtet die LZ und nennt Übernahmekandidaten und mögliche Kaufpreise. Das Unternehmen dementiert postwendend, aber die Gerüchte verstummen nicht. Die Eigentümer, die Brüder Kalvelage, suchen laut Insider schon länger nach einem Käufer, auch wenn der neue Geschäftsführer Ruff (früher Tönnies) noch vor wenigen Wochen den Einstieg in die Hähnchenverarbeitung verkündet hatte. Man wolle den Bereich modernisieren, in den nächsten zwei Jahren die Hähnchenschlachtungen vervierfachen und den Umsatz von 650 Mio. € auf eine Milliarde erhöhen. Das Geschäft wolle der Konzern allein stemmen oder mit Partnern ausbauen, hatte Ruff verlauten lassen. Nun kommt wohl doch die Kehrtwende.   

Die LZ beziffert den Kaufpreis auf 200 bis 350 Mio. € und verweist darauf, dass der Deal baldigst abgeschlossen werden soll. Im Gespräch seien noch drei Interessenten, nachdem zuvor Bieter aus Frankreich und der Ukraine ausgeschieden seien. Im Rennen sind wohl noch der italienische Geflügelspezialist Veronesi, der holländische Konzern Plukon und als einziger Deutscher die Familie Tönnies. Die beiden Marktführer PHW (Wiesenhof) und Rothkötter beteiligen sich wohl aus kartellrechtlichen Überlegungen nicht am Wettbewerb.

Veronesi erwirtschafte 4 Mrd. € Umsatz, so die Analysten der LZ, und sei „ein Konzern mit einer vollständig integrierten Lieferkette von der Tierfutterproduktion über die Verarbeitung bis zum Vertrieb von Eiern, Fleisch und Wurstwaren und 9.000 Mitarbeitern.“ Die holländische Plukon Gruppe erlöst 3,4 Mrd.€ mit 9.500 Mitarbeitern in sieben Ländern und hat sechs Standorte in Deutschland. Tönnies (heute „Premium Food Group“) wird schon heute für seine Geflügelprodukte von Heidemark beliefert und würde stante pede ein komplett integriertes System in der Geflügelbranche übernehmen und seinen Anspruch als umfassender Lebensmittelkonzern unterstreichen.

Vion- Schlachthöfe wohl doch an Westfleisch  

In der letzten Woche hatte PFG-Chef Clemens Tönnies für eine weitere Überraschung gesorgt. In einer Bauernversammlung kündigte er den Rückzug aus dem Bieterwettbewerb um die drei verbliebenen Vion-Schlachthöfe an, nachdem das Kartellamt eine Übernahme verboten hatte. „Ich trete von dem Vertrag sofort zurück, wenn Westfleisch zusagt, alle drei zum Verkauf stehenden Betriebe zu übernehmen", zum Wohle der bayerischen Bauern, wie er sich ausdrückte. Der verblüffte Westfleisch-Chef Uffelmann stimmte daraufhin zu, wenn er die Bilanzen einsehen und sich mit Vion und dem Kartellamt einigen könne. 

Schlachthofschließungen mehren sich

Dass aber die Übernahme eines Schlachthofes kein Selbstläufer ist, machte die EG Südbayern deutlich, die vor 13 Monaten den Schlachthof Landshut von der Vion übernommen hat und nun die Schließung bekanntgab. Man habe die Wirtschaftlichkeit geprüft, 3,5 Mio. € Verlust im laufenden Jahr gemacht und müsse nun die Reißleine ziehen.

Bereits vor etwa zwei Jahren war der Vion-Standort in Perleberg (MeckPom) an den Schlachthof Uhlen verkauft worden. Nun steht der größte Schlachthof der Region vor dem Aus und die Rettung von Schlachtmöglichkeiten bis nach Brandenburg ist gescheitert. Schon im Januar war die Zerlegung eingestellt und 160 Mitarbeiter entlassen worden. Der Betrieb war seit längerem angeschlagen und nicht ausgelastet. Für die Tier-Region eine Katastrophe, die Transportwege würden deutlich länger und die Strukturen quasi monopolistisch, heißt es in der Branche. Einziger größerer Schlachthof im Osten ist nun der Tönnies-Betrieb in Weißenfels (Sachsen Anhalt) 

Übernahmen auch in der Wurstbranche

Die Übernahmen häufen sich auch im Fleischverarbeitungssektor. Nach der Akquisition der Markt Nr.2 „The Family Butchers“ (Kemper, Reinert) durch den Marktführer Zur Mühlen-Gruppe (PFG, Tönnies) folgte der Verkauf der Wolf Fleischwaren an die britische Morliny Foods Holding, die wiederum zur chinesischen WH Group gehört, zu der auch der amerikanische Konzern Smithfield zählt. Auch kleinere Übernahmen mehren sich, so des Schwarzwälder-Schinken-Herstellers Wein durch die Schweizer Bell (gehört zur Coop-Schweiz). Auch die Allgäu Fresh Food bleibt ein Kandidat. 

Für den Marktbeobachter belegen die Fusionen, Übernahmen, Schließungen den gewaltigen Umbruch in der Fleischindustrie. Offensichtlich sind die Margen in der Branche nicht auskömmlich. Zu hoffen, dass die Schlachthofstruktur regionaler wird, ist wohl eine Illusion. Rückläufiger Fleischkonsum verbunden mit unsicheren Märkten und sich häufenden Tierseuchen (von ASP, Blauzunge, BHV bis Vogelgrippe) führen zu sinkenden Schlachtzahlen und Überkapazitäten. Gestiegene Energiekosten und fehlendes Personal (auch die ausländischen Werksarbeiter sind nicht mehr so billig!) würden eigentlich Modernisierungsinvestitionen in Fachkräfte, Rationalisierung, Robotik und Künstliche Intelligenz erfordern. Aber dafür fehlt den meisten das Geld und die Perspektive. Das ist leider kein Kommunikations- und kein Fleisch-Imageproblem, wie manche Verbandsvertreter in Verklärung der CMA glauben. Der Strukturwandel in der Tierwirtschaft sowie die von der Politik gedrosselten Perspektiven für den Umbau der Tierhaltung tun ein Übriges, um eher Frustration oder Pessimismus hervorzubringen. Leicht wird dann auf Schuldige außerhalb der Branche gezeigt – den fehlenden Export nach China, den übermächtigen Einzelhandel oder – populistisch - auf die praxisuntaugliche Ampelregierung, um das hilflose Agieren „ihrer“ konservativen Regierung zu bemänteln. Richtig wäre es, die dynamische Transformation des Fleischsektors aktiv zu unterstützen. Tierhalter sollten ihre Chancen im Umbau der Tierhaltung nutzen. Man traut es sich kaum zu sagen, dass dabei Aldi Süd mehr Zukunft bietet als manche Bauern- oder Fleischindustriefunktionäre.