Das von den Vereinten Nationen ausgerufene Internationale Jahr der Frauen in der Landwirtschaft und die vom niedersächsischen Justizministerium veranstaltete Woche der Gerechtigkeit hat das dortige Landwirtschaftsministerium gemeinsam mit der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft Niedersachsen/Bremen (AbL), der Konföderation der evangelischen Kirchen in Niedersachsen und dem Landesfrauenrat Niedersachsen e.V. zum Anlass genommen, um über Herausforderungen und Chancen für Frauen in der Landwirtschaft zu diskutieren. Im Mittelpunkt der Fachtagung stand das Motto: „Zugang. Teilhabe. Gerechtigkeit. – Frauen gestalten Agrarpolitik in Niedersachsen.“
Niedersachsen will, wie schon in einer Veranstaltung zuvor (die Bauernstimme berichtete) verkündet, die strukturellen Rahmenbedingungen für Frauen in der Landwirtschaft stärker in den Blick nehmen. Dazu gehört insbesondere der Zugang zu Land und Kapital, die Vereinbarkeit von Familie und Betriebsführung sowie die soziale Absicherung selbstständiger Unternehmerinnen. Auch bei der Weiterentwicklung der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) sollen die besonderen Bedarfe von Frauen stärker berücksichtigt werden.
Das geplante Niedersächsische Agrarstrukturgesetz kann nach Ansicht des Ministeriums einen wichtigen Beitrag dazu leisten, die Chancengleichheit für Frauen in der Landwirtschaft zu verbessern – insbesondere beim Zugang zu landwirtschaftlichen Flächen. Das Ziel ist es, Ungleichheiten abzubauen und Frauen dabei zu unterstützen, ihre Potenziale zu entfalten und ihre Kompetenzen einzubringen. Mit dem Agrarstrukturgesetz soll der Zugang zu Grund und Boden künftig vorwiegend bäuerlichen Betrieben zugutekommen, die ihn selbst bewirtschaften. Davon können Frauen profitieren, die einen landwirtschaftlichen Betrieb führen, gründen oder übernehmen wollen.
Dazu erklärt Landwirtschaftsministerin Miriam Staudte: „Die Stärkung des Zugangs von Frauen, Junglandwirtinnen und Existenzgründerinnen zu Boden ist elementar für die Sicherung bäuerlicher Betriebe, die nachhaltige Landbewirtschaftung und eine vielfältige Agrarstruktur vor Ort. Gleiche Chancen beim Zugang zu Boden bedeuten gleiche Chancen für unsere Gesellschaft, unsere Umwelt und unsere Landwirtschaft. Das Niedersächsische Agrarstrukturgesetz schafft dafür einen wichtigen Rahmen: Es kann helfen, bestehende Barrieren abzubauen, Türen zu öffnen und Frauen als gleichberechtigte Partnerinnen in der Landwirtschaft zu stärken.“
Wesentliche Eckpunkte der Gesetzesinitiative sind laut Ministerium:
- Vorrang von Landwirtinnen und Landwirten beim Zugang zu landwirtschaftlichen Flächen.
- Stärkung der Preismissbrauchsregelung: Bodenspekulation soll verhindert und die Steigerung von Bodenpreisen gedämpft werden, damit Grund und Boden für Personen ohne großes Erbe oder Großkapital bezahlbar bleiben.
- Stärkere Möglichkeit der Versagung bei Flächenkonzentration: Dadurch entstehen zusätzliche Chancen für andere Betriebe, Junglandwirtinnen und Junglandwirte und Existenzgründerinnen und Existenzgründer.
- Stärkere Berücksichtigung regionaler Bezüge: Dies erhöht auch lokale Chancen für Frauen in ländlichen Räumen.
- Das Vorkaufsrecht des Siedlungsunternehmens kann künftig zur Preisreduzierung eingesetzt werden, was Junglandwirtinnen, Existenzgründerinnen und jungen Familien Hilfestellung bieten kann.
- Die doppelte Grunderwerbsteuer bei Vorkaufsrechtsausübung entfällt, sodass sich die Erwerbsnebenkosten reduzieren.
- Schutz vor branchenfremden Großinvestoren: Durch Einführung einer Zustimmungspflicht der Genehmigungsbehörden für sogenannte Share Deals an Gesellschaften mit ländlichem Grundbesitz soll die Einflussnahme branchenfremder Investoren begrenzt werden. Dies stärkt auch den Zugang von Frauen zu landwirtschaftlichen Flächen.
- Stärkere Beteiligung von Frauen: Frauen sollen in den Grundstückverkehrsausschüssen vermehrt an Gremien und Entscheidungsrechten beteiligt werden.
Im Rahmen der Fachtagung erklärt Anika Berner, Co-Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft Niedersachsen/Bremen: „Wer über eine zukunftsfähige und vielfältige Landwirtschaft spricht, muss auch über die Perspektiven von Frauen – jungen Landwirtinnen und Existenzgründerinnen – sprechen. Sie stehen dabei häufig vor besonderen Hürden, die unbedingt abgebaut werden müssen. Chancengleichheit in der Landwirtschaft ist nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit für Frauen – sie stärkt unsere gesamte Landwirtschaft nachhaltig.“
Chancengleichheit betont auch Dr. Barbara Hartung vom Landesfrauenrat Niedersachsen e.V.: „Strukturelle Chancengleichheit ist eine unabdingbare Voraussetzung dafür, das Innovationspotenzial von Frauen wirksam werden zu lassen. Der Landesfrauenrat Niedersachsen setzt sich seit Jahren intensiv für eine gleichberechtigte Beteiligung von Frauen an Entscheidungsprozessen und in Führungspositionen ein.“
Und Gesine Harleß, Präsidium des niedersächsischen Landfrauenverbandes, erklärt: „Frauen gehen mit einem anderen Blick über den Hof, sehen Dinge, wo die Männer manchmal nicht so genau hinschauen. Aber sie müssen nach wie vor auch für ihre Sichtbarkeit in der Landwirtschaft streiten. Dazu gehört auch eine bessere soziale Absicherung: in der Partnerschaft, durch besseren Mutterschutz, durch die Modernisierung der Eigentumsverhältnisse.“
In einem folgenden moderierten Gespräch kamen in der Tagung drei sehr unterschiedliche Bäuerinnen mit ihren Geschichten zu Wort. Die junge Existenzgründerin Charlotte Niekamp, Betriebsleiterin der Gärtnerei „Kraut und Blüten“ in Dörverden, betonte einmal mehr, wie schwierig der Einstieg in die Landwirtschaft für jemanden ohne Hoferbe oder finanzielle Mittel und dann auch noch als Frau in einer Männerdomäne immer noch ist. Und gleichzeitig verwies sie auf die große Hilfe von Menschen aus ihrer Umgebung und auf die finanzielle Unterstützung durch die neu eingeführte Existenzgründungsprämie durch das Landwirtschaftsministerium für Niedersachsen.
Anne Dörthe Neumann ist Betriebsleiterin eines Milchviehbetriebs in Fredenbeck. Sie übernahm den elterlichen Hof zu Zeiten als es noch ungewöhnlicher war als heute, dass Töchter Höfe übernahmen. Aber für sie war immer klar, dass sie den Betrieb gemeinschaftlich mit ihrem Mann führen wollte. Sie betont, wie wichtig und gleichzeitig immer noch oft nur unzureichend umgesetzt eine Absicherung für alle die Frauen auf Höfen ist. Zu oft arbeiteten sie voll mit, hielten den Laden am Laufen und stünden doch mit leeren Händen dar, wenn es alles nicht nach Plan laufe. Auch sie habe mit ihrem Mann und dem Betrieb auch schwierige Jahre durchstehen müssen, Gemeinschaft, auch Familie habe ihr geholfen.
Sie hat den Oscar der Landwirtschaft letztes Jahr gewonnen: Silke Herse, Betriebsleiterin des Bickbeerenhof Landesbergen, hat in der Heide einen Betrieb mit Blaubeeren und einer umfangreichen, vielfältigen Vermarktung und Gastronomie aufgebaut und wurde auch dafür mit dem Ceres Award ausgezeichnet. Sie war das „dritte Kind“ auf dem Hof und niemals für die Hofnachfolge vorgesehen, habe sich alles von ihrem Vater erkämpfen müssen. Familie war aus ihrer Sicht eine Bremse und gleichzeitig Ansporn zu zeigen, dass doch möglich ist, was ihr abgesprochen wurde. Sie habe Bildungsangebote angenommen und darüber nicht nur Fachwissen sondern auch das Standing gewonnen, in einer Männer- und Unternehmerwelt zu bestehen.
Auch in der anschließenden Debatte mit dem Publikum wurde immer wieder deutlich, wie wichtig gemeinsames Stärken, Austausch und bessere Absicherung ist, um Frauen auch und gerade in der Landwirtschaft weiter nach vorne zu bringen. Das Schlusswort der Fachtagung sprach mit Eberhard Prunzel-Ulrich von der AbL Niedersachsen ein Mann mit der Aufforderung an seine Geschlechtsgenossen, die Frauen endlich angemessen zu unterstützen.
