Turbulenzen auf dem Schweinemarkt gehen weiter

Anfang des Jahres erwarteten alle Experten für den deutschen und europäischen Schweinemarkt noch ein glänzendes Jahr 2020. Schweine und Ferkel knapp, China kauft alles, Preis im Jahresschnitt zwei Euro und mehr, Ferkel 70 € plus.

Dann kam Corona – erst in China mit „vorübergehenden“ Exportausfällen, dann auch bei uns mit Sperrung der Gastronomie usw. Aber der Run auf den Einzelhandel glich es einigermaßen aus. Und die EU- Exporte nach China erhöhten sich im ersten Quartal um 72%. Damit ging mehr als die Hälfte des Schweinefleischexports der EU ins Reich der Mitte. Besonders profitierten davon Spanien und Dänemark. Aber auch die deutschen Exporteure legten um 4% zu und hielten einen Anteil am EU- Export von 22%. Der um 28% gestiegene deutsche Export nach China kostete zugleich Anteile innerhalb Europas. Die Grenzsperren im März/ April wirkten sich besonders im Geschäft mit Italien, Niederlande und Polen mit minus 10% negativ aus. Die Märkte wurden unübersichtlich und mussten sich neu sortieren. Bis Mitte April konnte der Schweinepreis noch bei 1,85 €/ kg gehalten werden.

Corona- Infektionen auch in deutschen Schlachthöfen
Nachdem vor allem in den USA große Schlachthöfe geschlossen worden waren, breiteten sich dann ab Ende April/ Mai Infektionen mit dem Covid19- Virus auch in deutschen Schlachthöfen aus. Zunächst bei Müller- Fleisch, anschließend bei Westfleisch, Vion, Westcrown (Tochter von Westfleisch/ Danish Crown) mit dem Höhepunkt bei Tönnies in Rheda- Wiedenbrück ab Mitte Juni. Schlachthöfe wurden vorübergehend für einige Wochen geschlossen. Auch in Schlachthöfen oder Zerlegebetrieben in Niederlande, Frankreich, Großbritannien wurden Infektionen bei 20- 30% der Mitarbeiter festgestellt. Besonders die Schließung des größten deutschen Schlachthofes von Tönnies trieb die Turbulenzen auf die Spitze, zumal auch andere Schlachthöfe wegen der Abstandsregelung u.a. die Kapazitäten zurückfahren mussten. Seit Mitte Juni sind die Schlachtungen um ca. 15% bundesweit reduziert, was spätestens seit Anfang Juli zu großen „Staus“ in den Ställen führt. Experten sprechen schon jetzt von einem Überhang von fast einer halben Million Schweine in Deutschland. Hinzu kommt, dass der Fleischabsatz im Inland spürbar zurückgeht. Und den Schweine- und Ferkelpreis gegenüber dem Jahresanfang um 30- 40% abstürzen lässt. Allein diese Woche fällt der Ferkelpreis noch einmal um 20% auf 39 €/ Ferkel.

Coronakrise als Beginn einer Dauerkrise?
Wie es weitergeht, bleibt völlig unklar. Die Behörden stehen im Dilemma zwischen Gesundheitsschutz der Bevölkerung und Tierschutz bzw. Einkommensverlusten der Erzeuger. Selbst Schlachthoföffnungen unter verschärften Auflagen zur Sicherheit der Mitarbeiter werden kurzfristig wenig Entlastungen bringen. Und jetzt haben auch noch die Chinesen „Corona- Lieferanten“ in Deutschland und in aller Welt gesperrt, neben Tönnies noch Werke in USA, Brasilien, Niederlande, Kanada und Argentinien. Sie verlangen inzwischen Bescheinigungen, dass die Waren (nicht nur Fleisch) frei von Corona- Viren sind.

Glücklicherweise sind wir (noch) nicht soweit wie in den USA, wo ein Millionenberg an Schweinen geschoben wird, der Preis auf unglaubliche 0,60 €/kg gefallen ist und laut US- Ökonomen seit März über 2 Mio. Schweine „verschwunden“ sind, entweder durch Direktverkauf oder durch „Sterbehilfe“ der Landwirte.

Tiefe Spuren
Man braucht kein großer Prophet dafür zu sein, dass diese Krise tiefe Spuren hinterlassen wird - bei den Erzeugern (Bestandsreduktion, „Strukturwandel“), bei der Schlachtung/ Verarbeitung (Abschaffung der Werksverträge u.a., Pandemieauflagen), bei der Vermarktung im Inland (Rückgang des Fleischverzehrs) und Ausland (Preiskampf um Exporte usw.). Es zeigt sich, dass ungenügendes und zu spätes Eingreifen („Aussitzen“) der Politik sich irgendwann rächt, sei es in der Frage der Ausbeutung der ausländischen Arbeitnehmer, bei den Risiken der Schlachthofkonzentration oder in Produktion bzw. Handel von Billigfleisch. Die Coronakrise hat die Probleme wie im Brennglas öffentlich gemacht.

Es wäre klug, wenn die Schweinehalter Verbündete in der Gesellschaft (nicht nur in der systemrelevanten, aber ungeliebten Fleischindustrie) suchen und finden, damit sie nicht zum Schluss die Zeche zahlen. (hg)