Welternährungskrise gemeinsam lösen

Welternährungskrise – ein monströses Wort. Und schrecklich sind auch die Auswirkungen auf jeden Menschen, den es trifft, denn das bedeutet noch mehr Menschen, die sich nicht ausreichend und gesund ernähren können. Und damit wird nach wie vor das Menschenrecht auf Nahrung täglich gebrochen. Denn es gibt genug Lebensmittel für alle, viele Hungernde können sie sich einfach nicht leisten.

Wir stolpern, oder eher taumeln wir seit Jahrzehnten von einer Ernährungskrise in die nächste – so blieb in der Öffentlichkeit eher unbeachtet, dass es über 116 Millionen mehr Hungernde durch die Auswirkungen der Corona-Pandemie gab. Der Krieg in der Ukraine bringt das Thema aber plötzlich ganz nah, an unseren Herd. Denn auch hier steigen die Preise für Lebensmittel und durch unverantwortliches Hamstern sind bestimmte Produkte sogar ausverkauft.

Was braucht es jetzt?

Ein Zusammendenken und gemeinsames Behandeln der Herausforderungen, denen sich die Land- und Ernährungswirtschaft stellt. Denn eines ist sicher – die Überschreitung der planetaren Grenzen beim Verlust der Biodiversität, bei der Erderhitzung und beim Stickstoffkreislauf sind nicht in den Pausenhof gegangen, um zurückzukehren, wenn der Krieg vorbei ist. Die über Jahrzehnte starke Fixierung auf den Ertrag pro Hektar, Tageszunahme pro Tag und Milchleistung war wirtschaftlich notwendig und politisch gewollt, führt uns aber auch die Probleme in der Landwirtschaft vor Augen. Die damit verbundene Logik des Wachsens und Weichens hat die wirtschaftliche Situation der Bauern und Bäuerinnen nicht verbessert, im Gegenteil, sie hat das Höfesterben vorangetrieben. Die großen Umweltprobleme und eine zunehmende gesellschaftliche Kritik besonders an der landwirtschaftlichen Tierhaltung tun ein Übriges und verschärfen die Debatte. Krisenfest ist anders, wenn dazu noch die Abhängigkeit von billigem Öl und Gas für die Herstellung von mineralischem N-Dünger, Pestiziden und vom Export deutlich wird.

Ist mehr Erzeugung zielführend?

Eine aktuelle Kernforderung diverser Landwirtschaftpolitiker*innen und Funktionäre ist es, jetzt erst recht Vollgas bei der Produktion zu geben und ökologische Belange hintenanzustellen. Ganz abgesehen davon, dass wir in Deutschland sowieso auf sehr hohem Ertragsniveau arbeiten, hat eine Produktionsausweitung (nach dem Motto: „Wir ernähren die Welt“) bislang nicht dazu geführt, Hunger zu verhindern. Denn wenn mit diesen Mengen nur noch mehr Schweine, Geflügel und die Tanks der Autos gefüttert werden, ist der Welternährung damit noch nicht wirklich geholfen. Hunger ist ein Armuts-, kein Mengenproblem.

Maßnahmen in Deutschland und der EU

In Deutschland gehen über 60 Prozent der Getreideernte in die Fütterung, und die Tierhaltung hat einen wichtigen Anteil an den Treibhausgasemissionen der Landwirtschaft. Tiere, gerade Wiederkäuer, sind ein unverzichtbarer Teil der Landwirtschaft – aber es kommt auf die Menge an. Und die ist zu hoch – daher braucht es europaweit eine Reduktion des Verbrauchs von Fleisch, Eiern und Milch und eine Abstockung der Tierbestände.

Außerdem muss die Beimischung von Agrarkraftstoffen, die aus Getreiden und Ölpflanzen erzeugt werden, so schnell wie möglich beendet werden. Damit das gelingen kann, braucht es politische Rahmenbedingungen. Und es braucht auch die politische Unterstützung für eine Landwirtschaft, die sich aus Abhängigkeiten befreit und die Tierhaltung umbaut.

… und auf globaler Ebene

Im Bewusstsein, dass wir nur gemeinsam tragbare Lösungen finden, ist es entscheidend, auch die mit ins Boot zu holen, die von Hunger unmittelbar betroffen sind: die Menschen in Asien, Afrika und Lateinamerika. Hierzu braucht es die Einbeziehung des Welternährungsrates, um globale Antworten zu finden. Eine dieser Antworten sind agrarökologische Ansätze. Diese haben sich weltweit bewährt, um krisenfestere Strukturen der Land- und Ernährungswirtschaft zu schaffen. Agrarpolitik muss dazu beitragen, dass Bäuerinnen und Bauern hier und weltweit ausreichend gesunde Lebensmittel erzeugen können – für den Mensch und die Erde.

11.05.2022
Von: Markus Wolter, Misereor