Stillstand am Futtermittelhafen

Bauern und Verbraucher stoppen globale Maschinerie der Gentechnik-Sojaimporte

Brake/Unterweser: Meterhohe Blechsilos mit gigantischen Lagerkapazitäten und hohe Hafenkräne - ein enormer Logistikpark. Dieses Bild kennen LKW-Fahrer, die an einem der größten europäischen Futtermittelhäfen im niedersächsischen Brake eine Lieferung Soja abholen sollen. Doch am 20. August bot sich ihnen mittags ein anderes Bild: Ein querstehender Traktor samt Anhänger, bunte Transparente und lautstarke Aktivisten blockierten friedlich aber selbstbewusst die Zufahrt zum Hafengelände. Die Tagesbilanz: 40 Leute und 1 Trecker mit Anhänger, eine mobile Küche und eine Spontan-Samba-Band haben in einer Stunde 35 LKWs zum Stehen gebracht. Ein breites Bündnis aus Bauern, Verbrauchern, Wissenschaftlern und Agrar-Studenten machte so auf die weitreichenden, negativen sozialen und ökologischen Folgen der Soja-Futterimporte aufmerksam. Eine der Initiatoren war Annemarie Volling, Koordinatorin der gentechnikfreien Regionen Deutschlands. Sie bezeichnete Soja als den „Schmierstoff für die industrielle Massentierhaltung in Europa.“ Da diese die bäuerlichen Strukturen hier und weltweit vernichte, „muss der Soja-Import-Wahnsinn gestoppt werden!“ fügte sie hinzu.

 

Es interessiert die Bohne

Doch zunächst die Zahlen: Im Jahr 2013 wird die EU27 voraussichtlich 26,8 Mio. t Sojaschrot sowie 11,3 Mio. t Sojabohnen importieren. Auf Deutschland werden davon Anteile von rund 3,5 Mio. t Sojaschrot und 3,2 Mio. t Sojabohnen entfallen. Hinzu kommt, dass es sich derzeit beim größeren Teil dieser Importe um gentechnisch verändertes (gv) Soja handelt. Für Ernst Steenken, Bauer aus dem Oldenburger Land, ist „der Soja-Import das Einfallstor der Gentechnikkonzerne. Das müssen wir unterbinden.“ Deshalb hat Steenken schon vor drei Jahren eine Einkaufsgemeinschaft für gentechnikfreie Futtermittel mitgegründet. Welche konkreten Auswirkungen der Anbau der riesigen Mengen an Soja in den Hauptexportländern Brasilien und Argentinien hat, weiß Paulo Alfredo Schönardie nur zu genau. Als landloser Kleinbauer aus Brasilien und derzeit Doktorand an der Universität Hamburg kennt er diese aus der Praxis. Er berichtet, dass „durch den Soja-Monokulturanbau wertvolle ökologische Gebiete wie Regenwälder oder Savannen unwiederbringlich zerstört werden.“ Mehr noch: „Kleinbauern werden vertrieben. Heute besitzt 1 % der Großbauern 46 % der privaten Landflächen in Brasilien. Mit Ernährungssouveränität hat das nichts zu tun!“ Für Ottmar Ilchmann, Milchbauer aus Ostfriesland und Landesvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) Niedersachsen, ist diese Situation unhaltbar „Wir dürfen nicht länger auf Kosten anderer leben. Wir müssen bewusst auf eine bäuerliche, regionale und ökologischere Lebensmittelerzeugung setzen. Zumal wir mehr als genug pflanzenbauliche Alternativen zu den Sojaimporten haben.“ Damit meint Ilchmann vor allem die sogenannten heimischen Leguminosen. Ackerbohnen, Futtererbsen, Klee und Co können die Nutztiere ähnlich gut versorgen wie Soja. Gleichzeitig ist ihr Anbau mit vielfältigen ökologischen Vorteilen für die heimische Landwirtschaft verbunden. Sie erhöhen die Artenvielfalt der Kulturlandschaft, fördern die Bodenfruchtbarkeit und können Bodenverdichtungen lockern. Mehr noch: durch die Fähigkeit, den Boden auf natürliche Art und Weise mit Nährstoffen zu versorgen minimieren Leguminosen die energieaufwendige Produktion von synthetischem Dünger.

 

Agrarindustrie anschaulich

Die Aktion vor dem Futtermittelhafen in Brake war für Lea Unterholzner vom Agrarbündnis Niedersachsen ein voller Erfolg. Zufrieden konstatiert sie, dass „der kleine Aufstand heute Mittag wenigstens zeitweilig eine globale Maschinerie zum Stillstand gebracht hat.“ Außerdem betonte Unterholzner: „Das war heute der Auftakt. Am 31. August werden wir gemeinsam mit vielen Menschen unter dem Motto ‚Wir haben Agrarindustrie satt’ den größten europäischen Geflügelschlachthof in Wietze bei Celle umzingeln. Wir werden dabei die agrarindustriellen Fehlentwicklungen und die politisch Verantwortlichen deutlich benennen. Eine zukunftsfähige Landwirtschaft mit regional angepassten Strukturen sieht anders aus.“

10.09.2013
Von: Phillip Brändle, junge AbL