Ein Nachruf

Ein Nachruf auf Jean Ziegler, Soziologe, Autor und ehemaliger UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, von Georg Janßen, der ihn als Bundesgeschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft schätzen und auch persönlich kennen gelernt hat.

„Rücksichtslose Autofahrer sind kriminell. Rücksichtslose Denker brauchen wir. Du bist einer davon", schrieb laut SZ vom 12.06.26 ein Freund zum 85. Geburtstag von Jean Ziegler. Am 10. Juni ist der Denker aus der Schweiz im Alter von 92 Jahren gestorben. Manchmal leise und nachdenklich, oft auch ein zorniger Streiter für mehr Gerechtigkeit in der Welt. „Die kapitalistische Produktionsweise trägt die Verantwortung für unzählige Verbrechen, für das tägliche Massaker an Zehntausenden Kindern durch Unterernährung, Hunger und Hungerkrankheiten, für die Zerstörung unserer natürlichen Umwelt, die Vergiftung der Böden, des Grundwassers und der Meere, die Vernichtung der Wälder...", so Ziegler in einem Buch an seine Enkelin. Provokant und streitbar bis zuletzt. Er verurteilte die menschen- und völkerrechtlichen Verbrechen scharf. Ganz gleich, ob es der brutale russische Überfall auf die Ukraine oder die Verbrechen der Hamas gegenüber den Israelis und die Verbrechen der israelischen Regierung gegenüber den Menschen im Gaza waren, Ziegler bezog Stellung. Er schaute hin, wo die Welt wegschaut: Jemen, Sudan, Syrien...Als Uno-Sonderbotschafter für das Recht auf Nahrung (2000 -2008) wurde er mancherorts als radikaler Nestbeschmutzer empfunden. Er machte deutlich, dass Hunger von Menschen gemacht und bewusst als Waffe eingesetzt wird. Er nannte es ein Verbrechen, dass alle fünf Sekunden ein Kind in der Welt an Hunger und dessen Folgen stirbt. Er haderte mit der Tatsache, dass wenige multinationale Großkonzerne den Nahrungsmittelmarkt kontrollieren. Aber er machte als Politiker, Buchautor und moralische Instanz auch Hoffnung. „Das Leben macht dann einen Sinn, wenn man ihm einen Sinn gibt", sagte er in einem Fernsehinterview mit 3sat. Ziegler war überzeugt: In einer Demokratie gibt es keine Ohnmacht, man kann Regierungen zu Reformen zwingen. „Ändere die Welt, sie braucht es", rief er uns zu. Als wir 2015 am Rande einer großen Protestdemonstration in München gegen den G 7 Gipfel und das geplante Freihandelsabkommen EU-USA ins Gespräch kommen und wir auch über die AbL sprechen, meinte er: „Ihr müsst einfach weiter kämpfen." Wenn das kein Auftrag ist.

Jean Ziegler, hier als Festredner auf dem Stadtschreiberfest 2013 in Frankfurt am Main, Bergen-Enkheim, ist im Alter von 92 Jahren verstorben. Foto: Dontworry; CC BY-SA 3.0, Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0