Antibiotikaabgabe in Tiermedizin leicht gestiegen

Die Menge der in der Tiermedizin abgegebenen Antibiotika ist in Deutschland im Jahr 2024 leicht gestiegen, meldet das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL). Und in einem jetzt vorgelegten Bericht warnt die Weltgesundheitsorganisation vor einem weltweit zunehmenden Auftreten von Antibiotikaresistenzen. Mit Blick auf die BVL-Zahlen fordert Reinhild Benning, Agrarexpertin der Deutschen Umwelthilfe (DUH), unter anderem ein Verbot der für die Humanmedizin besonders wichtigen Reserveantibiotika in der Massentierhaltung. Und der grüne EU-Abgeordnete Martin Häusling fordert anlässlich der Veröffentlichung des WHO-Berichts „endlich eine echte Agrarwende hin zu Klasse statt Masse“.

Laut BVL wurden insgesamt 562 Tonnen Antibiotika an Tierärzte und weitere Empfänger abgegeben. Das ist ein Plus von 34 Tonnen (6,4 %) gegenüber dem Vorjahr. Von den 562 Tonnen (t) Antibiotika, die 2024 abgegeben wurden, entfallen wie in den Vorjahren die größten Mengen auf Penicilline (222 t) und Tetrazykline (113 t). Es folgen Sulfonamide (62 t), Makrolide (53 t), Aminoglykoside (37 t) und Polypeptidantibiotika (31 t). Von den Antibiotika, die von der Weltgesundheitsorganisation WHO als Wirkstoffe mit besonderer Bedeutung für die Therapie beim Menschen eingestuft werden (Highest Priority Critically Important Antimicrobials for Human Medicine), sind für Polypeptidantibiotika erneut geringere Mengen abgegeben worden als im Vorjahr (Colistin; 31 t; -7,4 %). Damit erreichten diese ihren bisher niedrigsten Wert seit dem Jahr 2011. Für die Fluorchinolone wurde ein leichter Anstieg der Abgabemengen um 0,2 t verzeichnet (+3,5 %). Auch die Abgabemenge von Cephalosporinen der 3. und 4. Generation stieg leicht um 0,1 t im Vergleich zum Vorjahr (+4,4 %).

"Trotz des geringen Anstiegs bewegen sich die Antibiotikaabgabemengen auf einem im Vergleich zum Jahr 2011 sehr niedrigen Niveau und haben sich stabilisiert. Die in Deutschland getroffenen Maßnahmen zum verantwortungsvollen Antibiotikaeinsatz sind wirksam und für die Human- und Veterinärmedizin von Bedeutung", erklärt Prof. Dr. Gaby-Fleur Böl, Präsidentin des BVL.

Ganz anders bewertet Reinhild Benning die BVL-Zahlen: „Neben den steigenden Mengen an Antibiotika steigt auch die Dosis im Antibiotikaverbrauch in der Massentierhaltung laut EU-Angaben. Das bringt steigende Risiken mit sich für die Ausbreitung von antibiotikaresistenten Erregern auch bei Menschen. Die steigenden Verbrauchszahlen zeigen: Das Antibiotika-Reduktionsprogramm der Bundesregierung ist am Ende und die Initiative Tierwohl ist gescheitert. Die Antibiotikaminimierung scheitert am System der Massentierhaltung mit weiterhin miserablen Haltungsbedingungen für die Mehrheit der Tiere und mit Hochleistungszucht, die jedes Jahr mehr Tierleid und Krankheiten im Stall verursacht.“ Benning verweist darauf, dass es erlaubt ist, dass die Zucht bei Tieren vermehrt genetisch bedingte schmerzhafte Hähnchenbrust-Veränderungen und die Zunahme von Labmagenverdrehungen bei Kühen verursacht. „Bund und Länder lassen es zu, dass in der Fleisch- und Milchindustrie Antibiotika missbraucht werden, statt Tierschutzdefizite konsequent zu ahnden. Dringend erforderlich ist daher eine neue Strategie zur Resistenzbekämpfung sowie bessere Gesetze zur Antibiotikaminimierung und zum Tierschutz. Konkret müssen die für die Humanmedizin besonders wichtigen Reserveantibiotika in Massentierhaltung verboten werden. Veterinärämter müssen endlich dafür sorgen, dass Betriebe mit wiederholt hohem Antibiotikaeinsatz definierte Tierschutz- und Tierzucht-Verbesserungen zwingend umsetzen. Die Pflicht zur Haltungskennzeichnung muss kurzfristig kommen. Verbraucher*innen und Verbraucher sind gut beraten, wenn es denn Fleisch oder Milch sein soll, dann Bioprodukte oder mindestens die höchsten Haltungsformen und Weidehaltung zu wählen“, so Benning.

WHO: Antibiotikaresistenz schneller als Fortschritt in der Medizin

Laut einem aktuell veröffentlichten Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) war 2023 jede sechste im Labor bestätigte bakterielle Infektion, die weltweit häufige Infektionen bei Menschen verursachte, resistent gegen Antibiotika. Zwischen 2018 und 2023 stieg die Antibiotikaresistenz bei über 40 % der überwachten Kombinationen aus Krankheitserregern und Antibiotika, mit einem durchschnittlichen jährlichen Anstieg von 5–15 %.

Daten, die aus über 100 Ländern an das Globale Überwachungssystem für Antibiotikaresistenzen und -verbrauch (GLASS) der WHO gemeldet wurden, warnen davor, dass die zunehmende Resistenz gegen wichtige Antibiotika eine wachsende Bedrohung für die globale Gesundheit darstellt. "Die Antibiotikaresistenz ist schneller als die Fortschritte der modernen Medizin und bedroht die Gesundheit weltweit", sagt WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus.
Am stärksten betroffen sind laut WHO ärmere Länder und solche mit schwachen Gesundheitssystemen. So sei die Antibiotikaresistenz in Südostasien und im östlichen Mittelmeerraum am höchsten. Nach dem neuen Bericht war dort ein Drittel der gemeldeten Infektionen resistent, in Afrika war es jede fünfte. Europa ist weniger stark betroffen - auch aufgrund guter Überwachungs-strategien. Doch die Anstrengungen müssten verstärkt werden, heißt es seitens der WHO.

Für Martin Häusling bestätigt der neue WHO-Bericht, „wovor wir seit Jahren warnen: Antimikrobielle Resistenzen gehören zu den größten Gesundheitsbedrohungen unserer Zeit – und sie werden durch industrialisierte Tierhaltung noch verschärft. Eine der größten Risikogruppen mit antibiotikaresistenten Bakterien sind Landwirte. Wenn in der Mast mehr Antibiotika eingesetzt werden als in der Humanmedizin, ist das auch für Menschen lebensbedrohlich. Es läuft grundsätzlich etwas falsch. In Südostasien ist bereits jede dritte gemeldete Infektion resistent, in Afrika jede fünfte. Wo Gesundheitssysteme schwach sind und es an Diagnosen oder Behandlungsmöglichkeiten fehlt, verschärft sich die Lage dramatisch.“

Solange Tiere auf engstem Raum gehalten und mit Medikamenten am Leben erhalten würden, statt ihnen artgerechte Bedingungen zu bieten, wachse die Verbreitung resistenter Keime stark – mit dramatischen Folgen für Mensch und Umwelt. „Wir brauchen endlich eine echte Agrarwende hin zu Klasse statt Masse: weniger Tiere, bessere Haltungsbedingungen, robuste Rassen, Züchtung auf Gesundheit und eine Tierbetreuung, die ohne den massiven Einsatz von Antibiotika auskommt“, so Häusling.