Bauernstimme vor vierzig Jahren

Wie alles begann. Ein Interview mit dem ersten Redakteur Götz Schmidt

Unabhängige Bauernstimme: Die Ursprünge der Bauernstimme sind eng verbunden mit den Aktionen des Arbeitskreises junger Landwirte (AkjL) in Baden-Württemberg. Wie hatte der AkjL auf sich aufmerksam gemacht?

Götz Schmidt: Der Arbeitskreis junger Landwirte war ein Zusammenschluss von 20 Bauern und zwei „Roten“, so jedenfalls sagte man. Die 20 Bauern hatten Betriebe von mittlerer Größe, die „Roten“ waren der Landhändler Traugott Kappler in Herrenberg und Onno Poppinga, damals Agrarstudent in Hohenheim. Entscheidend für den Bekanntheitsgrad waren zwei Aktionen. Die erste war die Braugerstenaktion. Die Braugerste war 1974 knapp. Die Bauern sprachen sich ab und lieferten nur, wenn sie 2,- DM mehr pro Doppelzentner bekamen. Der nächste Erfolg für den AKjL war eine Apfelaktion. 1975 war ein Jahr mit einer besonders guten Apfelernte und einem dementsprechend schlechten Preis. Der AKjL organisierte eine Vermarktung vorbei an den Genossenschaften direkt in die Betriebe und zu den Verbrauchern. Die Bauern bekamen einen besseren Preis, die Verbraucher zahlten weniger für die Äpfel.

Worum ging es den Bauern im AkjL?

Zentral waren zwei Erkenntnisse. Zum einen: Nach der Lesart des Bauernverbands waren die Verbraucher die Feinde der Bauern und verantwortlich für die niedrigen Preise. Die Apfelaktion zeigte: „Die Solidarität Verbraucher – Bauer scheint möglich zu sein“. Zum anderen: Wenn aber die Genossenschaften nicht im Sinne der Bauern handeln, dann braucht es Zusammenschlüsse der Bauern, um einen guten Preis zu erzielen. Denn „Genossenschaften und Handel sitzen in einem Boot“.

Aus heutiger Sicht ist dieser Ansatz gut verständlich. Was war dessen Besonderheit damals?

Die Bauern waren gewohnt, den Erklärungen des Bauernverbands zu glauben. Den Bauern des AkjL waren daran Zweifel gekommen. Und sie merkten, dass sie mit ihren eigenen Erfahrungen als Bauern die angeblich so komplizierten wirtschaftlichen und politischen Zusammenhänge erklären konnten. Das Meinungsmonopol des Bauernverbands war angezählt.

Deshalb braucht man aber noch keine eigene Zeitung.

Schon bald wurde klar, dass Flugblätter nicht genügen, um Zusammenhänge zu erklären. Die vielen Bauern, die auf den Versammlungen des AKjL zusammenkamen, wollten es genauer wissen. Dazu kam noch etwas anderes. Es gab die Anti-Atom-Bewegung, aber auch die Bewegungen gegen neue Truppenübungsplätze, Flugplätze, Flurbereinigung, Müllkippen usw. Die Zukunft des ländlichen Raums war unsicher geworden. „Funktionalisierung des ländlichen Raums für die Bedürfnisse der Städte“, so nannte die Landjugend das damals. Im Widerstand gegen diesen Missbrauch des ländlichen Raums kam den Bauern eine zentrale Rolle zu. Sie hielten den Widerstand über lange Zeiträume aufrecht. Im Kaiserstuhl dauerte der Kampf gegen das geplante AKW zehn Jahre. Demonstrationen und Happenings reichten nicht aus. Viele der beteiligten Linken mussten dazu lernen. Die gewaltfreien Widerstandsformen der Bauern brachten den Erfolg. Die Bauern nahmen in der Gesellschaft plötzlich eine ganz neue Rolle ein.

Und das war die Geburtsstunde der Bauernstimme bzw. des Bauernblatts?

Ja, Ich habe in den alten Ausgaben nachgeblättert. In der ersten Ausgabe wurden die Zusammenhänge am Milchmarkt erklärt. Woher kommt der Milchpulverberg? Wie kommt man weg von den Überschüssen? Und in der Nr. 3 berichtet die Landjugend Niedersachsens über ihre Veranstaltung über den Atommüll.

Wie ging das vor sich, Zeitung von Bauern für Bauern?

Am Anfang waren es nur wenige, die Artikel schrieben. Die wurden dann in der Druckerei im Bleisatz gesetzt. Danach bekamen wir die „Druckfahnen“, lange Papierbahnen bedruckt mit Text in Breite einer Zeitungsspalte. Fünf bis acht Leute kamen dann in der Wohnstube des Aussiedlerhofs Gsell in Eckenweiler zusammen. Die Fahnen wurden auseinander geschnitten und in eine leere Zeitung „gebäppt“ (geklebt). So hieß das. Dabei wurde natürlich viel diskutiert. Was ist wichtig? Wie lang soll es sein? Gibt es ein Bild? Es gab nur selten eins. Die Setzer und Drucker im „Gäuboten“ Herrenbergs machten dann daraus eine Zeitung. Zugegeben, wir haben damals eine ziemliche Bleiwüste produziert. Heute würde das wohl niemand mehr lesen.

Wer waren die Leser der Zeitung?

Die Zeitung erschien im ersten Jahr circa alle drei Monate. Die Leser waren vor allem Bauern, die bei der Braugerstenaktion und den Veranstaltungen des AkjL dabei waren. Aber auch Städter, die über die Apfelaktion gewonnen wurden. Über die Landjugendverbände ging es dann weiter hinaus.

Die ersten Ausgaben waren demnach ein echter Selbstläufer?

Die Fragen nach der Bedeutung der Bauern in der Gesellschaft waren nicht nur für die Bauern von Interesse. Zeitungen, Rundfunk und TV waren ganz begeistert. Endlich hörten sie nicht mehr nur das alte Lied des Bauernverbandes, sondern die Bauern selbst. Trotz der Nachfrage kam die Zeitung nach dem zweiten Jahr nur noch unregelmäßig heraus. Eine Zeitung so nebenbei, das war auf die Dauer nicht zu stemmen. Ich war damals Bildungsreferent bei der westfälischen Landjugend. Die agrarpolitischen Arbeitskreise der Landjugend hatten Kontakt zum AKjL aufgenommen. Sie machten es möglich, dass ich die Redaktionsarbeit übernahm. So dehnte sich die Reichweite der Zeitung aus. Mit Herrenberg im Gäu in Baden-Württemberg und Westfalen hatte sie eine gute Basis für die weitere Verbreitung.

Wie ist es für dich heute, auf vierzig Jahre Bauernstimme zu blicken?

Als ich das hörte, da staunte ich schon. Vierzig Jahre, das ist ja stattlich. Wenn ich an andere nichtkommerzielle Zeitungen denke: Da hat es viele gegeben, die gegründet wurden und wieder verschwunden sind. Dass sich die Bauernstimme vierzig Jahre gehalten hat, bezeugt, dass es einen Bedarf dafür gibt, und dass es Leute gibt, die das weiter tragen.

 

Vielen Dank für das Gespräch!

03.01.2016
Von: mn