Erzeugerpreise im Keller – schwache Regierung zwischen Tunix und rollback - Landwirtschaft ohne Perspektive – kommen noch Treckerproteste?

Marktbeobachtungen von Hugo Gödde +++ Vor zwei Jahren im Winter 2023/24 haben große Treckerdemonstrationen die Republik aufgemischt. Für manche politische Beobachter waren sie der Anfang vom Ende der Ampelkoalition. Der Abbau der Subventionierung des Agrardiesels löste Proteste in der Landwirtschaft aus, die bundesweit in die Gesellschaft ausstrahlten. Sogar die demogeplagten Berliner jubelten den Fahrern von oft sechsstellig teuren Traktoren zu. Die Beteiligten staunten selbst über ihren Erfolg. Tatsächlich hat sich der agrarpolitische Wind seither in Deutschland und der EU gedreht. Der „green deal“ der EU ist abgewählt und die neue Koalition in Berlin will vor allem die alte Politik abwickeln. Aber die Negation der Vergangenheit ist noch kein Zukunftsprojekt. Tatsächlich sind die Erzeugerpreise für Milch, Getreide und Schwein seither abgestürzt und eine Zukunftsperspektive ist nicht zu erkennen. Die ökonomische Lage ist schlechter als damals, selbst DBV-Präsident Rukwied hält „seine“ jetzige Regierung für nicht besser als die alte - aber von Protesten keine Spur.

Zur Einordnung der Treckerproteste

Das wirft ein Blitzlicht auf die Aktionen des Winters 2023/24, die für alle (von DBV über LSV bis AbL) überraschend und mit großer Wucht auftraten. Inzwischen sind die Hintergründe und Ziele der damaligen Aktionen von verschiedenen wissenschaftlichen Seiten kritisch bearbeitet worden. Viele Protestbeteiligte wurden interviewt, so dass die Ereignisse im Nachhinein genauer eingeordnet werden können (siehe Anmerkung unten).

Holst/Niehoff/Franz etwa bewerten sie nur vordergründig als Reaktion auf die Agrardieselbeschlüsse, tatsächlich als einen „Transformationskonflikt“, wie es ihn auch in anderen Wirtschaftsbereichen gibt. Sie kennzeichnen die Landwirtschaft als ein „Schlüsselfeld eines sozial-ökologischen Umbaus der Wirtschaft“ neben Industrie, Energie, Bauwesen und Verkehr. In all diesen Bereichen haben sich (unterschiedliche) Konfliktpotenziale aufgeladen, die verstärkt durch die geopolitischen Krisen (Kriege, Inflation, Schulden usw.) nun offen ausgetragen werden. Zugleich ordnen sie die agrarische Protestwelle als die bislang größte Gegenbewegung gegen die sozial-ökologische Transformation in Deutschland ein.

Die Proteste als Spitze der Transformationskritik

Die Wissenschaftler ziehen aus ihren empirischen Befragungen der Protestierer (über 1000 Landwirte, aber nicht repräsentativ) u.a. folgende Erkenntnisse, die sie typologisch gefasst haben:

  • Die ökonomische Lage (Preise usw.) hat keine bedeutende Rolle gespielt.
  • Dagegen war die Skepsis gegen eine politisch verankerte Agrarwende ein tragendes Element.
  • In der ersten Reihe stand die Kritik an der „Bürokratie“, d.h. an durch staatlich (Berlin, Brüssel) verordnete überzogene Auflagen.
  • Die Protestaktionen wurden von ökologie- oder klimawandelkritischen Haltungen dominiert.
  • Drei Viertel der Protestierenden hielten die gesellschaftlich-politischen Erwartungen an Tierwohl und Naturschutz für nicht erfüllbar, weil sie nicht bezahlt werden.
  • Der Großteil der Protestler sah den Einfluss der NGO’s (Umwelt-, Tier-, Klimaschutz) auf die Politik als übertrieben bis maßlos.

Ein Drittel Agrarwendegegner

Nach Aussagen der Befragten relativiert (oder leugnet gar) etwa ein Drittel den menschengemachten Klimawandel, sieht ihn als einen ideologisch motivierten Angriff auf die Landwirtschaft. Diese Gruppe der Befragten hält „die der Landwirtschaft aufgezwungene Agrarwende“ für einen Kulturkampf des „grünen städtischen“ Milieus gegen die Landbevölkerung. Dabei würde die landwirtschaftliche Leistung nicht anerkannt, sondern missachtet und von städtischen agrarischen Wunschvorstellungen in Frage gestellt. Diese Gruppe hat große Sorgen, zu den Transformationsverlierern zu gehören und ihren Lebensstandard einzubüßen. Der Umbau der Landwirtschaft wird als ökonomische und soziale Bedrohung empfunden. Überdurchschnittlich viele der „Agrarwendegegner“, so die Wissenschaftler, haben lange Jahre das „Wachsen oder weichen“-System befolgt und sehen sich nicht nur durch steigende Kosten und fallende Preise geknebelt, sondern auch noch durch politische Vorgaben.

Umbau als Bevormundung

Eine weitere Gruppe (über 35%) der Protestbewegung erlebt den beginnenden Umbau der Landwirtschaft als staatliche bzw. gesellschaftliche Bevormundung. Sie gibt an, sich durchaus auf Veränderungen einstellen zu wollen, kritisiert aber die Übergriffigkeit des Staates und die wachsenden Auflagen und Bürokratie, z.B. in Form von ausufernden Dokumentationen und Nachweisen, hinter denen sich ein generelles Misstrauen gegenüber der Landwirtschaft verstecke. Die Gruppe der „Bevormundungskritiker“ wehrt sich gegen die Einseitigkeit, mit der Landwirtschaft für jedes Problem (Tierhaltung, Wasser, Artenschutz usw.) verantwortlich gemacht wird, während vor allem die städtische Bevölkerung ihren Leben- und Ernährungsstil nicht ändern müsse/wolle. Hier zeigt sich, dass Umbauanforderungen sowohl mit Abstiegsängsten und mit Abwertungen der bisherigen Lebensführung verbunden sind, aber auch oft als „Gerechtigkeitslücke“ wahrgenommen wird. Nicht zuletzt fürchten sie, dass sie in diesem Transformationsprozess keine Perspektive bekommen, weil sie gegen die Marktmacht des Einzelhandels und der Industrie ohnmächtig sind.

Auch Umbaubefürworter mit deutlicher Kritik

Laut den Ergebnissen erkennen etwa 20 bis 25% der Befragten die Notwendigkeit eines Umbaus der Landwirtschaft grundsätzlich an, kritisieren aber die fachlich falsche, praxisferne und bürokratische Umsetzung der Maßnahmen. Sie fürchten den Klimawandel und die Wetterkapriolen, weisen aber die politische Gängelung zurück, setzen auf Freiwilligkeit und betonen ihre Nähe zur regionalen Gesellschaft (Hofläden usw.) und zu sinnvollen Zukunftszielen (erneuerbare Energie). Diese Gruppe hat an den Protesten weniger oder stiller teilgenommen, die begonnene Art der sozial-ökologische Transformation unterstützt sie auch nicht.

Politische Vertrauenskrise, aber kein bedeutender Rechtspopulismus

Noch einige andere interessante Erkenntnisse haben die wissenschaftlichen Analysen gebracht. So zeigt sich in der Landwirtschaft eine verbreitete Vertrauenskrise in die politischen Institutionen einschließlich der Medien. Dennoch ist keine außergewöhnliche Nähe zu Rechtpopulismus und -extremismus zu erkennen – mit 15% der Wählerinnen und Wähler liegt man in Durchschnitt, was regional sicher unterschiedlich ist. Die Vertrauenskrise überträgt sich auch auf die verbandliche Repräsentation. Trotz der flächenhaften Unterstützung der Proteste fühlt sich nur jeder Fünfte vom DBV gut vertreten. Die Ausfransung in einzelne Verbände von ISN, BDM bis LSV und AbL drückt sich darin aus. Große Einigkeit trotz der Vielfalt innerhalb der gesamten Landwirtschaft besteht in der Ablehnung der Preis- und Marktmacht des Einzelhandels und der Nahrungsmittelindustrie, wovon auch die Genossenschaften nicht ausgenommen sind. Besonders scharf richtet sich die Absage an die Unberechenbarkeit der politischen Rahmenbedingungen und die hohe Volatilität der Marktentwicklungen, die jede betriebliche Planungssicherheit verhindere.

Für den Marktbeobachter belegen die Ergebnisse der Befragungen, dass der bisherige Umbaupfad wenig Rückhalt bei der Mehrzahl der Bäuerinnen und Bauern erfährt und dass bei den Treckerprotesten die konkrete wirtschaftliche Lage der agrarindustriellen Modernisierung gegenüber dem „politisch-kulturellen“ Überbau (Ökologie, Bürokratie, mangelnde Anerkennung usw.) zurückstanden. Vielleicht ist das auch ein besonderer Ausdruck der modernen Krisen. Aber er fragt sich, warum es heute kaum Protestaktionen gibt, obwohl sich die ökonomische Situation (Preise für Milch und Schweinepreis abgestürzt, für Getreide, Hackfrüchte im Keller) seither deutlich verschlechtert hat. Zwar ist mit der neuen Regierung ein vergleichsweise agrarfreundlicher Minister ans Ruder gekommen, aber die aktuellen und mittelfristigen Probleme bleiben unbearbeitet. Die gesellschaftlich wichtige Tierhaltungspolitik besteht aus einer Mischung aus Abbau (Förderung) bzw. „Tunix“ (Tierwohl, Milch). In anderen Bereichen wird – auch auf EU- Ebene - eher ein rollback (Düngung, GAP, Naturschutz, Klimaschutz) unterstützt, ohne Lösungen der dringenden Probleme aufzuzeigen.

Laut den Auswertungen war das Ziel die Brechung der ungeliebten „sozial- ökologischen Transformation“ und ein Demonstrieren für ein politisch unregulierteres „Weiter so“. Oberflächlich wurde einiges erreicht. Der größte Erfolg war die Wiedereinführung der Agrardieselsubvention. Für 2024 haben aber gerade einmal 40% der Berechtigten einen Antrag auf Förderung gestellt. War der Dieselstreit ein ideologischer Hype? Noch eines zeigt sich. Seither ist das Bemühen des gemeinsamen Diskurses von Politik, Landwirtschaft und Gesellschaft und des Brückenbauens à la ZKL und Borchert-Kommission obsolet. „Milch- und Fleischgipfel“ sind folgenlos. Es wird wieder von oben regiert – auch noch schlecht. Die agrarpolitische Unzufriedenheit hält an und die Kritik z.B. am fehlenden praxistauglichen Umbau der Tierhaltung, an der GAP oder der Düngepolitik wächst noch. Das deutet nicht gerade auf eine Befriedung mit Politik und den Marktverhältnissen hin. Das Signal der Proteste, die Betroffenen zu beteiligen, wurde nicht gehört. So wird das nix mit einer zukunftsfähigen, gesellschaftlich akzeptierten Landwirtschaft. Auch das ist eine Erkenntnis seit dem Winter 2023/24.

Anmerkung: Besonders interessant und aufschlussreich: Lutz Laschewski, Andrea Moser, Frauke Pirscher, Frieder Thomas (Hrsg.) Warum so wütend? Hintergründe und Ursachen der Bauernproteste, ASG Schriftenreihe 151, Göttingen 2025 und Hajo Holst, Steffen Niehoff, Martin Franz: Ungeliebte Transformation, S. 18-24, in: Der kritische Agrarbericht 2026, herausgegeben vom Agrarbündnis, Konstanz/ Hamm 2026