Biogas kann nach Ansicht des Thinktanks Agora Agrar einen wichtigen Beitrag zur Energiewende und zu einer nachhaltigeren Landwirtschaft in Deutschland leisten. Der Einsatz multifunktionaler Substrate eröffne der Branche neue Chancen - wenn jetzt die richtigen politischen Rahmenbedingungen geschaffen würden.
Biogas hat in Deutschland dann eine starke Zukunftsperspektive, wenn es andere erneuerbare Energien wie Wind und Sonne flexibel ergänzt und zugleich die Klima- und Umweltleistungen der Landwirtschaft stärkt. Zu diesem Ergebnis kommt ein neues Impulspapier des Thinktanks Agora Agrar, das den Mehrwert sogenannter „multifunktionaler Substrate" untersucht. „Damit bei der Biogasproduktion Substrate eingesetzt werden, deren Anbau oder Vergärung einen Beitrag zu Biodiversität, Bodenschutz oder Minderung von Treibhausgasemissionen in der Landwirtschaft leisten, müssen Energie-, Klima- und Agrarumweltpolitik besser miteinander verzahnt werden", sagt Harald Grethe, Co-Direktor von Agora Agrar.
In einer von Agora Agrar beauftragten Analyse hat das Kuratorium für Technik und Bauwesen in der Landwirtschaft (KTBL) die Kosten und Leistungen multifunktionaler Biogassubstrate mit einjährigen Energiepflanzen verglichen. Zu den untersuchten Substraten zählen pflanzliche Reststoffe und Zwischenfrüchte, Nebenprodukte wie Maisstroh oder Wirtschaftsdünger, mehrjährige Energiepflanzen wie die Durchwachsene Silphie und der Aufwuchs von Landschaftspflege- und Blühflächen.
Die KTBL-Analyse zeigt laut Agora Agrar, dass einige multifunktionale Biogassubstrate, insbesondere Mais- und Getreidestroh, schon heute mit den gängigen Energiepflanzen wie Silomais konkurrieren können. Mehrjährige Energiepflanzen verbinden gute Energieerträge mit wertvollen Leistungen für Boden-, Gewässer- und Biodiversitätsschutz. Andere Substrate, wie etwa Grasschnitt oder Biomasse aus der Landschaftspflege sind vergleichsweise teuer. Auch ihre Nutzung könne wirtschaftlich attraktiv werden, wenn ihre Umweltleistungen entlohnt werden.
EEG-Reform: Marktprämie gezielt auf multifunktionale Substrate lenken
Die Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG), die derzeit im Bundestag verhandelt wird, kann bessere Rahmenbedingungen für den Einsatz multifunktionaler Substrate schaffen. Agora Agrar schlägt vor, die EEG-Marktprämie künftig ausschließlich für Strom aus multifunktionalen Substraten zu zahlen. Einjährige Energiepflanzen könnten weiterhin genutzt werden, ihr Einsatz müsste sich dann aber ausschließlich über den Börsenstrompreis finanzieren. Der aktuell im Kabinettsentwurf enthaltene "Maisdeckel" entfiele. „Mais wird derzeit in EEG-Anlagen vor allem durch Zuckerrüben und Getreide-Ganzpflanzensilage ersetzt, die weder aus ackerbaulicher noch aus ökologischer Perspektive vorteilhafter sind – der Maisdeckel wirkt daher wenig zielgerichtet", sagt Tom Hollander, Ackerbau-Referent und Hauptautor des Agora-Impulspapiers. „Wird eine Marktprämie jedoch nur für multifunktionale Substrate gezahlt, hat das eine starke Lenkungswirkung."
Mais und andere einjährige Energiepflanzen mit einem besonders hohen Energiegehalt würden dann vermutlich vor allem in der kälteren Jahreshälfte genutzt, um in Phasen mit hohen Strompreisen viel Biogas zu produzieren. Ein höherer Flexibilitätszuschlag im EEG 2027 könnte etwaige Einkommensverluste für Anlagenbetreibende abfedern.
Agrar- und Klimapolitik: Umweltleistungen honorieren
Agrar- und klimapolitische Förderinstrumente können laut Agora Agrar die spezifischen Umweltleistungen multifunktionaler Biogassubstrate kosteneffizienter honorieren als pauschale EEG-Marktprämien. So lasse sich etwa der Anbau mehrjähriger, blühender Energiepflanzen über die Gemeinschaftsaufgabe Agrarstruktur- und Küstenschutz (GAK) gezielt dort fördern, wo er den größten ökologischen Nutzen bringe. Für Wildpflanzenmischungen gebe es im aktuellen GAK-Rahmenplan bereits ein beispielgebendes Förderprogramm, das sich noch attraktiver ausgestalten ließe. Zudem könnte der GAK-Rahmenplan künftig weitere mehrjährige Kulturen fördern, etwa Durchwachsene Silphie.
Auch klimapolitische Anreize können nach Ansicht von Agora Agrar helfen, multifunktionale Biogassubstrate wirtschaftlicher zu machen. Wenn Biogasanlagen pflanzliche Reststoffe und Wirtschaftsdünger anaerob vergären, mindere das die Treibhausgasemissionen der Landwirtschaft besonders wirksam. Bisher werde aber nur etwa ein Drittel des in der deutschen Nutztierhaltung anfallenden Wirtschaftsdüngers in Biogasanlagen vergoren – technisch möglich wären rund 70 Prozent. Auch private Kohlenstoffmärkte, für die aktuell auf EU-Ebene ein gemeinsamer Zertifizierungsrahmen entwickelt wird, könnten dafür wichtige Impulse liefern.
Die Reformfenster nutzen
Gerade die Gleichzeitigkeit der anstehenden Reformen des EEG und der GAP bieten die Gelegenheit, die energie- und agrarpolitischen Rahmenbedingungen für den Einsatz multifunktionaler Biogassubstrate aufeinander abzustimmen. „Wenn es jetzt gelingt, die Perspektive auf Biogas zu erweitern und Klima-, Boden-, Gewässer- und Biodiversitätsleistungen zu honorieren, entstehen Synergien, die nicht nur die Zukunftsfähigkeit der Branche, sondern auch ihren gesellschaftlichen Rückhalt stärken", sagt Christine Chemnitz, Co-Direktorin von Agora Agrar. Biogasanlagen würden so zu einem wichtigen Instrument für den Klima- und Agrarumweltschutz.
