Marktbeherrschung genehmigen oder verhindern?

Kartellamt bei Tönnies, Vion, Arla, DMK: Wettbewerbshüter, Papiertiger, Hoffnungsträger ...?

Eine neue Runde der Konzentration der Strukturen ist in der Lebensmittelwirtschaft eingeläutet. Größer, höher, weiter – mit dem alten Rezept wollen die Fleisch- und Milchkonzerne den Krisen und der Transformation in Landwirtschaft und Nahrungsmittelproduktion begegnen. Zukäufe, Fusionen, Übernahmen und „Bereinigungen“ stehen auf dem Programm. Die beteiligten Landwirte werden mehr oder weniger vor vollendete Tatsachen gestellt – oder machen gute Miene zu bösem Spiel. Plötzlich ist das Kartellamt die letzte Bremse im Prozess hin zu immer größerer Marktmacht und zu Monopolstrukturen. Bisher war die Behörde eher ein Papiertiger als ein Wettbewerbshüter und kam oft zu spät, erst dann, wenn kaum Alternativen übrig waren. Der Aufschrei ist dann groß, wie jetzt bei der geplanten Übernahme von Vion durch Tönnies im Fleischmarkt oder demnächst möglicherweise bei der Übernahme des DMK durch Arla im Milchmarkt.

Tönnies-Vion-Übernahme verhindert

Nach dem Rückzug des holländischen Fleischkonzerns Vion (Nummer eins in Deuschland bei Rindfleisch, Nummer zwei bei Schweinefleisch) vor allem aus Süddeutschland lag nach Drängen der bayerischen Landesregierung und des Bauernverbandes das Übernahmeangebot von Tönnies, dem größten deutschen Schweinevermarkter, auf dem Tisch. Mit der Einverleibung würde Tönnies auch die Nummer eins auf dem Rindfleischmarkt. Dieser Konzentration hat nun das Kartellamt vorerst einen Riegel vorgeschoben. Der Präsident des Kartellamtes, Andreas Mundt, begründet dies mit der Marktmacht von Tönnies „zum Nachteil der Landwirtinnen und Landwirte und der verbleibenden kleineren Wettbewerber in den betroffenen Regionen“. Tierhalter hätten kaum noch „Ausweichmöglichkeiten“ für ihre Lieferungen. Der Wettbewerb sei stark eingeschränkt.

Dieser Schritt sei nicht nachvollziehbar, tönen unisono Tönnies und Bayerns Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber (CSU). Tatsächlich stehen die Rinderbetriebe vor der Frage, wer zukünftig ihre Tiere abnimmt. Neue Bieter sind kaum zu finden. Die Süd-Mittelständler wären überfordert. Sie kämpfen selbst mit ökonomischen Problemen. Und kapitalstarke Ausländer sind nicht am Start und auch nicht gewollt. Außerdem sind sie nur am Rohstoff interessiert. Aber kann die Behörde den Prozess der übergroßen Marktmacht aufhalten?

DMK-Übernahme durch Arla

Schon liegt der nächste Fall von Gigantomanie auf dem Tisch. Der dänische Molkereikonzern Arla (Nummer sieben weltweit, 14 Mrd. Euro Jahresumsatz) will mit der größten deutschen Milchgenossenschaft DMK fusionieren, d. h. sie übernehmen. Die landwirtschaftlichen Vertreterversammlungen haben ihre Zustimmung gegeben. Die Hoffnung auf bessere Erzeugerpreise durch die neuen Milchherren beließ die Faust in der Tasche. Schließlich wurde die Vielzahl der Fusionen in den letzten Jahren immer mit besseren Preisen begründet, das Versprechen aber nie eingelöst. Auch hier fehlen Alternativen, denn die Molkereien in der Region wie die Molkerei Ammerland können die Milchmengen der ca. 4.500 DMK-Landwirte nicht aufnehmen und verarbeiten.

Greift das Kartellamt ein?

In der Logik des „Vion-Beschlusses“ muss das Kartellamt wieder die Einschränkung des Wettbewerbs in den Vordergrund stellen und die „Fusion“ hinterfragen. Ob die Behörde sich ein zweites Mal traut, die Marktmacht in einer wichtigen Branche der Lebensmittelindustrie zu stutzen, bleibt abzuwarten. Mindestens verschärfte Auflagen für Standorte, Produktionslinien und Marken sind zu erwarten. Bei der Übernahme der deutschen Abteilung von Friesland/Campina durch Müller-Milch vor zwei Jahren hatte das Amt eher die Samthandschuhe angezogen und nur kleine Korrekturen verlangt. Immerhin haben die Milcherzeuger bisher kaum Nachteile, aber die Molkereilandschaft ist im Süden auch noch recht vielfältig. Im Norden und im Westen sind Milchverarbeiter dünner gesät. Zudem ist die regelmäßige regionale Abholung Bedingung für die Produktion. Sicherlich werden die 20 Standorte der DMK nicht bleiben, auch wenn das der Bauernverband anmahnt. Wichtige Entscheidungen für die hiesige Erzeugung werden demnächst im Ausland getroffen, unbeeinflusst von den DMK-Mitgliedern. Ein regionaler Zusammenschluss in Erzeugergemeinschaften und deren überregionale Vernetzung ist dringend geboten. Das Kartellamt befindet sich in einem Dilemma. Als Gralshüter des Wettbewerbs muss es die Marktmacht begrenzen. Aber weder bei der Wirtschaft bei noch den Landwirten wird es sich Freunde machen. Strukturpolitisch bleibt dennoch keine andere Wahl, bevor die Strukturen nicht mehr umkehrbar sind.

Auch noch die Wurstbranche

Kaum sind die Meldungen vom Scheitern der Vion-Übernahme verhallt, droht schon die nächste Elefantenhochzeit in der Fleisch- und Wurstbranche. Der Marktführer Tönnies, neuer Name PremiumFoodGroup (PFG), zu der mit der Zurmühlen-Gruppe die Nummer eins in der Wurstbranche (Umsatz ca. 1,2 Mrd. Euro) zählt, will beim kriselnden Fleischwarenkonkurrenten The Family Butcher (TFB) einsteigen. Tönnies will sich als strategischer Partner beteiligen und den angeschlagenen Wursthersteller zukunftssicher machen. TFB ist der zweitgrößte Wurstproduzent mit ca. 700 Mio. Euro Umsatz und war 2019 aus einer Fusion der Marken Kemper und Reinert hervorgegangen – um sich „zukunftsfest“ aufzustellen, wie es damals hieß. Stattdessen haben Überkapazitäten, Kostensteigerungen und Standortschließungen bei rückläufigem Absatz den Druck erhöht. TFB ist wirtschaftlich angeschlagen und will nun mit dem Investor Tönnies wieder auf die Beine kommen. Dafür verlässt Reinert die Gesellschaft und reduziert sich auf das kleine vegane Geschäft („Billie Green“, Umsatz 18 Mio. Euro).

Alles steht unter dem Vorbehalt der Zustimmung des Kartellamtes. Dass die Behörde den Deal genehmigt, halten Marktkenner für unwahrscheinlich. Die seit Jahren ungelösten Strukturprobleme in der Branche brechen nun mit Macht auf und sollen mal wieder mit Marktbeherrschung und Größenwahn gelöst werden. Das Kartellamt wird zum Hoffnungsträger in dieser Wildwestzeit – kann das gutgehen oder ist es schon zu spät?

Menschen hinterm Fleisch Foto: Tönnies