Kommentar: Haltung zeigen – Rücken stärken

Fast schon reflexhaft reden alle über „die Zahl“ – sprich: Wieviele Menschen waren dieses Jahr bei der „Wir haben es satt!“ Demonstration? Wieviele Trecker? Und ist der Fakt, dass es vor Jahren mal deutlich mehr waren, ein Zeichen dafür, dass die Demo sich erübrigt hat, quasi ausgelaufen? Ein totgerittenes Pferd, an dem manche sich verzweifelt festklammern? 
Auf einer Weihnachtsfeier sagte mir jemand mehr oder weniger im Vorbeigehen: „Hoffnung ist eine politische Entscheidung“. Dieser Satz fuhr mir mitten ins Herz. Zugegeben in ein verunsichertes, welches sich durchaus nach einer Richtschnur sehnt. Seitdem denke ich: Damit kann ich arbeiten. Es gibt so viel Düsterkeit und Rückschritte überall: die gesellschaftliche Spaltung, die ganzen Kriege, der Rechtsruck – die Liste ist lang. Es ist ein verständlicher Reflex, sich nun die Decke über den Kopf ziehen zu wollen und zu hoffen, es möge wieder besser werden. Wenn die Lösung ist, sich ins Private zurückzuziehen und die Politik anderen zu überlassen, dann haben aber die anderen – die Rechtsextremen, die Trumps, die „Alles-Zurückdreher“ gewonnen. Dazu darf es nicht kommen!

"Hoffnung ist eine politische Entscheidung"

Hoffnung ist eine politische Entscheidung heißt auch, dass ich – trotz aller Düsterkeit und schrecklichen Nachrichten – mich täglich und mal mehr, mal weniger erfolgreich dafür entscheiden muss, hoffnungsvoll zu sein. Und das gilt auch, obwohl die aktuelle Agrarpolitik schadet. Sie trägt zur Spaltung im Berufsstand bei. Sie bestärkt diejenigen, die sich freuen, wenn bürokratischer Nervkram weggewischt wird und dabei lästige Umweltauflagen gleich mit. Wenn dann auch noch DBV-Präsident Joachim Rukwied fordert: alle Gesetze, die seit 2010 entstanden sind, bitte „per Rasenmähermethode“ wieder weg und neu aufsetzten, ist dies ein Frontalangriff auf den Green Deal und sämtliche Ideen aus der ZKL. Nachhaltiges Wirtschaften soll sich ökonomisch lohnen, die GAP-Gelder stetig umgebaut werden zugunsten der Honorierung von Gemeinwohlleistungen? Alles wird der Wettbewerbsfähigkeit und der Ernährungssicherung untergeordnet. Als würden nicht längst die Folgen der Klimakrise die Ernährungssicherung bedrohen und als wären nicht schon längst Gerichtsurteile gefällt, die das Leben der Bäuer*innen per Ordnungsrecht schwer machen.
Die aktuelle Agrarpolitik schadet aber auch denjenigen Bäuer*innen, die sich gerade auf den Weg machen wollten. Beispielsweise zahlreiche Sauenhalter*innen, denen das Jahr 2029 und damit das Ende des Kastenstands im Nacken sitzt. Denen, die nun umbauen wollten, wurden mir nichts, dir nichts von ihrem eigenen eigentlich obersten Interessenvertreter, dem Bundeslandwirtschaftsminister, die Fördergelder für bessere Ställe und laufende höhere Mehrkosten gestrichen. Ein dramatischeres Signal an sie kann es kaum geben. In einer Zeit, in der die gesellschaftliche Spaltung überall zunimmt, ist dies fatal.

"Trecker inmitten der Demo, umringt von Menschen aus der Mitte der Gesellschaft. Landwirtschaftspolitik ist Gesellschaftspolitik."

Was ist also die Lösung: Echte Verbesserungen statt Symbolpolitik! Gerechte Preise statt Exportstrategie, Sicherung gentechnikfreier Märkte, verlässliche Finanzierung vom Umbau der Tierhaltung sind dabei nur ein paar der Schlagworte. Eine Agrardemo mit dem Titel „Haltung zeigen!“ trifft es dabei sehr gut: Wir zeigen Haltung für die Werte, die uns im breiten Bündnis wichtig sind. Und wie war sie nun? Unabhängig von der Anzahl der Demonstrierenden vor Ort: Es war wieder ein kraftvolles Zeichen, die Trecker inmitten der Demo, umringt von Menschen aus der Mitte der Gesellschaft. Landwirtschaftspolitik ist Gesellschaftspolitik. Und dies ist wichtiger denn je und macht Hoffnung.