Finanzkrise: Der WWF schließt die Abteilung Landwirtschaft

Nach Recherchen von WDR, NDR und Süddeutscher Zeitung steuert der WWF Deutschland auf ein millionenschweres Finanzloch zu. Eine auch vom WWF bereits kommunizierte Konsequenz: er schließt seine Abteilung Landwirtschaft. Den Recherchen zufolge geht aus einer internen Präsentation des WWF-Vorstandes hervor, dass der WWF für dieses Jahr auf ein Minus von 5 Millionen zusteuert. Und im kommenden Jahr könnte es auf 9 Millionen anwachsen. Als Grund für die Finanzlücke wird „ziemlich eindeutig“ ein Kostenproblem genannt. Die Einnahmen seien zwar relativ stabil, aber der WWF sei in den letzten Jahren stark gewachsen, habe neue Abteilungen eröffnet, Leute neu eingestellt und auch viele öffentlich geförderte Projekte neu aufgelegt. Und da bei diesen Projekten in der Regel auch ein Eigenanteil zu erbringen ist, steigert das die Kosten „überproportional“, so die an der Recherche beteiligte NDR-Mitarbeiterin Verena von Ondarza. In einer Pressemitteilung des WWF mit der Überschrift “Konsolidierung und Fokussierung“ nennt der WWF auch die „komplexe Situation auf dem Spendenmarkt“ als Grund für seine „organisatorische Neuaufstellung“.  Und er erklärt zu seiner bisherigen Strategie: „Die über ein Jahrzehnt gültige Wachstumsmaxime des WWF Deutschland hat zu einem starken Ausbau der öffentlich geförderten Projektarbeit geführt. Das war ein klarer Auftrag der ehemaligen Geschäftsleitung, welcher jedoch mit ansteigenden Folgekosten verbunden war. Der neue Vorstand hat sich nach einer Bestandsaufnahme und intensiver Prüfung entschieden, die Organisation weg von einer Wachstumsmaxime hin zu einer langfristigen Entwicklungsperspektive zu führen. Alles mit dem Ziel dort maximal zu wirken, wo es am dringendsten ist.“

Dazu erklärt Kathrin Samson, Vorständin Naturschutz beim WWF Deutschland: „Die Biodiversitäts- und Klimakrise erfordert immer dringender konkretes Handeln. Vor diesem Hintergrund ist es unabdingbar, dass der WWF die Wirksamkeit seiner Arbeit stetig überprüft und, wo möglich, noch weiter erhöht. Es ist unser Anspruch an die eigene Arbeit, aber auch die berechtigte Erwartung unserer Spender und Partner, maximale Wirkung zu ermöglichen.“ So würden einzelne Themenfelder, wie etwa die nationale Landwirtschaftspolitik oder das klassische Umweltbildungsangebot, zukünftig nicht mehr im Fokus der Arbeit stehen. Das Engagement in den weltweiten Schutzgebieten, zum Erhalt der Artenvielfalt, oder auch der Kampf gegen die Klimakrise und die Plastikvermüllung würden unvermindert und in gewohnter Art und Weise fortgeführt. Schwerpunkt bleibe das internationale Engagement, etwa in Afrika, Asien und Südamerika. In der politischen Arbeit und der Zusammenarbeit mit Unternehmen lege man den Fokus auf die gesellschaftliche und ökonomische Transformation – national wie international. Ziel sei es, mit den zur Verfügung stehenden Mitteln in einem sich wandelnden Umfeld weiterhin effizient und verantwortungsvoll arbeiten zu können.

Die inhaltliche Neuaufstellung ist laut WWF mit organisatorischen Veränderungen und Einschnitten verbunden. Ziel dieser sei die stärkere Integration des Engagements in den schutzwürdigen Landschaften und in den relevanten Wirtschaftssektoren. Dort, wo man sich von Themen- und Arbeitsschwerpunkten trenne oder sich aus einzelnen Regionen zurückziehe, seien bedauerlicherweise auch betriebsbedingte Kündigungen notwendig. Laut Recherche sollen 80 der knapp 500 Stellen beim WWF wegfallen. Verstärkt werden soll die Kooperation mit Unternehmen, die Zusammenarbeit mit Konzernen, trotz der in der Öffentlichkeit und selbst im WWF mit Blick auf die Glaubwürdigkeit und Reputation der Organisation vorhandene Kritik daran, so die Recherche. Der WWF berät Unternehmen in Umweltfragen, sie dürfen im Gegenzug gegen Lizenzgebühren das bekannte Panda-Logo für ausgewählte Werbezwecke nutzen.

Hintergrund: Einnahmen und Ausgaben WWF Deutschland

Die Gesamteinnahmen im Finanzjahr 2022/2023 (Juli 2022 bis Juni 2023) lagen laut WWF mit 124,7 Millionen Euro über denen des Vorjahres (114 Millionen Euro). Die Ausgaben stiegen auf 122,4 Millionen Euro (Vorjahr: 114,6 Millionen Euro). Beim WWF Deutschland standen in den vergangenen Jahren generell steigenden (Spenden-)Einnahmen auch steigende Kosten gegenüber. Um diese, bzw. verschiedene Einmaleffekte, zu decken, wurden laut WWF Rücklagen teilweise abgebaut. Dies sei zwar zur kurzfristigen Absicherung ein probates Vorgehen, stelle aber keine langfristige Lösung dar. Um sicherzustellen, dass der WWF Deutschland in den kommenden Jahren, falls es etwa zu unvorhergesehenen Spendeneinbrüchen kommen sollte, maximal wirkungsfähig bleibe, war es nach Auffassung des neuen Vorstands unabdingbar, einen strategischen Fokussierungskurs inklusive einer organisatorischen Neuaufstellung anzugehen.

Hintergrund: Spendenmarkt

Die getroffenen Entscheidungen sind darüber hinaus laut WWF auch eine Reaktion auf eine komplexe Situation auf dem Spendenmarkt. Im Finanzjahr 2023, das von Juli 2022 bis Juni 2023 geht, nahm der WWF nach eigenen Angaben fast 55 Millionen Euro an Spenden ein. Die Spendenbereitschaft sei jedoch laut WWF generell rückläufig und zudem verstärke sich der Fokus auf konkrete, nachvollziehbare Projekte. In der Folge könnten zunehmend weniger frei zur Verfügung stehende Mittel bereitstehen, die nicht konkreten Projekten zugeordnet sind.

Der WWF will seine Kooperation mit Unternehmen, wie hier mit der im Jahr 2022 um zehn Jahre verlängerten Partnerschaft zu EDEKA, verstärken. Bildquelle: WWF