Natura 2000-Landwirte prämiert

Um ihre herausragenden Leistungen zum Erhalt und Schutz des Feldhamsters zu würdigen, wurden am 03.07.2024 drei Thüringer Betriebe mit der Auszeichnung „Feldhamsterfreundlicher Natura 2000-Landwirt“ geehrt. Der Landwirtschaftsbetrieb Birnbaum, die Geratal Agrar GmbH & Co. KG Andisleben sowie die Rose Saatzucht Erfurt erhielten die Anerkennung. Das teilen in einer gemeinsamen Pressemitteilung BUND Thüringen, DVL, NABU Thüringen, Stiftung Naturschutz Thüringen, Thüringer Bauernverband, Thüringer Ökoherz und die AbL Mitteldeutschland mit. Die Prämierung als „Natura 2000-Landwirt“ wird seit 2018 jährlich gemeinsam von Landwirtschafts- und Naturschutzverbänden durchgeführt und widmet sich in diesem Jahr erstmals einer gefährdeten Art, dem Feldhamster. Damit möchten die Verbände auf die Gefährdung, aber auch auf die Chancen und Möglichkeiten zur Verbesserung der Lebensräume des Nagers aufmerksam machen. Thüringens Umweltminister Bernhard Stengele und Staatssekretär des Thüringer Ministeriums für Infrastruktur und Landwirtschaft, Torsten Weil, gratulierten den ausgezeichneten Landwirt*innen.

Anlässlich der Prämierung erklärt Anne Neuber, Geschäftsführerin der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft Mitteldeutschland: „Die prämierten Betriebe leisten Herausragendes für den Erhalt und Schutz des Feldhamsters. Sie stehen damit stellvertretend für viele weitere Landwirtschaftsbetriebe in Thüringen, die sich weit über die gesetzlichen Vorgaben für den Naturschutz engagieren. Angesichts der Auswirkungen der Klimakrise und des Artensterbens müssen es aber mehr werden. Dafür müssen Umwelt- und Klimaleistungen der Landwirtschaft von der Politik endlich entsprechend honoriert werden."

Für Udo Große, Vizepräsident des Thüringer Bauernverbandes, zeigt die diesjährige Auszeichnung mit dem Schwerpunkt „Feldhamsterschutz“, dass jeder Betriebstyp in den Vorkommensgebieten, unabhängig von den Betriebsstrukturen, wertvolle Beiträge für den Schutz der Feldhamster, als Art, für die Thüringen hohe Verantwortung trägt, leisten kann. „Und neben der Anerkennung für die Preisträger freut es uns als Berufsstand auch besonders, dass die Natura 2000-Stationen seit der Auslobung dieses Preises jedes Jahr verschiedenste landwirtschaftliche Unternehmen als Preisträger vorschlagen können, was die Vielfalt und das Engagement der Thüringer Landwirt*innen für den Naturschutz verdeutlicht“, so Große.

„Die prämierten Betriebe zeigen uns, wie Agrarnaturschutz erfolgreich funktioniert“, unterstreicht Dr. Jürgen Metzner, Geschäftsführer Deutscher Verband für Landschaftspflege. „Um mehr Betriebe zum Mitmachen zu bewegen, brauchen wir attraktive Förderbedingungen. Die Zahlungen sollten dabei nicht nur den Ertragsausfall zur normalen Bewirtschaftung kompensieren. Die Betriebe müssen mit Naturschutz dauerhaft Geld verdienen können!“

Und Sebastian König, Landesgeschäftsführer des BUND Thüringen, erklärt: „Unsere Landwirtinnen und Landwirte leisten einen unersetzlichen Beitrag zum Erhalt der Artenvielfalt in unserer Kulturlandschaft, insbesondere in Natura 2000-Gebieten. Mit der Auszeichnung möchten wir das Signal senden, dass Naturschutz und Landwirtschaft Hand in Hand gehen können. Thüringen ist eines der letzten Rückzugsgebiete für den Feldhamster. Ohne das Engagement der ausgezeichneten Betriebe wäre das nicht möglich.“

Das Kompetenzzentrum Natura 2000-Stationen sowie der Thüringer Bauernverband e.V., die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft Mitteldeutschland (AbL), Ökoherz e.V., sowie die Träger des Kompetenzzentrums, der BUND Thüringen e.V., NABU Thüringen e.V. und der Deutsche Verband für Landschaftspflege (DVL) e.V. küren seit 2018 „Natura 2000-Landwirte“, um auf die Bedeutung der Arbeit von Landwirt*innen aufmerksam zu machen. Neu in diesem Jahr: Erstmals findet die Prämierung gemeinsam mit der Stiftung Naturschutz Thüringen statt.

Zu den Preisträgern

Geratal Agrar GmbH & Co. KG Andisleben

Der Betrieb integriert pfluglose Bodenbearbeitung und hat bereits zu DDR-Zeiten mit der Anlage von Hecken und Blühstreifen begonnen. Diese Maßnahmen fördern die Biodiversität und den Erhalt wertvoller Lebensräume in der Agrarlandschaft. Seit der Einführung des Kulturlandschaftsprogramms (KULAP) nutzt der Betrieb diese Fördermöglichkeiten intensiv und ist heute der größte Antragsteller hochwertiger Hamsterschutzmaßnahmen in Thüringen. Die Nutzung von Zwischenfrüchten ist seit langem in die Fruchtfolge integriert und trägt zur Bodenfruchtbarkeit und Erosionskontrolle bei. Mit mehr als 15 Hauptfruchtarten im Anbau und 18 verschiedenen Kulturen wird eine hohe Diversität auf den Feldern erreicht. Seit über 20 Jahren wird auf 95 Prozent der bewirtschafteten Fläche auf den Einsatz des Pflugs verzichtet, was den Boden schont und die Bodengesundheit fördert.

Das langjährige Engagement in der Stiftung Lebensraum, der Naturschutz und die aktive Teilnahme an der Jägerschaft unterstreichen das hohe Engagement des Betriebs im Umwelt- und Artenschutz. Die Vereinbarkeit von Ökologie und Ökonomie ist fest in der Firmenphilosophie verankert und zeigt, dass auch Großbetriebe jenseits der 3000 Hektar einen bedeutenden Beitrag zum Erhalt der Biodiversität leisten können.

Rose Saatzucht Erfurt

Der Betrieb hat 25 Jahre Erfahrung in der professionellen Betreuung von über 200 Kulturen aus Heil- und Kräutersaatgut, Gemüse und Blumensaatgut. Seit etwa 10 Jahren sind alle Flächen im ökologischen Landbau, was die Vielfalt auf den Betriebsflächen zusätzlich erhöht hat. Besonders bemerkenswert ist, dass sich auf den Betriebsflächen ein Hotspot für Feldhamster in Thüringen befindet – nicht einmal 700 Meter vom Erfurter Dom entfernt. Die Anbaustruktur des Betriebs bietet allerdings nicht nur Feldhamstern, sondern auch anderen Tieren der Feldflur, wie Rebhühnern, Rotmilanen, Feldlerchen und Feldhasen einen Lebensraum. Die Rose Saatzucht Erfurt zeigt eindrucksvoll, wie nachhaltige und ökologische Landwirtschaft erfolgreich umgesetzt werden kann und gleichzeitig einen bedeutenden Beitrag zur Erhaltung der Biodiversität leistet. Darüber hinaus erschließt der Betrieb auch kontinuierlich innovative Geschäftsfelder und engagiert sich in verschiedenen Förderprojekten, darunter: Pflanzen-Hydrolate im ökologischen Anbau, mobile Technik sowie REGIO-SAAT: Regionale Wildsamenmischungen für Blühflächen und Feldsäume in Thüringen.

Landwirtschaftsbetrieb Birnbaum

Der Landwirtschaftsbetrieb Birnbaum zeigt vorbildliches Engagement im Feldhamsterschutz. Mit einer bewirtschafteten Fläche von 40,5 Hektar Ackerland und 56,4 Hektar Grünland sowie einer vielfältigen Tierhaltung – 8 Schafe, 60 Schweine und 350 Geflügeltiere – setzt der Betrieb auf nachhaltige Landwirtschaft. Die Betriebsflächen befinden sich im Feldhamster-Schwerpunktgebiet rund um Erfurt. Von 2018 bis 2022 wurden auf diesen Flächen Kartierungen durchgeführt, die eine stabile Anzahl von Feldhamsterbauen nachwiesen. Im Rahmen des Feldhamsterlandes setzt der Betrieb auf den am dichtesten besiedelten Schlägen den "Streifenanbau" um. Diese Anbauweise bietet den dort lebenden Feldhamstern optimale Lebensbedingungen und trägt zur Stabilisierung und Verbesserung ihrer Population bei.

Hintergrund

Situation des Feldhamsters in Thüringen und Deutschland

Der Feldhamster ist auf eine feldhamster- und naturfreundliche Bewirtschaftung angewiesen, um zu überleben. Weltweit und in Deutschland hat die Modernisierung der Agrarwirtschaft zu einem dramatischen Rückgang seiner Populationen geführt. Der Feldhamster, einst häufig in den offenen Landschaften Deutschlands anzutreffen, ist heute stark vom Aussterben bedroht. Intensive landwirtschaftliche Praktiken, Urbanisierung und der Verlust natürlicher Lebensräume, sowie der Einsatz von Pestiziden und die Zerstörung von Brachflächen haben seine Bestände stark reduziert. In vielen Regionen Deutschlands steht der Feldhamster mittlerweile auf der Roten Liste der gefährdeten Arten. In einigen Bundesländern gilt er bereits als ausgestorben. In Thüringen, einem der letzten Rückzugsgebiete des Feldhamsters in Deutschland, sieht die Situation ähnlich besorgniserregend aus und dass, obwohl Thüringen eine besondere Verantwortung zukommt, da nur hier der „Schwärzling“, ein Feldhamster mit einer besonderen Fellzeichnung, vorkommt. Auch im Freistaat sind die Zahlen rückläufig, bedingt durch den Verlust von Lebensräumen, intensive landwirtschaftliche Nutzung und Pestizideinsatz. Besonders problematisch ist das Verschwinden von Brachflächen und Randstreifen, die wichtige Rückzugsorte und Nahrungsquellen für den Feldhamster darstellen. Mechanisierte landwirtschaftliche Praktiken gefährden die Tiere zusätzlich, indem sie die Feldhamster und ihre Bauten zerstören. Zu den Maßnahmen zum Schutz des Feldhamsters zählen unter anderem Reduzierung der Schlaggröße, Stehenlassen von Stoppelbrachen als Schutz, Förderung von Ackerwildkräutern oder Anlage von Brachflächen und Randstreifen.

Natura 2000

1992 hat die Europäische Union beschlossen, ein Schutzgebietsnetz „Natura 2000“ aufzubauen - zur Erhaltung gefährdeter oder typischer Lebensräume, Tierarten und Pflanzenarten. Es setzt sich aus Schutzgebieten der Fauna-Flora-Habitat-Richtline (FFH-Richtlinie) und der Vogelschutzrichtlinie zusammen. Diese Richtlinien bilden die Grundlage von „Natura 2000“. Derzeit sind circa 18 Prozent der Landfläche der EU als Natura 2000-Gebiete ausgewiesen. Somit ist es das größte, grenzüberschreitende, koordinierte Schutzgebietsnetz weltweit. „Natura 2000“ ist eine wertvolle Grundlage für den Erhalt der biologischen Vielfalt in der EU.

Natura 2000-Landwirte prämiert: Thüringens Umweltminister Bernhard Stengele und Staatssekretär des Thüringer Ministeriums für Infrastruktur und Landwirtschaft, Torsten Weil, gratulierten den ausgezeichneten Landwirt*innen. (v.l.n.r.) Sara Flüge, Thüringer Ökoherz e.V.; Minister Bernhard Stengele, Christoph Birnbaum, Landwirtschaftsbetrieb Birnbaum; Annegret Rose, Rose Saatzucht; René Döring, Geratal Agrar GmbH & Co. KG, Staatssekretär Torsten Weil; Carlotta Schulz, stellv. Geschäftsführerin der Stiftung Naturschutz Thüringen; Anna Swiatloch, Leiterin Kompetenzzentrum Natura 2000; Udo Große, Vizepräsident des Thüringer Bauernverbandes. Foto: Ina Liebetrau, Kompetenzzentrum Natura 2000