Ada Fischer ist froh, dass der Ökolandbau als bäuerliche Wirtschaftsweise sie und ihren Betrieb bis heute getragen hat.
Seit 1987 ist Ada Fischer Betriebsleiterin ihres Hofes hinter dem Nordseedeich im Dorf Arensch in Cuxhaven. Den von den Eltern neu angesiedelten Betrieb pachtete sie damals zunächst, stellte auf ökologische Bewirtschaftung um und übernahm den Hof 1995 komplett – inklusive der noch abzuzahlenden Ansiedlungskosten. Aus der Milchkuhherde wurde Mutterkuhhaltung mit Ochsenhaltung und eigener Fleischvermarktung. Von 1994 bis 1998 war Ada Fischer Bundesvorsitzende der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, engagierte sich in der Europäischen Bauernkoordination (CPE), heute Europäische Koordination Via Campesina (ECVC). Mittlerweile ist sie vor allem lokal aktiv in der Biolandgruppe Elbe-Weser. Nachdem sie zwischenzeitlich rund 100 ha bewirtschaftete, verpachtet sie heute einen Teil der eigenen Ackerflächen an junge Landwirte, bekommt dafür Stroh und Kleegras als Viehfutter und hat die eigenen Flächen extensiviert.
Wie hast du die Zeit deiner Hofübernahme erlebt?
Ich kam vom Hof, habe Landwirtschaft studiert, als Agrarreferentin gearbeitet und bin dann als Betriebsleiterin auf den Hof zurück. Das hatte sich mein Vater wie auch die dörflichen Kollegen anders vorgestellt: dass ich einen Mann mitbringe, der den Betrieb leitet. Es gab einige Auseinandersetzungen über meine Pläne und Vorstellungen. Dass ich mir persönlich eine separate Wohnung einbaute und einen eigenen Telefonanschluss legen ließ, dafür hatte mein Vater kein Verständnis: Das Geld müsste man doch in den Betrieb stecken.
In meiner Studienzeit in Witzenhausen wurde dort der erste Lehrstuhl für Ökolandbau eingerichtet. Außerdem kam ich in Kontakt mit der AbL Mit diesen Eindrücken und Erkenntnissen bin ich dann nach Hause zurückgekehrt. Da kommt mein Selbstbewusstsein her. Neben der Hofübernahme habe ich mich in der AbL engagiert – diese Kontakte waren ein wichtiger Rückhalt. So kam ich auch immer mal raus aus dem Hofgeschehen.
Wie hast du dich über die Zeit wahrgenommen gefühlt: als Betriebsleiterin, Bäuerin, Landwirtin?
Ich habe mich selbst immer als Bäuerin bezeichnet. Und ich habe mich nicht diskriminiert gefühlt. Immer wieder habe ich mich aber geärgert über das Verhalten anderer Menschen – das kostet Kraft und Energie, auch heute noch. Da schüttel ich den Kopf über denjenigen und denke: „Wo lebst du eigentlich?“ Ich habe immer meine Inhalte verteidigt, in meiner Position standgehalten und ein praktisches Beispiel gesetzt: Ich habe einfach gemacht und mit meinem Tun überzeugt. Wenn es persönlich wird und ich in die Enge getrieben werden soll, dann kann ich auch schlagfertig sein und austeilen. Damals bei der Prüfung zur Ausbildungseignung war z. B. ein älterer Bauer dabei, der meinte, meinen Lebenswandel als alleinstehende Frau diskutieren zu wollen. Dem habe ich gesagt: „Wenn wir privat reden wollen, dann kommen Sie abends zum Tee.“ Ich denke oft eher, die Welt ist noch nicht so weit. Heute würde ich auch sagen, ich habe damals der Gesellschaft und meinem Vater für die Zeit einiges abverlangt, als ich in lila Latzhose als Frau ankam, um den Betrieb zu leiten und auch noch auf Ökolandbau umzustellen.
Wie schaust du auf die Entwicklungen in der Landwirtschaft? Was hat sich verändert, was ist für die Zukunft wichtig?
Für mich war und ist der Ökolandbau sehr prägend. Und bezeichnend finde ich da die Entwicklung von einer bäuerlichen Alternative hin zu chemisch-analytisch rückstandsfreiem EU-Bio. Ich bin sehr froh, dass die bäuerliche Wirtschaftsweise mich getragen hat. Aber ich blicke mit Sorge in die Zukunft: Es wird sehr schwer, so zu wirtschaften. Wir haben nicht nur den Strukturwandel in der Landwirtschaft, sondern auch im Handwerk. Direktvermarktung wird schwierig, wenn es keinen Bäcker, keinen Schlachter mehr gibt in den Regionen, wenn ich nicht alles auf dem Hof mache. Und das heißt enorm investieren in die Weiterverarbeitung.
Agrarpolitisch hat die AbL schon immer in Bündnissen gearbeitet, sich mit anderen gesellschaftlichen Gruppen zusammengetan. Da vermisse ich gerade den gemeinsamen Geist – mittlerweile scheint jeder mehr an seinem Strang zu ziehen. Früher wurde ein bisschen mehr als „wir“ gedacht. Umso wichtiger ist es, die Themen und Widersprüche aus bäuerlicher Sicht anzusprechen, in die Auseinandersetzung zu gehen und Spannungen auszuhalten. Als Weidetierhalterin beschäftigt mich das Thema Wolf enorm – da spüre ich keine Empathie von den Naturschutzverbänden.
Insgesamt hochzuhalten bleiben die sozialen Fragen in der Landwirtschaft. Zum Beispiel beim Thema Frauen geht es da bis heute um Absicherung – auch als einspringende Familienangehörige z. B. bei Krankheitsfällen. Eine Baustelle ist auch noch die Vereinbarkeit von Familie, insbesondere rund um Schwangerschaftszeiten, und Beruf. Traurig macht mich, dass der Frauenanteil in der Betriebsleitung in den Jahrzehnten nicht gestiegen ist.
Vielen Dank für den Einblick!
Betriebsspiegel:
25 ha Acker, Kulturen: Kleegras, Hafer;
45 ha Grünland, größtenteils Außendeichflächen im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer;
Mutterkühe mit Nachzucht und Ochsenhaltung, Deutsch Angus und Einkreuzung mit Deutsch Shorthorn;
einige Hühner der Ökologischen Tierzucht (ÖTZ);
ein Tag in der Woche Hofladen, in den Sommermonaten Melkhus mit Selbstbedienung,
im Netzwerk des langjährigen Landfrauenprojektes, in dem u. a. Erfrischungen aus Biomilch angeboten werden
