Bauernstimme Nachrichten: Eine Frage vorweg - die Ampel ist gerade ein Jahr im Amt. Überall wird Zwischenbilanz gezogen. Von „rumpelig“ über „mutlos“ bis „lernfähig und kooperativ“ reicht die Bewertung. Minister Özdemir wird als beliebtester Ankündigungsminister tituliert. In der AbL sind viele enttäuscht. Haben wir zu viel erwartet von der „großen Politik“?
Reimer: Ich glaube, dass man dieses Jahr mit dem Überfall auf die Ukraine, den explodierenden Energiepreisen und vielen anderen überraschenden Ereignissen nicht als Maßstab für eine Bewertung nehmen kann.
Die Koalition hat als Schwerpunkt den Umbau der Tierhaltung. Das gilt als Einstieg in den Umbau der Landwirtschaft insgesamt. Die AbL nennt das auch Agrarwende. Stehen wir tatsächlich am Anfang eines Transformationsprozesses oder ist das nur ein politischer Kampfbegriff?
Reimer: Transformationsprozess ist zunächst ein neutraler Begriff und beschreibt gut, was uns in fast allen Bereichen bevorsteht. Für die Landwirtschaft wäre der Umbau eine Chance, die Konzepte liegen vor und die Branche war noch nie so veränderungsbereit. Allerdings wird dieser Prozess jetzt durch die allgemeinpolitische Situation überlagert. Dadurch relativiert sich die Bedeutung des landwirtschaftlichen Umbaus.
Eine solche Transformation ist ein schwieriger gesamtgesellschaftlicher Prozess. Man sieht es aktuell an der Energiewende. Auch die betrifft die Landwirtschaft. Wird man in Zukunft weniger öl-, gas- oder kohlebasiert Ackerbau und Viehzucht betreiben und was heißt das?
Reimer: Eigentlich müssen wir das tun. Aber nach den Ergebnissen der letzten weltweiten Klimakonferenz ist das 1.5 Grad Maximalerwärmungsziel in weite Ferne gerückt; es wird schwierig, die 2 Grad zu erreichen. Die Landwirtschaft wird sich hier im Geleitzug der Gesamtentwicklung bewegen. Die Transformation würde bedeuten, dass wir viele Entwicklungen der letzten Jahrzehnte korrigieren müssen. Wir müssten einen Teil der Moore renaturieren, die Viehhaltung reduzieren, die Nährstoffkreisläufe zwischen Tier und Pflanze wieder enger zusammenbringen, unsere Fruchtfolgen im Ackerbau verändern (mehr Leguminosen und weniger Futtergetreide und Mais) und die Energiequelle Sonne besser nutzen. Das alles kann nur schrittweise gehen und muss sich wirtschaftlich tragen.
Du bist seit ein paar Wochen Vorsitzender der Agrarsozialen Gesellschaft (ASG). Was ist die Aufgabe und die Kernkompetenz der ASG?
Reimer: Die ASG ist eine Art „think tank“, deren Kernkompetenzen im Bereich der Politik für ländliche Räume liegt und die über ein großes Netzwerk an Personen verfügt, die in Ministerien und Verwaltung oder an Hochschulen tätig sind oder waren. Die Landwirtschaft ist dabei ein wichtiger Teil, da ihre Gesamtbedeutung weit über den rein ökonomischen Beitrag hinausgeht.
Der Strukturwandel in der Landwirtschaft hatte schon in der Vergangenheit erhebliche Konsequenzen für die Agrarstruktur und die Entwicklung der ländlichen Räume. Die Landwirtschaft spielt eine immer geringere Rolle. Welche Bedeutung wird der agrarische Umbau für die Menschen auf dem Land haben? Oder anders gefragt: hat er überhaupt noch eine Bedeutung?
Reimer: Wie angedeutet ist der ökonomische Beitrag der alleinigen Agrarproduktion selbst in den ländlichen, oft als peripher bezeichneten Landkreisen nicht entscheidend, das betrifft sowohl die Zahl der Arbeitsplätze als auch den Beitrag zum regionalen Bruttonationalprodukt. Im Gesamtsystem mit Verarbeitung und Distribution sieht es besser aus. Allerdings erinnert man sich in Krisenzeiten wieder an die Ernährungssicherheit und dann sieht das mit der Bedeutung wieder anders aus.
In Teilen von Holland können keine Häuser mehr gebaut werden, weil die Belastung durch Feinstäube und Stickoxyde so hoch sind. Und die stammen gerade in Intensivgebieten auch aus der Tierhaltung. Droht so etwas auch bei uns in Vechta/ Cloppenburg oder Westmünsterland?
Reimer: Glücklicherweise hinken wir niederländischen Verhältnissen hinterher, obwohl wir als Berufs- oder Hochschüler oft nach Holland gepilgert sind. Aber in einzelnen Gemeinden überschreitet die Tierdichte auch die ökologischen und emissionsrechtlichen Grenzen.
Früher – vor 50 oder mehr Jahren – waren die Bauern, vor allem die größeren Betriebe, in der Dorfhierarchie ganz oben. Ohne ihre Zustimmung lief oft nichts. Heute fühlen sich viele als geduldet. Es soll nicht stinken oder die Ruhe stören. Gegen viele größere Stallbauten laufen Klagen oder Bürgerinitiativen. Folgt auf die alte Bauernherrlichkeit nun ein Minderheitenstatus?
Reimer: Das würde ich differenzierter sehen. Wenn man sich die Vermögensberechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) ansieht, gehören viele Bauernfamilien zu den oberen 10%. Bei den Stundenlöhnen sieht es anders aus. Es geraten derzeit mit den steigenden Lebenshaltungskosten aber kaum die Bauernfamilien in Not. Anders sieht es bei spezialisierten energieintensiven Betriebszweigen aus. Hier kann es wie in der gewerblichen Wirtschaft Probleme geben.
Problematischer ist der gefühlte und auch tatsächliche Rückgang der gesellschaftlichen Anerkennung der Arbeit, die tagtäglich rund um das Jahr geleistet wird.
Viele Bäuerinnen und Bauern klagen über die mangelnde Wertschätzung ihrer Arbeit. Sie ist oft neben der Einkommenslage ein wichtiger Grund für einen fehlenden Hofnachfolger. Ist das typische Bauernjammerei oder eine reale Selbsteinschätzung?
Reimer: Ich glaube, dass das eine große Rolle spielt. Wer hat schon Lust auf ständige Angriffe in den Medien? Vor allem in ländlichen Räumen um die Verdichtungszonen dominieren städtische Wertvorstellungen und dann können solche Diskussionen auch im Freundeskreis oder in der Schule hochkommen.
Ein immer offener zutage tretendes Krankheitsbild auf den Höfen sind burnout und Überarbeitung. In anderen Berufen rückt, vor allem bei jüngeren Leuten, die work-life-balance in den Mittelpunkt des Lebens. Ist die Lage auf den Höfen heute schlimmer als früher oder spiegelt sich darin die geänderte gesellschaftliche Sicht wieder?
Reimer: Nein, die Lage auf den Höfen ist nicht schlimmer, sondern es ist die geänderte gesellschaftliche Sicht. Auf dem Land haben Besitz und Eigentum noch immer eine höhere Bedeutung als die Selbstverwirklichungswerte. Das sehe ich auch nicht als Problem. Problematisch wird es dann, wenn alles andere der Entwicklung des Hofes untergeordnet wird.
In bäuerlichen und ländlichen Kreisen ist eine massive Kritik an der Politik aus der Großstadt, aus Berlin, Stuttgart oder Düsseldorf sehr verbreitet. Es heißt, es wird aus der Hauptstadt- Blase ohne wirkliche Kenntnisse des Landes arrogant „von oben“ regiert. Und diese Kritik trifft auch (oder besonders) die Agrarpolitik der Grünen, die sich mehr nach Tierschützern oder Veganern richten würden als nach Menschen, die von der Feld- oder Stallarbeit leben müssen.
Reimer: Dieser Stadt- Land Gegensatz scheint ja international größer zu werden. Wir beobachten das in den USA, in Osteuropa, in Schweden in Frankreich usw. Das liegt nicht daran, dass man auf dem Land automatisch zu Autoritarismus und Rechtspopulismus neigt, sondern dass sich die Menschen von den städtischen Eliten, den Regierungen und Medien, nicht gesehen fühlen. Exemplarisch zeigte sich das bei den Gelbwesten in Frankreich. Ausgerechnet die, die den geringsten Anteil an den Klimagasen infolge ihres Lebensstils haben, sollten über die Spritpreise zuerst bezahlen.
Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Hugo Gödde
Zur Person:
Wolfgang Reimer wurde im November zum Vorsitzenden der ASG gewählt. Von 2001 bis 2011 arbeitete er im Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. 2011 bis 2016 war er Amtschef im Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden- Württemberg. Ab 2016 bis Ende 2021 war er Regierungspräsident des Bezirks Stuttgart.
Er ist Gründungsmitglied der AbL und war in den 1980er und 1990er Jahren viele Jahre Redakteur der „Unabhängigen Bauernstimme“.
1985 übernahmen seine Frau Ulrike Hasenmaier-Reimer und er einen Hof in Gaildorf-Reippersberg (Hohenlohe), der von Ulrike nach Bioland-Richtlinien bewirtschaftet wird.
