Betrugsskandal um die Raiffeisen Viehzentrale schockiert die Fleischbranche - zugleich herrscht Schweigen

Marktbeobachtungen von Hugo Gödde +++ Betrugsvorwürfe gegenüber dem größten genossenschaftlichen Viehvermarkter RVZ (Raiffeisen Viehzentrale) haben die gesamte Fleischbranche, besonders im Norden und Westen, in Aufruhr versetzt. Sie sind das Thema Nr. 1, seitdem der Sanktionsbeirat der QS („Qualität und Sicherheit GmbH“, das wichtigste Kontrollgremium der Branche) am 25. Februar in einer kurzfristigen Sondersitzung die RVZ wegen „mehrerer gravierender Unregelmäßigkeiten“ bei der Lieferung von Rindern aus dem QS-System ausgeschlossen hatte. Da die QS-Anerkennung für den weitaus größten Teil der Schweine- und Rindervermarktung Grundvoraussetzung ist, ist ein solches Vorgehen bei einer solchen „Viehmarktgröße“ beispiellos und stürzt die Viehvermarktung weit über die nordwestdeutsche Region hinaus in heftige Turbulenzen.

Was ist passiert?

Der QS-Sanktionsbeirat wirft der RVZ vor, sie habe bei der Vermarktung von Schlachtrindern der Haltungsform 3 (Frischluft/Offenstall) betrogen. Nach jetzigem Informationsstand sollen zwischen November 2023 und Januar 2024 beim Erzeuger etwa 1100 Tiere der niedrigen Stufe 1 eingekauft und als „3er“ teurer verkauft worden sein (intern wird auch von weit höheren Zahlen gemunkelt!). Sie sollen ohne Wissen der Bauern mit gefälschten Papieren umdeklariert worden sein, so dass ein zusätzlicher Erlös von gut 100 € pro Tier eingestrichen wurde. Erst jetzt ist der Betrug aufgefallen und hat zu der Konsequenz geführt, dass RVZ und wesentliche angeschlossene Betriebe der RVZ mit sofortiger Wirkung von der Teilnahme am QS System ausgeschlossen werden – die RVZ sofort, für die angeschlossenen Bündler mit einer Frist bis Ende April, für den Bereich Transport mit einer Frist bis Ende Juni 2025. Dieser Ausschluss ist das schärfste Schwert des gemeinsam von Bauernverband, Raiffeisenverband, Fleischindustrie und Handelsverband getragenen Systems.

Die QS rät, Landwirte sollten darauf achten, einen anderen für das QS-System (auch für die Initiative Tierwohl) zugelassenen Bündler zu nutzen, um ihren eigenen Status nicht zu gefährden und lieferfähig zu bleiben.

Marktpartner wenden sich ab und schweigen

Die Vermarktungspartner reagierten natürlich umgehend. Sowohl die Westfleisch, seit Jahren eng mit der RVZ verbandelt, als auch die Edeka Rhein-Ruhr mit ihrem Fleischwerk Rasting stellten die Zusammenarbeit mit der westfälischen Viehgenossenschaft ein. Schließlich hatten sie zu dritt das Edeka-Programm „Bauernliebe“ aufgebaut, dass seit ca. zwei Jahren am Markt erfolgreich ist und die Westfleisch in der Haltungsform 3 an die Marktspitze katapultiert hat. In einem Rundschreiben von Westfleisch und Rasting an die landwirtschaftlichen Vertragspartner heißt es: „Wir als ihre Programmpartner haben somit keine Basis mehr für eine Zusammenarbeit mit der RVZ und müssen diesen Kooperationspartner zum Schutz des Gesamtsystems mit Wirkung ab dem 10. März 2025 aus unserer Lieferkette ausschließen.“ Ohne QS habe die RVZ keine Legitimation als Partner der Lieferkette. Daraufhin hat die Westfleisch innerhalb weniger Tage die Vertragsbauern der RVZ direkt angesprochen, um die Lieferfähigkeit der Bauern, aber auch der Westfleisch für das Rasting- und andere Programme zu halten. Sonst hält man sich bedeckt, wie das Wochenblatt Westfalen schreibt. Das gilt auch für andere aus der Fleischbranche. Tönnies teilt immerhin über seine Pressestelle mit: „Wir bedauern den Vorfall von vor einem Jahr, bei dem auch wir getäuscht wurden, sehr...Der Vorfall zeigt, wie wichtig eine robuste Qualitätssicherung ist.“

Die QS will zurzeit keine weiteren Fragen beantworten. Auch ihr Geschäftsführer Römer hüllte sich auf der Milchtagung der AbL am 10.März in Schweigen. Dabei haben sie den Skandal doch enthüllt und ausgelöst, so dass sie auch ihre Gründe ausführlich aufzudecken hätten.

RVZ bestätigt „Unregelmäßigkeiten“ und...

Die RVZ GmbH ist 2024 durch die Fusion der RVG GmbH (mit Sitz im Münsterland) und der Viehzentrale Südwest (Baden- Württemberg) entstanden. Der Verbund handelte im letzten Jahr rund 4,5 Mio. Rinder und Schweine. Kürzlich wurde bekannt, dass die RVZ vier Viehhandelsstandorte der Vion in Duben, Bernsdorf, Dalum und Einbeck übernehmen wird. Außerdem gehören vier Tochterunternehmen dazu, die Anilog GmbH, die NVG bovex GmbH, probovi GmbH und die RVZ Aufzucht GmbH. Da die Transportsparte der RVZ für QS-Tiere gesperrt ist, wurden zwei LKWs der RVZ an die Tochter Anilog überführt, um transportfähig zu bleiben.

Neben dem Edeka-Programm „Bauernliebe“ ist die RVZ auch in anderen Vermarktungswegen der Stufen 2 bis 4 tätig. Dazu gehören die „Wertschätze“ (Kaufland), das Gutfleisch- und Hofglück- Programm von Edeka Südwest, die „Bauernschätze“ (Edeka Nordbayern, Sachsen, Thüringen) und das bayerische Strohschwein-Label von Rewe. Manche von ihnen haben schon Regressforderungen angekündigt.

Bauern und Lieferanten fürchten natürlich um ihr Geld. Der RVZ-Geschäftsführung ist es daher wichtig zu betonen, dass keine finanzielle Schieflage vorliege. „Unser Umsatz in der RVZ- Muttergesellschaft beträgt 890 Mio. €, das Eigenkapital liegt bei ca. 30 Mio. € und wir haben keine langfristigen Verbindlichkeiten. Wir sind finanziell solide aufgestellt. Kein Bauer muss sich Sorgen machen, dass er Geld verliert.“ Andere Beteiligte in der Lieferkette sehen aber auch Chancen, einen unliebsamen Wettbewerber aus dem Markt zu drängen, fürchtet auch die Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN).

... bittet um Gnade

RVZ versucht nach anfänglichem Kleinreden nun die Flucht nach vorn und will umfänglich aufklären und mit der QS über die weitreichende Strafe reden und sie abwenden, die ihr unangemessen hoch erscheint angesichts des kurzen Betrugszeitraums, zumal (wörtlich!) „auch andere Marktteilnehmer keine grundlegend anderen oder besseren Sicherungssysteme haben als wir, so dass auch andere Marktteilnehmer damit aus Sicht der QS nicht als ‚sicherer‘ gelten könnten“, so die RVZ in ihrer Stellungnahme vom 3.März.

Dem Marktbeobachter bleiben unglaublich viele Fragen. Was ist wirklich wann, wo, wieviel, von wem betrogen worden? Wie konnte das geschehen beim größten Viehvermarkter? Wer übernimmt Verantwortung und mögliche Regressforderungen? Muss der Staatsanwalt eingreifen oder läuft es unter Kavaliersdelikt?

Und vor allem: wieso hat die QS/ITW den Betrug nicht selbst bei Kontrollen aufgedeckt, sondern musste vom Bauern nach Abgleich mit der HIT-Datenbank, dem Herkunftssicherungs- und Informationssystem für Tiere, auf Unregelmäßigkeiten hingewiesen werden. Haben die Sicherungssysteme der QS in der Breite versagt? Ist es ein Systemfehler der QS, wie die RVZ quasi unterstellt? Sind sie viel zu lasch und nur bessere Eigenkontrollen der Programme? In der Fleisch- und Agrarszene sind diese und andere Fragen schon lange unterwegs, werden aber bisher immer von den Verbandseliten abgebügelt und - wie möglicherweise auch jetzt – unter den Teppich gekehrt.

Besonders die QS tritt gegenüber der Politik gern als das bessere, strengere Prüfsystem auf, das – so die QS-Stellungnahme – „beim staatlichen Tierhaltungs- Kennzeichnungsgesetz (THKG) leicht unterlaufen und vermieden werden kann.“ Der aktuelle Betrug belegt eher das Gegenteil. Offensives Aufdecken und nicht verdruckstes Pfeifen im Wald stehen auf der Tagesordnung. Ein Aussetzen des Tierhaltungskennzeichnungsgesetzes und ein privates Kennzeichen a la QS/ITW ist wahrlich keine Alternative. Die AbL-Forderung nach Weiterentwicklung des (handwerklich schwachen) Gesetzes hilft allen mehr – vom Erzeuger, über die Vermarkter bis zum Verbraucher. Auf die Regierung kommt es jetzt an.

"Mit Vertrauen handeln". Dieses Logo der RVZ befindet sich auch auf der Stellungnahme der RVZ zu den jetzt aufgedeckten "Widersprüchlickeiten" und "Fehlern", wie es in der Stellungnahme heißt. Da ist beim Handeln wohl was schief gelaufen.