Roboter rockt Rübe

Opportunity – Gelegenheit – hieß der Mars-Rover, der jahrelang auf unserem unwirtlichen Nachbarplaneten herumfuhr, Fotos und Daten sendete, bevor ihn 2018 ein Sandsturm endgültig lahmlegte. Der Farmdroid sieht ein bisschen aus wie Opportunities großer Bruder mit seinem Solarpanel waagerecht über Aggregaten und Rädern. Er steht noch ganz am Anfang seiner Mission, die auch nicht auf dem Mars, sondern auf Äckern auf der Erde stattfindet. Die Idee stammt von zwei Brüdern aus Dänemark, die schon seit Jahren an selbstfahrenden Robotern für den Einsatz in der Landwirtschaft tüfteln. Im vergangenen Jahr schaffte es dann die erste Kleinserie mit dem Namen Farmdroid auf 13 Betriebe in Dänemark, die damit vor allem Rüben aussäten und hackten. Zur Agritechnica im vergangenen November nahm dann die Firma Solar-Energie Andresen aus Sprakebüll im Norden Schleswig-Holsteins den Vertrieb eines mit den Erfahrungen des ersten Jahres weiterentwickelten Roboters in Norddeutschland auf. Neun von ihnen verrichten nun auf Biobetrieben ihren Dienst, noch dreizehn weitere laufen in Süddeutschland, insgesamt dieses Jahr 40 in ganz Europa. Vater und Sohn Andresen bauen und betreiben sonst Solar- und Windkraftanlagen, bewirtschaften selbst einen landwirtschaftlichen Betrieb und haben ganz offensichtlich Spaß an neuer Technik. „Ich hab den gesehen und gedacht: das passt zu uns“, sagt Geschäftsführer Christian Andresen.

Weniger Handhacke

Auch die Bauern und Bäuerinnen, die sich dieses Jahr den Farmdroid auf den Hof geholt haben, sind vor allem daran interessiert, neue Lösungen zu finden, in diesem Fall, um Unkräuter mechanisch in der Reihe zu bekämpfen. Ausgeführt von einem autonom mit Solarenergie fahrenden Roboter ist das auch unter ökologischen Aspekten ein zukunftsweisendes Projekt. Noch steckt es in den Kinderschuhen. „Aber man muss doch neue Ideen unterstützen und voranbringen“, sagt Biobauer Reiner Bohnhorst, bei dem der Farmdroid dieses Jahr vier Hektar Zuckerrüben gedrillt hat und nun hackt. Es gehe ihm darum, den Anteil der Handhacke im Biorübenanbau zu reduzieren, sagt Bohnhorst, nur dann ließen sich für ihn Zuckerrüben tatsächlich wirtschaftlich anbauen. Die Rechnung, die Nordzucker als Abnehmer der Biorüben aufmache, kalkuliere mit 100 bis 150 Stunden Handhacke, Bohnhorst hat in den vergangenen drei Jahren eher 200 bis 250 Stunden gebraucht. Das ist für den Bauern aus der Nähe von Uelzen in Niedersachsen nicht nur ein wirtschaftlicher Faktor, sondern gerade in der in diesem Jahr besonders diskutierten Frage der Saisonarbeitskräfte in der Landwirtschaft auch ein gesellschaftspolitischer.

Inzwischen ist klar, dass es zumindest mit dem diesjährigen Farmdroid selbst bei unkrauttoleranteren Bauern als Bohnhorst nicht ganz ohne Handhacke geht, aber es geht mit deutlich weniger Stunden. „Wenn man unter 100 Stunden bleibt und der Roboter ein paar Jahre läuft, würde die Rechnung schon aufgehen“, sagt Bohnhorst. „Verfahren und Maschine werden sich weiterentwickeln, fürs erste hat doch schon vieles geklappt.“ Dafür, dass die Erfahrungen der Bauern und Bäuerinnen bei den dänischen Entwicklern landen, sorgt der enge Austausch untereinander per WhatsApp-Gruppe. Da mit drin ist auch der nur für den Farmdroiden zuständige Mitarbeiter der Firma Andresen, Alexander Wellmann, der während der heißen Phase des Drillens und ersten Hackens kaum mehr im eigenen Bett geschlafen hat. Eigentlich war er immer bei einem Roboter auf dem Acker. Dabei geht es dann nicht nur darum, die neue Technik einzusetzen, die neuen Bediener zu schulen und bei Problemen einzugreifen, sondern auch um ein bisschen emotionale Unterstützung. Wer für 75.000 Euro eine neue Maschine kauft, der will, dass es gut wird, und nicht, dass der Roboter, statt wie vorgesehen am Vorgewende zu drehen und wieder in der nächsten Spur über den Acker zurückzufahren, einfach mal Richtung Straße abhaut. Obwohl die Geschichte für die WhatsApp-Gruppe eine Bombenstory gibt, die viele lach-weinende Emojis produziert. „Es ist klar, dass nicht alles auf Anhieb problemlos läuft“, sagt Wellmann und ist sich auch bewusst, dass er dann derjenige ist, der den Frust abkriegt. Gleichzeitig zeigt sich jetzt, wo die ersten Rüben die Reihen schließen, dass das grundsätzliche Prinzip funktioniert.

Verbesserungsvorschläge

Das Prinzip setzt darauf, dass der Roboter zunächst per GPS-Signal die Umrisse und Bewirtschaftungsrichtungen des Ackers abfährt und abspeichert. Dann legen die sechs im Rahmen der Maschine angebauten Einzelkornsäaggregate die Rübenpillen ab und speichern nicht die Koordinaten aller, aber doch eines engen Rasters an Ablagestellen ab. Nach dem Drillen werden die Säaggregate ab- und Hackmesser angebaut, die entsprechend der gespeicherten Daten und des gewählten Abstands der Pillen in der Reihe mit einer halbdrehenden Bewegung in die Reihe hacken. Der Farmdroid ist auf 20 ha ausgelegt und fängt im besten Fall sofort, wenn er einmal rum ist, wieder von vorne an. Er bewegt sich mit maximal 800 m/Std so langsam, dass er tatsächlich autonom fahren darf. Seine Batterieladung schafft es oft, bis auf zwei, drei Stunden die Nacht durchzuarbeiten. Kommt morgens die Sonne raus, fährt er selbstständig wieder los. Statusmeldungen gibt's per SMS auf die Handys der Bauern und Bäuerinnen. Man kann individuell einstellen, wie viele Zentimeter das Hackmesser an die Rübenpflanzen ranhacken soll. „Je kleiner die Rübe, desto weiter sind wir noch weggeblieben, um sie nicht zu verschütten, wir haben uns dann rangetastet, sind am Ende so bei fünf bis sieben Zentimetern gewesen“, beschreibt Wellmann. Nah an der Rübe bleibt dann das an Unkraut stehen, was hinterher noch die Hackkolonne erledigen muss oder kann. Da die Rüben sehr exakt im Verbund stehen, könnte man sich allerdings auch vorstellen, den Roboter nicht nur in und gegen die Fahrtrichtung über den Acker zu schicken, sondern auch quer. Das ist eine Frage der Software und der Computerfreaks im fernen Dänemark. Die Liste der Fragen und Verbesserungsvorschläge der Bauern und Bäuerinnen in Nordeutschland ist lang, Details haben sie zum Teil schon selbst umgebaut. Als eine zentrale Problemquelle entpuppte sich die Drilltechnik, bei der die Tüftler in Dänemark nicht auf vorhandene Technik zurückgreifen wollten, sondern die sie zum Teil mit Hilfe von 3-D-Druckern selbst gebaut haben. Kleinigkeiten wie zu schwach dimensionierte Plastikteile oder winzige Plastikfädchen, die im Särad die Saatgutpillen im Fall behindern, müssten nicht sein.

Zukunftsgelegenheit

Das Interesse am Farmdroid ist groß, nicht nur von Biobetrieben kamen trotz Corona mehr Menschen als erwartet zu einem halboffiziellen Feldtag. Vertreter des Zuckerrübenanbauverbandes oder auch von Nordzucker erklären durchaus auch für die konventionelle Landwirtschaft, dass Ideen wie die des Farmdroids die Zukunft seien, weil sie den Pestizideinsatz mindestens reduzieren könnten. „Vielleicht haben wir nächstes Jahr schon zwei Roboter und einer hackt längs und einer quer“, schmunzelt Reiner Bohnhorst. Vieles ist vorstellbar, wenn man bereit ist, über den Horizont hinauszugucken. Übrigens sollte Opportunity, der Roboter auf dem Mars, ursprünglich nur rund 90 Tage auf dem Mars fahren, funken, fotografieren – am Ende waren es über 5.000.

12.06.2020
Von: cs

Roboter im Einsatz