Einzelhandel und Tierschutzbund vereinbaren mehr Hähnchen-Tierwohl

Die vier großen Lebensmitteleinzelhändler Aldi, Lidl, Edeka und Rewe mit ihren Töchtern Kaufland, Netto und Penny haben mit dem Deutschen Tierschutzbund (DTB) mehr Tierwohl in der Geflügelfleischerzeugung vereinbart. Gemeinsam haben sie beschlossen, den Anteil der Produkte in den Haltungsstufen 3 und 4 in den nächsten zwei Jahren zu verdoppeln und bis Ende des Jahres 2026 rund 20% oder mehr ihrer Angebote umzustellen.

DTB- Präsident Schröder begrüßte die Übereinkunft ausdrücklich: “Mit dem Mehrangebot in den beiden höchsten Stufen mit der 3 und 4 wird das Tierwohl im Geflügelsortiment gestärkt. Dieses Bekenntnis ist stark, auch mutig.“ Denn bisher waren gerade im Geflügelmarkt die Erfolge beim Tierwohl sehr begrenzt. Auch jetzt bezieht sich die Absprache vor allem auf die Erzeugung von Hähnchenfleisch, während Putenfleisch zunächst kaum im Blickfeld ist.

Die Anforderungen für die Erzeuger sind nach Aussagen von Teilnehmern „nicht ohne“ und verteuern die Produktion erheblich. In Stufe 3 wird ein sogenannter Kaltscharraum verlangt, der den Hähnchen auch im Winter bzw. in Schlechtwetterzeiten Bewegung in wenig- oder unbeheizten, überdachten Ausläufen gewährt. Außerdem ist die Besatzdichte pro Quadratmeter deutlich reduziert, das Wachstum rassezüchtungsbedingt gebremst und dadurch die Lebensdauer erheblich verlängert. Marktexperten sprechen von einer Kostenerhöhung um etwa 50% gegenüber der „normalen gesetzlichen“ Haltung.

Stufe 4 erfordert die Kriterien der Freilandhaltung bzw. der Biohaltung, u.a. mit 4 qm pro Tier im Feld, was den Preis um das 3- bis 4-fache steigert. Der Marktanteil in dieser Stufe ist entsprechend im Handel sehr gering bei 1%.

Handel entwickelt sein Haltungssystem weiter
Mit diesem Schritt in Richtung mehr Tierwohl will der Handel verdeutlichen, dass er sein System der einheitlichen Haltungsform-Kennzeichnung 1 (gesetzlicher Standard) bis 4 (Premiumstandard) , das er in 2019 eingeführt hat, kontinuierlich auf weitere tierische Produkte fortführt. Bisher standen vor allem einige wenige Schweinefleischerzeugnisse und Geflügel auf niedrigster Stufe zum Verkauf, was gerade auch die Verbraucherzentralen seit langem kritisieren. „Mit der Haltungsform-Kennzeichnung werden derartige Schritte für die Verbraucher sichtbar und verständlich,“ unterstreicht auch Alexander Hinrichs von der Gesellschaft für Förderung des Tierwohls, die an der Schnittstelle zwischen Handel und Industrie die korrekte Eingruppierung von Standards und Programmen in das Handelssystem unterstützt und die korrekte Anwendung kontrolliert. Wenn man die notwendigen Umstellungszeiten auf den landwirtschaftlichen Betrieben berücksichtigt, ist die Ankündigung von 20% bis 2026 schon recht ehrgeizig. Dabei werden die Produkte aus der Einstiegsstufe (=3) und der Premiumstufe des Labels „Für mehr Tierschutz“ des DTB und der Bio- zertifizierten Betriebe (=4) die Richtung angeben.

Wiesenhof als Treiber
Hinter diesen Aktivitäten stehen aber nicht nur der Handel, sondern auch die Geflügelfleischindustrie, allen voran der Wiesenhofkonzern mit seinem Programm „Privathof“, wie Konzernchef Wesjohann jüngst verkündete. In der Auseinandersetzung mit der Konkurrenz von Plukon („Fairmast“) oder Rothkötter will er sich Platzvorteile im Premiumsegment sichern. Seine Strategie der langjährigen Zusammenarbeit mit dem Label scheint sich allmählich auszuzahlen. Er will den Ausbau des Stufe 3-Geflügels zügig vorantreiben, bestehende Ställe umbauen und mit Wintergärten ausstatten. Vor 10 Jahren mit 11 Landwirten gestartet sind inzwischen 32 Betriebe auf „Privathof“ umgestellt. „Diesen Anteil können wir nun sukzessive signifikant erhöhen,“ so Wesjohann. Wenn man diese Teilnehmerzahlen sieht, wirkt der Ausbau auf 20% Marktanteil in den nächsten 5 Jahren recht ambitioniert.

Kritik von Tierschutzverbänden
Überraschenderweise kommt Kritik aus einer Richtung, die man nicht erwartet hätte. Das European-chicken-commitment (ECC), einem Zusammenschluss von 31 europäischen Tierschutzorganisationen, in dem neben dem DTB u.a. die deutschen Verbände Albert- Schweitzer-Stiftung, Provieh, Vier Pfoten beisammen sind, moniert, dass der DTB damit das gemeinsame Arrangement mit dem Einzelhandel verlassen habe. Tatsächlich bringt die DTB- Vereinbarung deutlich mehr Tierwohl für das Geflügel als die ECC- Forderungen, die eher minimale Tierschutzstandards festschreiben. So verlangt der ECC von seinen Lieferanten bis 2026 kaum höhere Umweltstandards wie 50 Lux an Licht im Stall oder eine maximale Besatzdichte von 30 kg Hähnchen je qm Stallfläche, aber kein Wintergarten oder unterschiedliche Temperaturzonen, die für das Tierwohl unverzichtbar sind. (Der Besatz der Premiumstufe des DTB liegt 30% niedriger.)

Marktbeobachter sind erstaunt über die niedrigen Tierschutzstandards des ECC, wenn man ihre scharfe Kritik an der „normalen“, häufig industriemäßigen Hähnchenhaltung betrachtet, und finden es unverständlich, dass man sich von Vereinbarungen für mehr Tierschutz aus taktischen Gründen eher distanziert.

Signal an den Markt und an die Politik
DTB- Präsident Schröder sieht dagegen die Vereinbarung als Vorbild für mehr Tierschutz im gesamten Sortiment tierischer Produkte, also auch für Schweine- und Rindfleisch sowie Eier, und zugleich als ein Signal an die Politik, endlich mehr Tierwohlmaßnahmen zu beschließen.

20.03.2021
Von: hg

Einblick in einen Wiesenhof-"Privathof". Foto: Wiesenhof