Der Discounter Lidl hat angekündigt, als erster Lebensmitteleinzelhändler in Deutschland ab März 2026 sein gesamtes Eigenmarken-Tafelschokoladensortiment in Festlistung auf ein neues Living Income-Programm umzustellen, das von Fairtrade entwickelt wurde. Das Programm soll dazu beitragen, die Einkommenslücke von Kakaobäuerinnen und -bauern zu einem existenzsichernden Einkommen systematisch zu schließen. Die Nichtregierungsorganisation INKOTA begrüßt den Vorstoß des Discounters, und fordert, dass sich Aldi, Rewe und Edeka anschließen, anstatt weiter Armut und Kinderarbeit in ihren Lieferketten in Kauf zu nehmen.
Mit dem neuen Living Income-Programm für Kakao verpflichten sich Handelspartner zur Zahlung des Fairtrade-Mindestpreises und der -Prämie, einem ergänzenden Beitrag zur Schließung der Einkommenslücke zum existenzsichernden Einkommen und zusätzlich einem Investitionsbeitrag zur Steigerung der Produktivität und weitere Aktivitäten der Kooperative. Ein existenzsicherndes Einkommen umfasst dabei mehr als die Deckung der Produktionskosten. Es bedeutet, dass Familien ihre Ausgaben für Ernährung, Wohnen und Gesundheit tragen können, in Bildung investieren, Rücklagen bilden und ihren Betrieb weiterentwickeln können.
Die Vereinbarung zwischen Lidl und Fairtrade gilt für mindestens fünf Jahre und unabhängig von Weltmarktschwankungen. Die Mehrkosten trägt Lidl, ohne sie an die Verbraucher weiterzugeben. So wird nach Ansicht des Discounters nachhaltiger Konsum zur Selbstverständlichkeit: Kunden profitieren von hoher Qualität zum gewohnt günstigen Preis – und unterstützen automatisch faire Einkommen für Kakaobauern in Ghana und an der Elfenbeinküste.
„Die Umstellung des gesamten Tafelschokoladensortiments der Lidl-Eigenmarken setzt einen neuen Branchenstandard: Wir tragen zu existenzsichernden Einkommen von Kakaobauern bei und lassen nachhaltigen Schokoladengenuss für jeden erschwinglich werden. Damit zeigen wir, dass sich Verantwortung und günstige Preise nicht ausschließen”, betont Christoph Graf, Chief Merchandising Officer der Lidl Dienstleistung GmbH & Co. KG.
Lidl spricht vom Paradoxon des Kakaosektors
2024 erreichten die Kakaopreise an den Börsen historische Höchststände von über 10.000 US-Dollar pro Tonne. Trotzdem leben 30 bis 60 Prozent der Kakaobauern in Ghana und der Elfenbeinküste in extremer Armut. Hohe Weltmarktpreise kommen nicht vollständig bei den Kakaobauern an und lösen die strukturellen Probleme nicht. Daher braucht es Unternehmen, die langfristig und verbindlich in zukunftsfähige Lieferketten investieren, teilt Lidl mit.
„Mit seinem Engagement zeigt Lidl, wie Handelsunternehmen konkret zur Schließung der Einkommenslücke beitragen können. Das Living Income-Programm investiert in die Zukunftsfähigkeit der Kooperativen. Das ist das Engagement, das wir aus dem Kakao-Sektor brauchen”, sagt Claudia Brück, Vorständin für Kommunikation und Politik bei Fairtrade Deutschland.
Für Fairtrade ist die Umstellung von Lidl auf das Fairtrade-Programm für existenzsichernde Einkommen ein wichtiges Signal an die Branche. Globale Lieferketten stehen unter wachsendem Druck durch Klimawandel, ökologische Belastungsgrenzen und regulatorische Anforderungen. „Wenn die Einkommen der Produzent*innen zu niedrig bleiben, gefährdet das nicht nur Menschenrechte, sondern auch die langfristige Verfügbarkeit von Kakao. Mit unserem Programm liefern wir die Instrumente für strukturelle Veränderung – jetzt braucht es entschlossene Partner zur Umsetzung“, so Claudia Brück.
INKOTA: eine gute Nachricht
„Lidl lohnt sich endlich auch für Kakaobäuerinnen und -bauern! Das Versprechen des Discounters ist eine sehr gute Nachricht für die Menschen, die in mühevoller Handarbeit die wichtigste Zutat für Schokolade ernten. Der Kakaopreis am Weltmarkt befindet sich derzeit im freien Fall und hat sich innerhalb von einem Jahr mehr als halbiert. Mit dem fairen Preis und langfristigen Verträgen haben sie Planungssicherheit und können auch in diesen unsicheren Zeiten in ihre Farmen investieren“ erklärt Evelyn Bahn, Kakao-Expertin bei INKOTA.
INKOTA ist, wie auch Lidl, Mitglied des Forum Nachhaltiger Kakao, einer Multi-Stakeholder-Initiative, der auch die fünf größten Supermärkte angehören. Das Forum Nachhaltiger Kakao hat sich zum Ziel gesetzt, dass bis zum Jahr 2030 90 Prozent der Farmer*innen in der Lieferkette über ein existenzsicherndes Einkommen verfügen. INKOTA ist überzeugt, dass sich dieses Ziel nur erreichen lässt, wenn Farmer*innen für ihren Kakao fair bezahlt werden. Abgesehen von Lidl hat sich bisher kein Mitgliedsunternehmen dazu bekannt, existenzsichernde Preise für die Farmer*innen zu garantieren. „Armut ist die Hauptursache von Kinderarbeit. Lidl zeigt, dass faire Preise möglich sind. Nun müssen auch die anderen großen Supermärkte nachziehen“, erklärt Evelyn Bahn und appelliert an alle Mitgliedsunternehmen des Forum Nachhaltiger Kakao, ebenfalls faire Preise zu bezahlen.
Das entwicklungspolitische INKOTA-netzwerk setzt sich seit Jahren für existenzsichernde Preise für Kakaobäuerinnen und -bauern ein. Dabei arbeitet INKOTA eng mit Organisationen in den beiden Hauptanbauländern Ghana und Côte d’Ivoire zusammen.
