AgrarBündnis: Digitalisierung der Landwirtschaft ersetzt keine Agrarwende

Das AgrarBündnis warnt vor Big-Data-Konzernen und fordert die Gestaltung der Digitalisierung im Sinne einer bäuerlich-ökologischen Landwirtschaft.

„Wir brauchen einen neuen Blick auf die Digitalisierung und ihre Bedeutung für das Funktionieren von Gesellschaft und Wirtschaft. Auch die Begleitumstände der Corona-Pandemie tragen derzeit dazu bei, diesen Blick zu weiten. Es geht nicht darum, mit innovativer Technik vorhandene Schwachstellen zu verbessern. Es geht darum, die Digitalisierung im Sinne einer bäuerlich-ökologischen Agrarwende zu gestalten und zu nutzen“, erklärt das AgrarBündnis als Ergebnis eines unter seinen Mitgliedern erfolgten Diskussionsprozesses über Digitalisierung in der Landwirtschaft. Zusammengefasst hat das Bündnis von 25 Verbänden aus Landwirtschaft, Umweltschutz, Tierschutz, Ernährung und Entwicklungsarbeit die Ergebnisse in einem jetzt vorgestellten Diskussionspapier.

Klar ist nach Ansicht des AgrarBündnis, dass die Digitalisierung die Landwirtschaft massiv verändern wird und die Chancen nicht verkannt werden sollten. Es sei aber notwendig, die Risiken zu benennen und ihnen zu begegnen: „Denn bäuerliche Erfahrungen und bäuerliches Wissen sind ein Schatz, den es zu erhalten und zu schützen gilt,“ sagt Geschäftsführer Frieder Thomas. „Algorithmen können diese Erfahrung unterstützen, aber nicht ersetzen.“

Viele Versprechungen und erheblicher Bedarf, um die Digitalisierung zu gestalten
Die neue Technologie wird verbunden mit einer ganzen Reihe von Versprechungen: Mehr Umweltschutz bei gleichzeitiger Steigerung der Produktivität, umfassendere Information, Vereinfachung der Kommunikation oder auch Bürokratieabbau. Das AgrarBündnis sieht aktuelle Probleme der Landwirtschaft jedoch nicht in technischen Defiziten begründet, die man mithilfe digitaler Instrumente beseitigen könnte. Denn digitale Lösungen sind schon lange ein Hilfsmittel in der Landwirtschaft. Bernd Voss, Vorstandssprecher des AgrarBündnisses, kennzeichnet die Situation so: „Wenn wir weiterhin nur kostengünstige Massenproduktion für die Weltmärkte als Ziel haben, dann wird uns auch die Digitalisierung nicht helfen landwirtschaftliche Betriebe und die Wirtschaftskreisläufe in der Ernährungswirtschaft ökonomisch, sozial und auch nicht ökologisch zu stabilisieren. Digitalisierung ersetzt keine Agrarwende.“

Das AgrarBündnis sieht insbesondere die Herausforderung, den Verlust von landwirtschaftlicher Vielfalt und eine fortschreitende Machtkonzentration in den der Landwirtschaft vor- und nachgelagerten Bereichen zu verhindern. Es sei zu erheblichen Unternehmenskonzentrationen bei den Anbietern von Software und digitaler Technik gekommen. Nicht ohne Grund gebe es inzwischen weltweite Bewegungen aus bäuerlichen Betrieben heraus, wie beispielsweise „right to repair“. Diese Initiative kämpft dafür, dass Landwirte Zugang zur Software ihrer Maschinen bekommen und diese auch selbst wieder reparieren dürfen.

Defizite bei den rechtlichen Rahmenbedingungen
Erhebliche Defizite sieht das AgrarBündnis bei den rechtlichen Rahmenbedingungen. Es sei Aufgabe der Regierungen, mehr Datenschutz zu gewährleisten. Denn neue Geschäftsmodelle würden insbesondere auf der Grundlage von Sammeln, Verarbeiten und Verkaufen von Daten entwickelt. Sachdaten sind nicht geschützt – beispielsweise der Zustand der Böden landwirtschaftlicher Betriebe oder der genetische Code von Pflanzen. Solche Daten konzentrieren sich inzwischen bei wenigen Anbietern und Verwertern. Bisher gäbe es zwar einige Fortschritte in Bezug auf Personendaten. Der Schutz von Unternehmensdaten sei jedoch unbefriedigend. Auch die Haftung sei noch nicht ausreichend geklärt. Es bestehe Rechtsunsicherheit, wer bei Fehlern digitaler Systeme hafte: Anwender oder Hersteller.

Unabhängige Beratung und freier Zugang zu Forschungsergebnissen
Vor dem Hintergrund stetig wachsender Digitalisierung spricht sich das AgrarBündnis für ein Beratungsangebot aus, das unabhängig ist von den Herstellern digitaler Technik. Bei Forschung und Entwicklung müsse bei Projekten mit öffentlicher Förderung der Grundsatz gelten: „Öffentliche Gelder für öffentliche Güter“. Bei einer Förderung der Forschung mit öffentlichen Mitteln müssten die Ergebnisse unter einer „Open Source“ Lizenz veröffentlicht werden, um eine spätere Patentierung auszuschließen. Und um zu große Marktmacht bei den Anbietern von Agrartechnik oder Managementsystemen zu verhindern, sollte das Kartellrecht wirksam ausgebaut und intensiv genutzt werden.

28.05.2020
Von: FebL/PM

Digitalisierung in der Landwirtschaft rechnet sich insbesondere für kleinere Betriebe infolge der Anschaffungskosten, der laufenden Kosten und evtl. erforderlicher schwererer Traktoren für die erforderliche Technik (Hard- und Software, Reperaturdienstleistung etc.) nicht. Foto: Garford