Ein Jahr Ackerbesetzung in Neu-Eichenberg

Aufgrund der Pläne für ein 80 Hektar umfassendes Logistikzentrum ist vor einem Jahr ein Acker im nordhessischen Neu-Eichenberg von der „Aktionsgruppe Acker bleibt“ besetzt worden. „Und die Besetzung als Investitionsrisiko zeigt ihre Wirkung“, erklären anlässlich des Jahresjubiläums die Besetzer, die sich unter anderem aus Studierenden der Ökologischen Landwirtschaft, ausgebildeten Landwirt_innen, Praktiker_innen und Klimaaktivist_innen zusammensetzen. Der für das Logistikzentrum vorgesehene Investor, die Dietz AG, ist Anfang 2020 abgesprungen, da der Standort für ihn aufgrund des Protestes „enorm an Attraktivität eingebüßt“ habe. Auch lokalpolitisch feiern die Aktivisten nach eigenen Angaben erste Erfolge: Anfang 2020 beschloss die Gemeindevertretung einen Planungsstopp für mindestens sechs Monate und gibt dadurch Raum, um sich mit Alternativen zum Logistikgebiet auseinanderzusetzen.

Mit der Besetzung machen die Besetzer auch auf die bedrohliche Versiegelung von Ackerböden aufmerksam: Jeden Tag werden laut Bundesumweltministerium in Deutschland 58 Hektar verbaut – dadurch hat sich die versiegelte Fläche allein in den letzten 60 Jahren verdoppelt! Dabei haben Böden nach Ansicht der Aktionsgruppe viele wichtige Funktionen. So kann beispielsweise durch Humusaufbau im Boden der Atmosphäre Kohlenstoffdioxid entzogen und dadurch die sich verschärfende Klimakrise abgemildert werden. Zudem dient der Boden als Puffer bei Starkregenereignissen, als Wasserspeicher für Trockenzeiten und als Lebensraum für viele Organismen. Die besondere Bodenqualität des besetzten Ackers zeige sich auch darin, dass es in den Dürresommern der letzten Jahre auf der Fläche nur verhältnismäßig geringe Ertragseinbußen gab. Solch fruchtbare Böden bergen gesellschaftlich ein großes Potenzial und es sei höchste Zeit, dass der Bodenschutz mehr politische Beachtung findet.

Aktuell sind den Angaben der Aktivisten zufolge neben dem Logistikgebiet, das noch immer nicht endgültig vom Tisch sei, zwei weitere Konzepte im Gespräch: Ein Unternehmen, das Software für Photovoltaik-Anlagen verkauft, hat die Idee aufgebracht, einen Großteil der Fläche mit einem Solarpark zu bebauen. Auch dieser Vorschlag sieht auf 15 Hektar ein Gewerbegebiet vor - Bodenversiegelung inklusive. Nicht nur, dass der fruchtbare Acker hierbei nicht mehr landwirtschalftlich genutzt würde – obendrein würden die Landesflächen privatisiert und damit jeglicher demokratischer Kontrolle entzogen.

Dem gegenüber steht das Konzept der Initiative „Land schafft Zukunft“, in der sich Studierende der Agrarwissenschaften aus Witzenhausen mit Praktiker_innen aus Landwirtschaft und Gartenbau zusammengeschlossen haben, um eine agrarökologische Alternative für die 80 Hektar zu entwerfen.

Unter Beteiligung der Anwohner_innen Neu-Eichenbergs möchte die Initiative in der kommenden Zeit die konkrete Umsetzung einer regenerativen Landwirtschaft mit weiteren Kooperationspartner_innen gestalten. „Land schafft Zukunft“ verfolgt das Ziel eines integrierten Konzepts mit kommunaler Energieversorgung, gemeinschaftlichem Wohnen in den Gebäuden der angrenzenden Domäne und lokaler Lebensmittelproduktion im Zentrum. Ihre Vision ist es, einen „Praxis-, Demonstrations- und Forschungsstandort aufzubauen, um die ländlichen Entwicklungen und Systeme der regenerativen Landwirtschaft (...) voranzubringen und zukunftsfähig zu gestalten“.

Auch die Besetzer fühlen den Prinzipien der Agrarökologie verbunden und es hat sich eine Arbeitsgruppe zusammengefunden, die „nun schon mal ungehorsames Gemüse“ anbaut.

Das bisher Erreichte sei auch den Ackerbesetzern zu verdanken, erklärt anlässlich des Besetzungs-Jubiläums die ebenfalls gegen das Logistikzentrum angetretene Bürgerinitiative für ein lebenswertes Neu-Eichenberg in der HNA (Hessische/Niedersächsische Allgemeine). Sie hätten dem Widerstand „die nötige Schärfe und Sichtbarkeit“ gegeben. „Wir wüssten nicht, wo wir heute stünden ohne die Ackerbesetzung.“ Die habe bundesweit für Schlagzeilen gesorgt. Durch die Vernetzung mit der Klimagerechtigkeitsbewegung und anderen Besetzungen habe der Widerstand eine übergeordnete Dimension erhalten.

08.05.2020
Von: FebL

Ein Jahr Ackerbesetzung in Neu-Eichenberg. Foto: ackerbleibt.org