Junge Mexikaner nehmen die Zukunft ihres Dorfes in die Hand.
San Mateo Ozolco ist ein malerisches Dorf in den Ausläufern der Bergkette, zu der auch der Popocatépetl gehört. Wie die meisten Gehöfte ist auch das von Fernando Hernandez zur Straße hin durch eine hohe Mauer geschützt. Dahinter liegt ein gepflasterter, teilweise überdachter Hof, auf dem im Dezember die Maisernte zum Trocknen ausgelegt ist. Die schwarzen, roten und weißen Kolben werden sortiert und in Säcke verpackt, zur Weiterverarbeitung im Ort oder zum Verkauf in Mexico City.
Paty Hernandez (nicht verwandt mit Fernando) hat eine große Tüte mit frisch gebackenen süßen und salzigen Maiskuchen aus der Dorfbäckerei besorgt und beim Frühstück erzählt sie, warum eine Gruppe junger Leute, darunter sie selbst, 2013 beschloss, die hinter der Bäckerei stehende Kooperative Mazolco zu gründen.
„Mais ist Teil unserer Identität“
Paty und Fernando sprechen neben Spanisch auch Nahuatl, die Sprache der aztekischen Urbevölkerung in Mexiko. Mais spielt noch immer eine zentrale Rolle, als Nahrungsmittel und kulturell als Teil des Ursprungsmythos der Azteken. Ozolco hat etwa 500 Einwohner und lange Zeit verdingte sich jeweils rund ein Drittel von ihnen als papierlose Arbeiter in den USA. „Mit Landwirtschaft ließ sich nichts verdienen. Wir konnten unsere Produkte nur an Zwischenhändler verkaufen, die uns fast nichts dafür zahlten. Wir sind stolz auf unsere traditionellen Mais- und Bohnensorten und wir beschlossen, blauen Mais selbst weiterzuverarbeiten, um Mehrwert zu schaffen“, erzählt Paty. Zweieinhalb Jahre dauerte es von der Idee bis zu einem fertigen Produkt, das zum Kauf angeboten werden konnte. „Wir hatten keine Ahnung, wie man Preise kalkuliert, wie man ein Produkt vermarktet, wir mussten uns alles selbst beibringen, vieles durch Versuch und Irrtum.“ Sie boten Maischips und Tostadas in Läden in der Region an, aber der Verkauf war schleppend. Der Durchbruch kam 2017 mit einem kleinen Stand auf dem jährlichen Mais-Festival in Mexico City: Die Besitzer einiger renommierter Restaurants begannen Mazolco-Produkte zu kaufen, auf traditionelle Produkte spezialisierte Lebensmittelläden zeigten Interesse.
Bohnen, Sesam und Amarant
Das Mazolco-Team machte sich auf die Suche nach einer Mini-Backstraße für die Produktion von Maischips, Tacos und Tostadas und fand ein gebrauchtes Modell für knapp 24.000 Euro. Ein Teil konnte durch einen Regierungskredit finanziert werden. Der Rest kam durch den Erlös einer Fiesta sowie zinsloser Kredite von Nachbarn, die als papierlose ArbeiterInnen in den USA lebten. Inzwischen ist die Backanlage vier bis fünf Tage in der Woche in Betrieb und zehn Dorfbewohner haben ein zusätzliches Einkommen. Der Mais muss zunächst über zwölf Stunden mit gelöschtem Kalk eingeweicht werden, dieses Nixtamalisierung genannte traditionelle Verfahren erschließt die Nährstoffe im Mais. Für das Mazolco-Team gehören auch Ayocote-Bohnen zur (Ess-)Kultur ihrer Region. Fernando entwickelte deshalb ein Rezept für Mais-Bohnen-Tostadas mit Amarant und Sesam – alles angebaut auf den Feldern rund um Ozolco.
Biostimulanzien selbstgemacht
Mazolco arbeitet mit etwa 30 Farmern zusammen, die für die Kooperative im traditionellen Milpa-System Bohnen und Mais anbauen. Seit sechs Jahren bieten Agrarberater der Regierung Kurse für die Herstellung von Bokashi und Biostimulantien an. Sie kommen einmal pro Woche für zwei bis drei Stunden nach Ozolco, erzählt Fernando. „Im ersten Jahr gingen sie mit uns in den nahegelegenen Nationalpark und zeigten uns, an welchen Bäumen wir Erde nehmen sollten und wie man sie dann mit Melasse, Hefe, Mist und Wasser ansetzen muss. Wir setzen diesen Bokashi-Kompost bei der Aussaat ein und die Resultate sind phantastisch.“ Die Berater bringen außerdem die Zutaten mit, die für die Herstellung flüssiger Biostimulanzien benötigt werden. Auf Fernandos Hof stehen mehrere Flaschen mit einem Mikroorganismenferment und einer Nährlösung: Stark verdünnt wird beides während der Wachstumssaison einmal wöchentlich ausgebracht. „Unsere Inputkosten sind um mehr als die Hälfte gesunken“, sagt Fernando. Früher habe er pro Jahr zwischen 5.000 und 7.000 Pesos (250 bis 350 Euro) ausgegeben, heute seien es noch 3.000 Pesos (150 Euro) und alles wachse besser. Maiskörner und Bohnen seien größer, Kolben und Hülsen besser gefüllt.
Ein Dorf verändert sich
Die Coyoten, jene Mittelsmänner, die früher den Agrarhandel dominierten und die Landwirte übervorteilten, trauen sich längst nicht mehr ins Dorf. Zwei andere Ortschaften haben das Mazolco-Geschäftsmodell kopiert, aber sie verkaufen ihre Produkte lokal, man kommt sich nicht in die Quere. Noch immer versuchen einige junge Leute für einige Zeit Arbeit in den USA zu finden, sagt Paty, aber inzwischen kämen viele zurück und das nicht nur wegen der gegenwärtigen Abschiebepolitik der US-Regierung.
Fernandos Eltern verließen San Mateo Ozolco, um in Mexico City Arbeit zu finden. Bis zu seinem achten Lebensjahr wuchs Fernando bei seinen Nahuatl sprechenden Großeltern auf dem Dorf auf, dann zog er zu seinen Eltern nach Mexico City. Dort sei er zur Schule gegangen und habe eine Lehre als Schweißer gemacht. „Ich hatte immer Sehnsucht nach meinen Großeltern und dem Leben hier“, sagt er. Wer so wie Fernando ins Dorf zurückkehrt, findet Arbeit in der Landwirtschaft und bringt Fähigkeiten mit, die das Leben für alle verbessern – auf jedem Hof sind ab und an Schweißerarbeiten zu erledigen und durch Mazolco gibt es in Ozolco wieder einen Bäcker, der am Morgen traditionelles Maisgebäck anbietet.
