Bewegung mit Verantwortung

Viele sind sich einig: „Eine tolle Veranstaltung“. Weit über 30.000 junge und jung gebliebene Menschen, angeführt von 171 Bäuerinnen und Bauern mit ihren Traktoren, demonstrieren am 19. Januar 2019 in Berlin. Die Botschaften sind deutlich: Bauernhöfe statt Agrarindustrie. Essen ist politisch. Kein langweiliges Ritual, kein Hass und Hetze, dagegen viele neue Kräfte, Ideen, freundlich und entschlossen. Ein gutes und positives Medienecho. Die Demonstration liefert reichlich Gesprächsstoff im politischen Berlin und im Bundesgebiet. Keine andere Bewegung hat in Deutschland neun Jahre in Folge so viele Menschen auf die Straße gebracht wie die „Wir haben es satt-Demonstration“. Die AbL ist seit Beginn sehr aktiv mit dabei und nicht außen vor, das ist gut so.

Landwirtschaft und Agrarpolitik sind nicht nur zur „Grünen Woche“ ein gesellschaftliches Thema. Der Lebensmitteleinzelhandel hat unsere Diskussion längst aufgegriffen, platziert Antworten in den Regalen, die Politik hinkt hinterher. Die durchsichtige Strategie von interessierten Kreisen, diese Bewegung als landwirtschaftsfeindlich beiseite zu schieben, geht nicht auf. Bauern und Zivilgesellschaft halten gemeinsam dagegen, auch wenn das bei zum Teil unterschiedlicher Interessenlage nicht immer einfach ist.

Zur Überheblichkeit haben wir keinen Anlass. Im Gegenteil: Unsere politische Verantwortung für das weitere Vorgehen wächst. Zu drängend sind die großen Herausforderungen: Hunger in der Welt, Verletzung der Menschenrechte, das Auseinanderklaffen der Schere zwischen Reichtum und Armut, zunehmende soziale Ungerechtigkeit und Wegbrechen nicht nur bäuerlicher Strukturen, Klimawandel, Artenssterben. Nicht nur der Weltwirtschaftsgipfel von Davos reagiert darauf mit großer Ratlosigkeit, auch Berlin und Brüssel haben vielfach keine entschlossenen zukunftsweisenden Antworten. „Die Frage ist nicht, welche Zukunft man hat oder erduldet, die Frage ist, welche Zukunft man haben will und wie man darauf hinlebt und hinarbeitet“, so Heribert Prantl von der Süddeutschen Zeitung. Recht hat er.

Moderation und Dialogpflege reichen nicht mehr. Die Bundesregierung und das Bundeslandwirtschaftsministerium sind aufgefordert, aktiv zu gestalten, endlich klare, verlässliche und zukunftsgerichtete Rahmenbedingungen zu beschließen und umzusetzen. Eine Illusion? Die Kohlekommission der Bundesregierung hat einen zeitlichen und finanziellen Fahrplan zum Ausstieg aus dem Braunkohleabbau mit kurz- und mittelfristigen Schritten vorgelegt. Agrarpolitisch übersetzt heißt das: Der praktische Umbau zu einer artgerechten Tierhaltung und zu umwelt- und klimaschonenden Ackerbau steht auf der Tagesordnung von Politik, Verbänden und uns allen. Er wird Geld Kosten. Überall denken Bäuerinnen und Bauern darüber nach, wie es für sie und ihren Hof weiter gehen soll. Sie sind zu Veränderungen bereit und möchten gesellschaftlich akzeptierte Landwirtschaft betreiben, wenn ihre Arbeit wertgeschätzt wird, sie wirtschaftlich mitgenommen werden und nicht auf den Kosten hängen bleiben. „Zuschauen geht nicht mehr. Wir müssen selber was tun“, so ein Kollege auf der bayerischen AbL-Versammlung. Das soll und kann den notwendigen agrarpolitischen Rahmen nicht ersetzen, sondern macht ihn umso dringender.

Unsere Bewegung steht vor spannenden Diskussionen. Wagenburgen bringen keine Lösungen. Hinsichtlich der Konsumverschwendung und des Ressourcenverbrauchs müssen wir uns alle an die Nase fassen. Berechtigte Forderungen zu erheben genügt nicht, wir müssen uns mehr um Vereinbarungen für konkretes Handeln einsetzen. Das stellt unsere Bewegung vor die Aufgabe, das Verbindende statt das Trennende in den Vordergrund zu stellen. Kein Zweifel: Der Flügel des „weiter so wie bisher“ ist noch nicht erlahmt und versucht, seine Pfründe zu sichern. Schaffen wir es trotzdem? Hinter der Bühne am Brandenburger Tor habe ich auf einen Plakat in der Akademie der Künste gelesen: „Wir sind viele. Jeder Einzelne von uns.“ Worauf warten wir?

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05.02.2019
Von: Georg Janßen, AbL-Bundesgeschäftsführer

Georg Janßen, AbL-Bundesgeschäftsführer, (am Mikrofon)