Wissenschaftler fordern mehr Agrarökologie für die Artenvielfalt

Die Bewahrung der Artenvielfalt kann nur mit einer nachhaltigen Landwirtschaft gelingen, betont ein Team von Wissenschaftlern am 20. Juli in der Fachzeitschrift „Nature Ecology and Evolution“ und fordert die Einbeziehung agrarökologischer Prinzipien in internationale Biodiversitätsstrategien. Dieses Thema steht im kommenden Jahr in China auf der Agenda, wenn sich die Staatengemeinschaft Covid-19-bedingt ein Jahr später als geplant zur 15. Vertragsstaatenkonferenz des Übereinkommens über die biologische Vielfalt (CBD) trifft, um das globale Biodiversitätsrahmenwerk für die Zeit nach 2020 zu verabschieden. Dieses soll konkrete Ziele enthalten, mit deren Hilfe die Artenvielfalt bewahrt werden soll. Die Forscher um Hauptautor Prof. Dr. Wanger von der Universität Göttingen fordern nun, agrarökologische Grundsätze in das Global Biodiversity Framework (GBF) aufzunehmen: „Wir plädieren dafür, dass Erhaltungsmaßnahmen in Agrarlandschaften, die auf agroökologischen Prinzipien beruhen (…), im GBF in den drei Aktionsziele für 2030 aufgenommen werden“, schreiben sie. Denn „es ist weithin anerkannt, dass es eines agrarökologischen Wandels bedarf, um nachhaltigere Ernährungssysteme zu erreichen.“ Mehr als 360 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus aller Welt stimmen dieser Ansicht zu und haben den Artikel bereits unterzeichnet.

Die Autoren betonen zunächst die bedeutende Rolle der Landwirtschaft, die das Überleben der wachsenden Weltbevölkerung sichert und dafür mehr als ein Drittel der globalen Landmasse einnimmt. „Doch die Umwandlung naturnaher Lebensräume in landwirtschaftliche Nutzflächen und konventionelle landwirtschaftliche Bewirtschaftungsformen, einschließlich des starken Einsatzes von Agrochemikalien, haben negative Auswirkungen auf die biologische Vielfalt“, so die Verfasser. Die Landwirtschaft, so wie sie derzeit praktiziert wird, ist für die Gefährdung von rund 62% aller bedrohten Arten weltweit verantwortlich ist. Doch das muss nicht so sein: „Die Agrarökologie hat das Potenzial, die Art und Weise, wie wir Landwirtschaft betreiben, zu verändern“, sagt Mitautor Prof. Dr. Teja Tscharntke von der Uni Göttingen. Bei entsprechender Gestaltung könnten Agrarlandschaften den Autoren zufolge sowohl die Ernährung sichern als auch Lebensräume für die biologische Vielfalt bieten, die Vernetzung zwischen Schutzgebieten fördern und die Fähigkeit der Arten erhöhen, auf Umweltbedrohungen zu reagieren. „Die Art und Weise wie wir künftig unser Land nutzen, wird mitentscheiden, ob wir den Verlust an biologischer Vielfalt stoppen können“, betont Prof. Josef Settele, Mitautor und Ko-Vorsitzender des Globalen Berichtes des Weltbiodiversitätsrates IPBES. „Aber die Landwirte allein können das nicht schaffen. Handlungsbedarf besteht für die Politik ebenso wie über die gesamte Versorgungskette – von der verarbeitenden Industrie über den Vertrieb bis hin zu den Verbrauchern.“

Von einer nachhaltigen und diversifizierten Landwirtschaft profitieren dem Artikel zufolge alle, vor allem aber auch die Landwirte. Zum einen verbessern diversifizierte Nutzungskonzepte landwirtschaftlicher Flächen die biologische Vielfalt und die Bestäubung und verringern die Auswirkungen von Krankheitserregern und Schädlingen. Zum andern bieten sie Landwirten eine erhöhte wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit, geringere Abhängigkeit von agrochemischen Betriebsmitteln und in Subsistenzsystemen vielfältigere und nahrhaftere Lebensmittel. Die häufig angeführten Ertragsunterschiede zwischen konventioneller und ökologischer Wirtschaftsweise könnten künftig durch neue Nutzpflanzensorten und kombinierte Anbausysteme weiter verringert werden. „Die Bedeutung der Agrarökologie für die Veränderung der Landwirtschaft und den Schutz der Biodiversität haben viele hochrangige Organisationen in Wissenschaft und Praxis anerkannt“, sagt Prof. Dr. Wanger. Der Artikel verweist für das Verständnis von Agrarökologie dabei vor allem auf einen Bericht des hochrangigen Expertengremiums (HLPE) des UN-Ausschusses für Welternährungssicherung (CFS) von 2019, der sich mit agrarökologischen und anderen innovativen Ansätzen befasst.

Doch um eine ökologische Landwirtschaft voranzubringen, sehen die Wissenschaftler noch die Notwendigkeit, die agrarökologische Forschung zu stärken und zu verändern. Dies sei nur durch weltweit koordinierte Maßnahmen möglich. Die Forschung zu Agrarökologie müsse sich von traditionellen Ansätzen verabschieden und sich zunehmend in globalen Forschungsnetzwerke unter Einbeziehung aller Stakeholder organisieren. Es sei wichtig, mit Landwirten, indigenen Völkern und lokalen Gemeinschaften zusammenzuarbeiten, sie zu unterstützen und auch ihr Wissen und ihre Sichtweisen einzubeziehen. Nur so könnten Maßnahmen definiert werden, die in der Praxis und im Großen und im Kleinen funktionieren. Zudem müssten politische Entscheidungsträger durch leicht zugängliche Beratung in die Lage versetzt werden, Veränderungen herbeizuführen, vor Ort innovative Systeme ins Leben zu rufen und sich dafür einzusetzen, dass Gelder für einen agrarökologischen Wandel bereitgestellt werden. Öffentliche und private Geldgeber müssten dafür gewonnen werden, langfristige Forschungsprogramme zu unterstützen, denn agrarökologische Maßnahmen benötigen einen längeren Zeitrahmen. „Wir hoffen, dass unsere umfassende Forschungsagenda dazu beitragen wird, den Weg zu einer nachhaltigen, diversifizierten Landwirtschaft und zur Erhaltung der Biodiversität in der Zukunft zu beschreiten“, unterstreicht Dr. Tscharntke. (ab)

Eine Meldung von weltagrarbericht.de

24.07.2020
Von: ab/weltagrarbericht.de

Wissenschaftler fordern mehr Agrarökologie für die Artenvielfalt bei der Gestaltung der Agrarlandschaften. Foto: FebL