Kommentar: Direktvermarktung unter Druck

Nach jahrelangem Aufwärtstrend der Umsätze im Bereich Direktvermarktung von

Bio- und regionalen Lebensmitteln ist seit dem letzten Jahr eine negative Trend-

wende in diesem Bereich eingetreten. Die Verbraucher/innen setzen bei ihren Lebens-

mitteln vermehrt auf den vermeintlich billigeren Einkauf andernorts.

Profiteure von diesem Trend sind in erster Linie die Discounter, denn Bio soll es mög-

lichst schon sein. Damit sich der Bio-Einkauf möglichst günstig gestaltet, greifen immer

mehr Verbraucher/innen zu Bio-Produkten der Eigenmarken bei den Discountern, ohne

sich über die negativen Konsequenzen für die Strukturen auf den Erzeugerbetrieben, bei

der Verarbeitung und beim Handel im Klaren zu sein. Denn für Direktvermarkter und

den Naturkosteinzelhandel ist diese Entwicklung sehr schwierig und zum Teil existenz-

bedrohend. Besonders hart trifft es Neueinsteiger, die noch keinen festen Kundenstamm

aufbauen konnten. Höfe, die bereits länger aktiv direktvermarkten, haben es da noch

etwas einfacher. Hier zahlt sich das oft in jahrelanger ehrlicher und vertrauensvoller

Weise aufgebaute Kundenvertrauen aus. Um sich in der aktuellen Trendumkehr behaup-

ten zu können und nicht auf der Strecke zu bleiben, müssen sich die lokalen und regio-

nalen Vermarkter/innen aus Landwirtschaft und Handwerk weiteren Herausforde-

rungen stellen und zusätzliche Anstrengungen unternehmen. Mögliche Lösungsansätze

sind neue Absatzwege und ein erweiterter Service. Beides ist mit zusätzlichen Kosten

und erhöhtem Arbeitseinsatz verbunden. Dabei ist die arbeitswirtschaftliche Situation

auf vielen direktvermarktenden Höfen bereits jetzt schon stark ausgereizt bzw. sogar

überreizt.

Preisanpassungen nach unten sind in den meisten Fällen nicht möglich, da dies die Ko-

stenstruktur nicht zulässt. Hier liegt aus meiner Sicht das größte Problem. Kleine und

mittlere landwirtschaftliche und handwerkliche Betriebe haben im Verhältnis zum Um-

satz eben weit höhere Kosten als die großen Handels- oder Verarbeitungsriesen.

Sie sorgen aber im Umkehrschluss für Arbeitsplätze und Kaufkraft besonders in länd-

lichen Regionen. Problematisch ist es, wenn diese Kaufkraft zu den großen Konzernen

abwandert, die kaum Arbeitsplätze im ländlichen Raum bieten und die Gewerbesteuer

ganz woanders zahlen. Um dem entgegenzuwirken, müssen die Rahmenbedingungen so

angepasst werden, dass es sich für die einzelnen Verbraucher/innen wieder lohnt, bei

lokalen oder regionalen Anbietern einzukaufen. Auch volkswirtschaftlich wäre das sinn-

voll. Wie das steuerrechtlich und allgemein praktikabel zu lösen ist, sollte von Fachleu-

ten ausgearbeitet werden, möglichst, ohne die Fehler der GAP zu wiederholen. Bei der

GAP ist es ja leider bisher so, dass, wer viel Fläche hat, viel bekommt, ohne dass die

Struktur eine Rolle spielt. Hier bemüht sich die AbL ja schon sehr lange, mit sinnvollen

Vorschlägen Änderungen durchzusetzen. Es wäre gut, einen Lösungsansatz auszuarbei-

ten, durch den lokale und regionale Strukturen in Verarbeitung und Vermarktung wett-

bewerbsfähiger werden und Verbraucher/innen dafür belohnt werden, hier einzukaufen.

Eine weitere Maßnahme zur Verbesserung der Situation sehe ich darin, die Preiswerbung

für Lebensmittel gänzlich zu verbieten. Dann müssten alle Anbieter von Lebensmitteln

ihre Produkte durch Aussagen über besondere Qualitäten oder regionale Herkunft

bewerben. Das Argument „Geiz ist geil“, möglichst viel für wenig Geld, würde stark an

Bedeutung verlieren. Beim Einkaufsverhalten könnten sich so die Prioritäten verändern,

hin zu einer nachhaltigeren Produktion.

Diese Vorschläge mögen manchem nicht umsetzbar erscheinen und auch Gegenwind

erzeugen. Trotzdem denke ich, es lohnt sich, der Qualität von Lebensmitteln mehr

Bedeutung zuzumessen und diese auch im Laden sichtbar zu machen.

Packen wir´s an!