Wissenschaftliche Erkenntnise zum Insektensterben und ihre Interpretation

Das Thema „Insektensterben“ und das Ausmaß des dazu beitragenden menschlichen Einflusses sind seit Jahren Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen und öffentlicher Debatten. Das gilt auch für eine jüngst veröffentlichte sogenannte Meta-Studie. Und weil die Ergebnisse wissenschaftlicher Erkenntnisse häufig je nach Interessenlage sehr unterschiedlich „interpretiert“ werden, finden sich nachfolgend in der vollständigen Originalfassung die Pressemitteilung des an der Studie beteiligten Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig, die Meldung von top agrar-online, die von der Heftredaktion mit dem Hinweis „Provokant“ versehen ist, und die Stellungnahme des NABU zur Studie.

Die iDiv-Medienmitteilung:
Bislang umfassendste Studie bestätigt Rückgang landlebender Insekten, zeigt aber Erholungen bei Süßwasserinsekten

Weltweit sehr unterschiedliche lokale Trends
Leipzig. Eine Analyse weltweiter Langzeitstudien zeigt, dass die Zahl landlebender Insekten zurückgeht. Sie sank im Schnitt um 0,92 % pro Jahr, was einem Rückgang von 24 % über 30 Jahre entspricht. Gleichzeitig stieg die Zahl der an Süßwasser gebundenen Insekten wie Libellen und Köcherfliegen um 1,08 % pro Jahr. Dies könnte die Folge von Gewässerschutzmaßnahmen sein.
Diesen durchschnittlichen, globalen Trends stehen sehr unterschiedliche Entwicklungen vor Ort gegenüber. Dabei scheinen menschliche Einflüsse die Trends zu verstärken. Zu diesen Ergebnissen kommt die bislang umfassendste Meta-Analyse von Insektenbeständen an 1676 Orten weltweit. Die Studie wurde von Forschern des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv), der Universität Leipzig (UL) und der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) geleitet und ist in der jüngsten Ausgabe der Fachzeitschrift Science erschienen. Sie schließt wichtige Wissenslücken im Kontext des viel diskutierten „Insektensterbens“.

In den letzten Jahren wurden zahlreiche Studien veröffentlicht, die einen dramatischen Insekten-Rückgang zeigen. Besonders viel Aufmerksamkeit erhielt eine Studie aus Naturschutzgebieten im Raum Krefeld. Diese fand einen Rückgang der Biomasse fliegender Insekten von mehr als 75 % über 27 Jahre. Die 2017 veröffentlichte Studie befeuerte Diskussionen über das Phänomen des „Insektensterbens“. Seitdem wurden weitere Studien zur Entwicklung von Insektenbeständen an verschiedenen Orten weltweit veröffentlicht. Die meisten zeigten starke, andere leichte Rückgänge, und einige sogar leichte Zunahmen. Doch bislang wurden die weltweit verfügbaren Daten nicht zusammengefügt um festzustellen, wie verbreitet und wie stark der Rückgang der Insekten tatsächlich ist. Bis jetzt.

Bislang umfassendste Datensammlung
Ein internationales Forscherteam stellte Daten aus 166 Langzeitstudien an weltweit 1676 Orten zusammen, um Veränderungen der Insektenzahlen (Individuen, nicht Arten) zu untersuchen. Diese Daten wurden im Zeitraum zwischen 1925 und 2018 erhoben. Die komplexe Analyse offenbarte große Unterschiede in den lokalen Trends – selbst zwischen nahe gelegenen Orten. So gab es in Ländern mit vielen Langzeitstudien wie Deutschland, Großbritannien oder den USA sowohl Orte mit Rückgängen als auch Orte mit wenig Veränderungen oder sogar Zunahmen.
Im globalen Durchschnitt gingen landlebende Insekten wie Schmetterlinge, Heuschrecken oder Ameisen um 0,92 % pro Jahr zurück.

Insekten verschwinden leise
Erstautor Dr. Roel van Klink, der bei iDiv und der UL forscht, sagt: “0,92 Prozent klingt vielleicht nicht nach viel, aber es bedeutet 24 Prozent weniger Insekten über 30 Jahre und sogar eine Halbierung über 75 Jahre. Der Rückzug der Insekten findet leise statt – in nur einem Jahr bemerken wir das nicht. Es ist wie wenn man an den Ort zurückkehrt, wo man aufgewachsen ist. Nur wenn man jahrelang nicht dort war, bemerkt man, wie viel sich tatsächlich verändert hat – leider oft zum Schlechteren.”

Die Insekten-Rückgänge waren in Teilen der USA sowie in Europa, insbesondere in Deutschland, am stärksten. In Europa verstärkten sich die negativen Trends in den letzten Jahren – die größten Rückgänge wurden seit 2005 beobachtet.

Weniger Insekten in der Luft
Beim Thema “Insektensterben” wird oft angeführt, dass heute weniger tote Insekten an Auto-Windschutzscheiben kleben als noch vor zehn oder zwanzig Jahren. Letztautor Prof. Jonathan Chase, Wissenschaftler bei iDiv und der MLU, sagt dazu: “Viele Insekten fliegen – das sind dann die, die von Windschutzscheiben und Kühlergrills erschlagen werden. Wir konnten zeigen, dass fliegende Insekten im Schnitt tatsächlich weniger geworden sind. Aber die meisten Insekten sind nicht augenfällig und leben im Verborgenen – im Boden, in Baumwipfeln oder im Wasser.“

Für die neue Studie untersuchten die Forscher auch Daten zu vielen dieser verborgenen Lebensräume. Es stellte sich heraus, dass heute weniger Insekten in Bodennähe leben als früher – ähnlich wie in der Luft. Im Gegensatz dazu blieb die Zahl der Insekten, die in Bäumen leben, im Schnitt unverändert.

Erholung bei Süßwasserinsekten
Gleichzeitig stieg die Zahl der Insekten, die ihr Leben zeitweise im Wasser verbringen wie Libellen, Wasserläufer und Köcherfliegen, im Durchschnitt um 1,08 % pro Jahr. Das entspricht 38 % über einen Zeitraum von 30 Jahren. Jonathan Chase hält das für ein gutes Zeichen: „Die Zahlen zeigen, dass wir die negativen Trends umkehren können. In den letzten 50 Jahren wurde weltweit viel getan, um verschmutze Flüsse und Seen wieder zu säubern. Dadurch haben sich möglicherweise viele Populationen von Süßwasserinsekten erholt. Das stimmt zuversichtlich, dass wir die Trends auch bei Populationen umkehren können, die momentan zurückgehen.“

Roel van Klink fügt hinzu: “Insektenpopulationen sind wie Holzscheite, die unter Wasser gedrückt werden. Sie streben nach oben, während wir sie immer weiter nach unten drücken. Aber wir können den Druck reduzieren, so dass sie wieder auftauchen. Die Süßwasserinsekten haben gezeigt, dass das möglich ist. Es ist allerdings nicht immer leicht, die Ursachen für die Rückgänge und somit die effektivsten Gegenmaßnahmen auszumachen. Diese können auch von Ort zu Ort anders aussehen.”

Keine einfachen Lösungen
Ann Swengel, Co-Autorin der Studie, erforscht seit 34 Jahren die Schmetterlingspopulationen an Hunderten Orten in den USA. Sie betont, wie komplex die beobachteten Trends sind: „Wir verzeichnen starke Rückgänge, auch an vielen geschützten Orten. Aber wir haben auch beobachtet, dass es Schmetterlingen an einigen Standorten gut geht. Es braucht Jahre und viele Daten um sowohl die Erfolge als auch die Misserfolge zu verstehen, Art für Art und Ort für Ort. Vieles liegt außerhalb des Einflussbereiches eines Einzelnen, aber es zählt wirklich jede Entscheidung, die wir für jeden Standort treffen.“

Lebensraumzerstörung wahrscheinlicher Grund für Rückgänge
Obwohl die Forscher nicht mit Sicherheit die Ursachen für die verschiedenen Trends – positive wie negative – benennen können, fanden Sie in den Daten doch entsprechende Hinweise. Insbesondere scheint die Zerstörung natürlicher Lebensräume – vor allem durch Verstädterung – landlebende Insekten zurückzudrängen. Andere Berichte, wie das „Globale Assessment“ des Weltbiodiversitätsrates IPBES§, weisen ebenfalls darauf hin, dass die veränderte Landnutzung und die Zerstörung von Lebensräumen Hauptursachen sind für weltweite Veränderungen der biologischen Vielfalt.

Die neue Studie ist die aktuell umfassendste ihrer Art – ermöglicht durch iDiv’s Synthesezentrum sDiv. Sie gibt Einblicke in die weltweite Situation der Insekten und zeigt, wo ihr Schutz am dringendsten ist.

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Die top agrar online-Meldung:
Provokant
Neue Meta-Studie: „Insekten-Apokalypse findet nicht statt"

Eine neue Studie zeigt zwar einen Rückgang der Landinsekten, gleichzeitig aber eine Zunahme der Süßwasserinsekten. Klimawandel und Landwirtschaft beeinflussten dies nicht. Streit ist vorprogrammiert.

25.04.2020 von top agrar Heftredaktion

Eine neue Meta-Analyse zu Insektenpopulationen dürfte die Diskussion um das Insektensterben wieder anheizen. Der Analyst Bill Wirtz von der Firma "Consumer Choice Center" aus Brüssel hat nach eigener Aussage die bisher größte und umfassendste Auswertung von Insektenstudien und Zählungen durchgeführt, die es bislang gab.

Seine Ergebnisse würden einige „der Missverständnisse zum vermeintlichen Artensterben der letzten Jahre“ korrigieren, wie der Senior Policy Analyst am Freitag in einer Presseinformation mitteilte. Er hoffe, dass die Diskussion wieder in eine weniger sensationsgetriebene Gangart rücken wird.

"Diese Analyse von 166 Langzeitstudien, die zwischen 1925 und 2018 an 1.676 Standorten auf der ganzen Welt durchgeführt wurden, gibt den vorhandenen Studien zu diesem Thema endlich die nötige Nuancierung. Seit Jahren wurden weniger tiefgreifende Forschungsergebnisse herangezogen, die behaupten, dass wir es mit einem Insektenrückgang apokalyptischen Ausmaßes zu tun haben. Wir wissen jetzt, dass dies nicht zutreffend war", sagt Wirtz.

Seiner Aussage nach hat diese Studie einen Rückgang der Insektenpopulation festgestellt. Dies sei sicherlich ein Grund für weitere Untersuchungen, doch die Zahlen zeigten, dass der Effekt ungefähr sechsmal geringer sei als in früheren Studien. Ein Teil des Rückgangs der Landinsekten werde durch eine Zunahme von Süßwasserinsekten wie Mücken und Eintagsfliegen ausgeglichen, erklärte er weiter.

Während in früheren Studien der Verursacher im Klimawandel und in der modernen Landwirtschaft gesehen wurde, habe diese Meta-Analyse keinen klaren Zusammenhang zwischen Klimawandel und Insektenpopulationen gefunden, so Wirtz weiter. „Was Landwirtschaft betrifft, so zeigt diese Studie, dass der Anbau von Nutzpflanzen tatsächlich den Insektenpopulationen zugute gekommen ist. Die Forscher haben gezeigt, dass die Zerstörung des Lebensraums durch die Urbanisierung zum Rückgang der terrestrischen Insektenpopulationen geführt hat.“

"Eine Reihe von Medien haben frühere Studien genutzt, um auffällige Schlagzeilen zu schreiben. In dem Bemühen, den Nachrichtenkonsumenten ein vollständiges Bild zu vermitteln, hoffe ich, dass diese Medien jetzt über diese neuen Erkenntnisse berichten", so Wirtz abschließend.

Da das Thema Insekten auch unter unseren Lesern sehr kontrovers diskutiert wird, wie immer der Hinweis, dass top agrar lediglich über die neue Pressemitteilung berichtet, wir werten nicht und stellen uns weder hinter die Pro- noch die Kontraargumentationen. Event. Kritik richten Sie bitte direkt an Consumer Choice Center.

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Die NABU-Stellungnahme:
NABU: Insektenrückgang in Deutschland besonders stark

Krüger: Bundesregierung muss endlich Gesetze zum wirksamen Insektenschutz liefern

Berlin – Die am heutigen Freitag veröffentlichte Meta-Studie zum weltweiten Rückgang der Insekten kommentiert NABU-Präsident Jörg-Andreas Krüger:

„Die Studie ist ein weiterer Beleg dafür, dass wir uns im Insektenschutz keinen Stillstand erlauben können. In Europa, insbesondere in Deutschland, sind die festgestellten Rückgänge besonders stark. Wir brauchen deshalb endlich eine wirksame Gesetzgebung zum Schutz der Insekten, um die Auswirkungen von Landnutzung, Zerstörung von Lebensräumen und Flächenverbrauch zu begrenzen. Die Bundesregierung darf hier nicht länger auf Zeit spielen, sondern muss endlich liefern.“

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Anmerkung der Bauernstimme-Redaktion: Das Consumer Choice Center (CCC) ist eine Lobbyorganisation und wird als solche auch im Lobbyregister in Brüssel geführt. Dabei handelt es sich nicht, wie der Name vermuten lässt, um eine von Verbrauchern und Verbraucherinnen sondern laut CCC von „Unternehmen, Individuen und Stiftungen“ getragene Organisation. Unter dem Postulat, dem Verbraucher Wahlfreiheit bei seinen Einkaufsentscheidugen zu ermöglichen, betreibt CCC aktive Öffentlichkeits- und PR-Arbeit für offene Märkte und einen weltweit weitetsgehend regelbefreiten unverzerrten Wettbewerb. Die Organisation setzt sich konkret besipielsweise für entsprechende Freihandlesabkommen und den Einsatz alter und neuer Gentechnik ein, da laut CCC die Förderung derartiger Innovationen in der Landwirtschaft zu niedrigeren Lebensmittelpreisen zugunsten der Verbraucher führen würde. Das CCC „kämpft“ auch gegen Regulierungen resp. Einschränkungen beim Konsum von Alkohol, Zigaretten und Zucker und wird bei seinen Kampagnen dabei auch schon Mal von Unternehmen dieser Branchen wie beispielsweise einem der international führenden Tabakhersteller, Japan Tobacco International, unterstützt

27.04.2020
Von: FebL/PM

Die Grafik zeigt dringenden Handlungsbedarf in Deutschland: Grafik: iDiv