Es gab mal eine Zeit in Europa, in der bäuerliche Landwirtschaft als Teil einer Lösung im Hinblick auf die Herausforderungen des Klimawandels gesehen wurde und sie für den Einsatz ihrer Möglichkeiten in dieser Hinsicht honoriert werden sollte. Inzwischen klingt das fast wie ein Märchen aus vergessenen Welten. Europa hat einen Dürresommer mit Rekordtemperaturen hinter sich, aber Klimawandel scheint aus Sicht von Politik und Gesellschaft ein eher nachrangiges Problem geworden zu sein.
Die Landwirtschaft hat sich zunächst schwer getan, als Ende der Zehnerjahre die EU-Kommission den Green Deal ausgerufen hatte, das Ziel Klimaneutralität der EU bis 2030, welches auch mit erheblichen Einschnitten in der Landbewirtschaftung einhergehen sollte. Die Agrarsubventionen der Gemeinsamen Agrarpolitik – der größte Honigtopf, den die Union zu vergeben hat – sollten nicht länger nur pauschal für die Erzeugung von Lebensmitteln, die zum Teil in Übermengen und zu Lasten der natürlichen Ressourcen produziert wurden, ausgegeben werden. Kompensieren konnten die GAP-Zahlungen die niedrigen Preise in der Landwirtschaft eh längst nicht mehr, gesellschaftlich schienen reine Hektarprämien kaum mehr zukunfts- und vermittlungsfähig. Ein Umbau hin zu Zahlungen für Leistungen für Umwelt, Klima und Tierwohl setzte zaghaft ein, begleitet vom Widerstand der agrarindustriellen Interessensvertretung, die um billige Rohstoffe für ihre Massenproduktion fürchtete.
"Eine Fruchtfolge braucht eine Weile, bis sie umgestellt ist, ein Büro eine Weile, bis die neue Bürokratie durchgedrungen ist."
Auch die Bauern und Bäuerinnen taten sich schwer mit dem Dschungel aus Auflagen, die nun die Zahlungen qualifizierten, und der Idee, nicht mehr für die Erzeugung von Nahrungsmitteln, sondern für den Erhalt von Schmetterlingen und Blümchen bezahlt zu werden. Es brauchte Zeit, aber sie drehten den Tanker, passten sich an, entwickelten zum Teil auch ein neues Selbstverständnis. Und nun, wo die Idee bei der breiten Mehrheit der Betriebe angekommen ist, soll das alles nicht mehr gefragt sein? Ein landwirtschaftlicher Betrieb agiert in Generationen, nicht in Legislaturperioden. Eine Fruchtfolge braucht eine Weile, bis sie umgestellt ist, ein Büro eine Weile, bis die neue Bürokratie durchgedrungen ist. Nun stehen die Ökoregelungen, die weitreichendste Ausgestaltung der Idee, Bauern und Bäuerinnen Geld für Ökosystemleistungen, die sie erbringen, zu bezahlen, vor ihrem letzten Jahr. Nie wurden sie so intensiv nachgefragt wie jetzt, auf neun Millionen Hektar. Nächstes Jahr – um das zu prognostizieren, muss man kein Wirtschaftsweiser sein – werden die Zahlen nochmals steigen, die Branche hat sich angepasst.
Und dann ist es vorbei. Eine neue GAP-Periode ist angesagt und die EU-Kommission hat bereits klargemacht, dass der Wind sich gedreht hat. Das Geld ist knapper, die ewige Nörgelei aus den Mitgliedsstaaten ist sie leid. Die politischen Verhältnisse haben sich nach der letzten EU-Parlamentswahl nach rechts verschoben, die Krisen und Kriege der Welt haben die Lebensmittelpreise anziehen lassen, kriegsgewinnlernde Agrar- und Lebensmittelkonzerne schieben die Wirtschaftsfalken vor, die suggerieren, wir könnten uns Klima-, Umwelt- und Tierschutz nicht länger leisten. Und die Bauern und Bäuerinnen? Sie werden sich auf weniger Geld aus Brüssel einstellen müssen und ihre Extensivierungsaktivitäten zurückfahren, um wieder mehr Masse zu billigen Preisen auf Märkte zu werfen, auf denen sie am Ende der Wertschöpfungskette nur selten mitbestimmen können.
Biodiversität im Fokus
Lothar Goldmann ist Bauer in Südniedersachsen und er hat sich in den vergangenen Jahren mit seinem Gemischtbetrieb so auf das System spezialisiert, dass es bei dem einen oder anderen seiner Nachbarn auch Stirnrunzeln auslöst. „Natürlich ist das primäre Ziel in der Landwirtschaft eigentlich, Nahrungsmittel zu erzeugen, aber es gab keine wirtschaftliche Basis mehr dafür. Das hat uns diesen Weg einschlagen lassen.“ Goldmanns erster Schritt war die Umstellung seines Hofes auf ökologischen Landbau. Er wollte Biodiversität und Artenvielfalt fördern, musste aber feststellen, dass er auch in diesem Wirtschaftssystem immer wieder an Grenzen geriet. „Je größer die Biodiversität auf den Flächen, desto schwieriger ist es im Ökolandbau, marktfähige Ware zu erzeugen.“ Auch im Ökolandbau müsse man „saubere“ Äcker anstreben, um etwas zu ernten und vor allem sich nicht auf Jahre die Flächen mit schwer bekämpfbaren Unkräutern zu „ruinieren“. Also beschloss er, sich auf die Naturschutzmaßnahmen zu konzentrieren und den Ertrag hintenanzustellen. Die von der EU einführten Ökoregelungen seien „super passend“, weil sie im Gegensatz zu den über Länderprogramme finanzierten Agrarumweltmaßnahmen (AUKMs) jährlich anwählbar seien und nicht mit einer Verpflichtung auf fünf Jahre wie bei den AUKMs einhergingen. „Die Hürden sind nicht so hoch, man kann Erfahrungen sammeln, Dinge ausprobieren“, so Goldmann. Das nehme er auch bei seinen Nachbarn so wahr, die sich nicht so extrem darauf spezialisiert haben wie er, sondern das wahrnehmen, was zu ihren Betrieben passt.
"Die Ökoregelung zur Brache zum Beispiel ist total sinnvoll. Gerade an intensiven Ackerstandorten lockert das die Struktur total auf."
Lothar Goldmann, Bio-Gemischtbetrieb in Niedersachsen
Vielen Bauern und Bäuerinnen falle es schwer, den Blick auch mal weg von der Lebensmittelerzeugung zu lenken, daraus speise sich natürlich bäuerliche Identität. Gleichzeitig hat diese Haltung über Jahrzehnte eben auch eine zerstörerische Dimension entwickelt. „Die Ökoregelung zur Brache zum Beispiel ist total sinnvoll“, so Goldmann, gerade an intensiven Ackerstandorten lockere das die Struktur total auf. Auch die vielfältige Fruchtfolge sei von der Idee her eine gute Maßnahme, sie scheitere jedoch oft genug an den Marktbedingungen, die kaum Absatzmöglichkeiten für Kulturen jenseits von Weizen und Gerste böten. Leguminosen fristen nach wie vor in den meisten Fällen ein Dasein jenseits der Gewinnzone, wenn sie nicht gerade als Futter im eigenen Betrieb eingesetzt werden können. Goldmann bewirtschaftet auch extensives Grünland mit Mutterkühen und kann dort an den Ökoregelungen „Altgrasstreifen“ und „Kennarten“ teilnehmen, zudem an AUKMs zum Feldhamster-, Rotmilan- und Rebhuhnschutz. „Über die ganzen Förderungen kommt mit Abstand das meiste Geld in den Betrieb“, fasst er zusammen. Und gleichzeitig weiß er nun nicht, wie es weitergehen wird, wenn die EU-Kommission wieder abrückt von all diesen Instrumenten, die gesellschaftliche Leistungen in den letzten Jahren in den Fokus gerückt haben. „Wir brauchen einen Vorlauf für die Fruchtfolgegestaltung, außerdem ist alles teurer geworden in der Produktion, das macht es zusätzlich schwieriger.“ Er würde sich ein Beibehalten der bisherigen Strategie wünschen, allerdings verbunden mit einer Regionalisierung der Maßnahmen, die bislang sehr pausschal für die zum Teil sehr unterschiedlichen Bedingungen im Land gegolten haben. Dabei geht es ihm gar nicht so sehr darum, sein Konzept der Förderoptimierung aufrechtzuerhalten, sondern den extremen agrarstrukturellen Veränderungen der letzten Jahrzehnte etwas entgegenzusetzen. Früher seien im Dorf 20 Bauern, kleinteilige Betriebe, Strukturen, unterschiedliche Schläge, aber vor allem auch geringere Intensitäten gewesen. Heute gebe es noch acht Betriebe, große Schläge, Marktbedingungen, die verlangten, alles aus dem Boden rauszuholen, was ginge. Sein Weg sei da eben ein anderer gewesen.
Suppe wird dünn
„Es wäre ein Bruch mit dem eingeschlagenen Weg“, sagt auch Ottmar Ilchmann, Milchbauer und AbL-Landesvorsitzender in Niedersachsen. Zwar hat aus seiner Sicht die immer noch nicht realisierte Ökoregelung für Weidehaltung von Milchkühen für nicht ganz extensiv wirtschaftende Grünlandbetriebe von Anfang an eine Lücke bei den Ökoregelungen bedeutet, alle anderen Maßnahmen sieht auch er als Erfolgsgeschichte. Dass die Ökoregelung zu den Kennarten auf Grünland auch einen gewissen Mitnahmeeffekt produziert hat – geschenkt. „Gleichzeitig muss man doch auch sagen, dass es gut ist, dass es diese extensiven Standorte überhaupt noch gibt“, sagt Ilchmann. Zum Teil seien das auch Weiden, deren Stärkung doch so wichtig ist. Kritik übt er höchstens an Details: Zu dezidiert seien die prozentualen Anteilsregelungen bei der vielfältigen Fruchtfolge, das ließe sich nachjustieren. Dass die Umsetzungen und die Strenge in den Bundesländern bei einzelnen Regelungen differiere, lasse mindestens Unverständnis bei den Berufskolleg:innen aufkommen. Alles eigentlich Peanuts gegenüber den derzeitigen Signalen aus Brüssel und Berlin. Nicht genug, dass der GAP-Rollback läuft. EU-Kommissar Hansen hatte weniger Geld aus der EU mit einer Verbesserung der Marktstellung der Bauern und Bäuerinnen kompensieren wollen, die entsprechenden Artikel der GMO würden allerdings auch und gerade aus Deutschland geschliffen, so Ilchmann. Und wenn die auch von Hansen angestrebte Kappung und Degression nicht komme, werde „die Suppe für alle sehr dünn“. Ihn überrasche, dass bislang in Sachen GAP so wenig Widerstand von den Umweltverbänden komme. Dabei stimme das aus seiner Sicht häufig formulierte Narrativ nicht, dass sich die Gesellschaft nicht mehr für all diese Themen interessiere, im Gegenteil – schließlich seien es doch alles auch Gerechtigkeitsthemen, die doch gerade hoch im Debattenkurs stünden.