Bundesverdienstkreuz an Bauer Friedrich

Bauer Friedrich Ostendorff hat das Bundesverdienstkreuz erhalten. Dazu nachfolgend persönliche Anmerkungen des Journalisten Dirk Berger, der auf dem Hof Ostendorff im nordrhein-westfälischen Bergkamen zwischen 1981 und 1983 eine landwirtschaftliche Ausbildung absolviert hat.

Bundestagspräsidentin Bärbel Bas hat Dir, Bauer Friedrich, Anfang Juli 2024 auf Vorschlag der Grünen-Fraktion das Bundesverdienstkreuz verliehen. Damit war nicht unbedingt zu rechnen. Vor allem nicht für einen, der sich Anfang der 80er Jahre ein Betretungsverbot für den Deutschen Bundestag eingehandelt hatte, als anlässlich einer Protestaktion gegen die damalige Agrarpolitik ein eingeschmuggeltes Banner von der Besuchertribüne in den Bonner Plenarsaal segelte.

Es war die Agraropposition der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), die Misthaufen vor den Bundestag kippte und Kühe vor den Düsseldorfer Landtag scheißen ließ. Klar warst Du dabei – und auch als die Verwaltung des THTR in Hamm-Uentrop besetzt wurde, um gegen die Atompolitik zu protestieren, was Dir eine Anzeige wegen Hausfriedensbruchs einbrachte.

Ein Praktiker ist ein Mensch, der die Praxis der Theorie vorzieht. Und ein Pragmatiker einer, der zielorientiert arbeitet. Du bist beides, Du hattest das Leben sozusagen schonmal verstanden, bevor Du in die Politik gegangen bist. Der Wert einer bäuerlich geprägten Landwirtschaft und einer intakten Umwelt war bereits erkannt - und der Gegner im Bauernverband ausgemacht. Das propagierte „Wachsen oder weichen“ bedrohte schließlich die Existenz kleiner Höfe.

Anfang der 80er Jahre wurdest Du Landesvorsitzender der AbL. Man erinnert sich daran, dass der damalige Vorsitzende des Bauernverbandes, Constantin Freiherr Heereman, manche Veranstaltung mied, weil er die Auseinandersetzung mit den AbL-Vertretern fürchtete. In diese Zeit fiel auch die Gründung der Grünen Partei in Unna und die Umstellung des Hofes auf ökologischen Landbau. Die enge Zusammenarbeit mit dem BUND, dessen stellv. Landesvorsitzender und Bundesagrarsprecher Du warst, sowie die Mitgründung des Neuland-Programms für artgerechte Tierhaltung und des Bioland-Landesverbandes schlossen sich an. Als Du nach acht Jahren Kommunalpolitik 2002 für die Grünen in den Bundestag einzogst, änderte sich die Bühne. Deine Frau Ulrike übernahm die Führung des Hofes.

Wenn man sich mit der einen und dem anderen aus dem Berliner Betrieb über Dich unterhält, hört man, dass Du offenbar während Deinen fast 16 Jahren im Brain-Pool deutscher Politik Deinen Charakter nicht dem politischen Leben untergeordnet hast. „Friedrich blieb knorrig“, erinnert sich ein Mitstreiter, „er hat seine Art und seine Herkunft nicht versteckt – das war strategisch sogar ein Pluspunkt.“ Eine komplexe Sicht auf die Dinge hätte Dich ausgezeichnet. „Empathie und Aufbegehren gehören bei ihm zusammen, er hat intuitiv Politik gemacht.“ Immer hart an der Sache und wenn notwendig auch über Parteigrenzen hinweg. „Hat er Dinge für richtig erkannt, ist er da durchgegangen und hat dazu gestanden.“ Das zeichnet Solitäre aus: Hartnäckigkeit.

„Friedrich hat bei allem Engagement für die bäuerliche Landwirtschaft nie den einfachen Weg gewählt“, erinnert sich eine politische Wegbegleiterin, „wenn es nötig war, hat er Allianzen außerhalb der grünen Bubble gesucht.“ Vielleicht so: Mit wem man die Ernte einfährt, ist nicht so wichtig – Hauptsache, man fährt sie ein. Pragmatiker eben und Praktiker. Auch wenn Du den Berliner Betrieb mit frischen Bratwürstchen vom Hof versorgt hast – und die türkische Kollegin mit Zuckerrüben, die sie zum Kochen brauchte.

Dein Gedächtnis, was historische Zusammenhänge anbelangt, hat mich früher schon beeindruckt. Hier erfuhr ich ebenfalls Bestätigung: „Gesichter, Namen, Familiengeschichten bis zum Schwager dritten Grades, das hat er alles drauf.“ Dein Erinnerungsvermögen gehört jedenfalls zu Deinem politischen Kapital.

Als stellv. Vorsitzender des Ausschusses für Ernährung und Landwirtschaft sowie Agrarsprecher der Grünen-Fraktion hast Du bei der Verabschiedung des Gentechnikgesetzes, das die Grundlage für die Erhaltung einer gentechnikfreien Landwirtschaft bildet, maßgeblich mitgearbeitet. Und doch ist die Ernte in der Politik zumindest nie ganz eingefahren – siehe beispielsweise den aktuellen Streit ums Düngegesetz oder die nie nachlassende Arbeit der Kernkraft-Lobbyisten. Nichts hört wirklich auf, alles kommt wieder.

Das ist auf dem Hof ähnlich. Da stehst Du jetzt wieder ganz in Grün. Du bist in Gummigaloschen auf politischem Wege jedenfalls weitergekommen, als manch anderer. Es tragen viele Bauern Gummigaloschen. Wahrscheinlich kommt’s drauf an, wessen Füße drinstecken.

Glückwunsch.

Bundestagspräsidentin Bärbel Bas hat Friedrich Ostendorff Anfang Juli 2024 das Bundesverdienstkreuz verliehen. Foto: Bundestag