Wo ist das Leitbild?

Er ist der Bauer im Dorf, den man fragt, wenn man Größeres zu bewegen hat. Jürgen Meenken ist der Bauer in Langenstein am sachsen-anhaltinischen Harzrand, den man zum Ortsbürgermeister wählt und der sich in den dörflichen Vereinen für den Erhalt des Sommerbades oder für die Sanierung eines alten Gehöftes im Ortszentrum als Festscheune und Dorftreff engagiert. Und dabei ist Meenken noch nicht mal von hier. Ihm schmeichelt, dass er Anerkennung im Dorf genießt trotz oder wegen seines norddeutschen Zungenschlags, der ihn als jemanden von irgendwo Richtung Nordseeküste ausweist. Bei Oldenburg im Moor war Jürgen Meenken 1991 mit 28 Jahren schon in den elterlichen Betrieb mit 60 Kühen eingestiegen. Verheiratet mit seiner Frau Frauke war er schon Vater einer kleinen Tochter, die zweite war unterwegs. Da meldete sich bei ihm ein ehemaliger Mitschüler von der Fachschule in Hildesheim – eigentlich eher den Ackerbauern in Niedersachsen vorbehalten. Es gebe da diesen Betrieb, eine LPG am Harzrand in Sachsen-Anhalt, Acker und vor allem eine Milchviehanlage. Letztere ist nichts für den Ackerbauern, deshalb will er Meenken mit im Boot. Es muss schnell gehen, Kühe, die Ende März 91 gemolken werden, erhalten Referenzmengen. Die Meenkens fahren von Oldenburg nach Langenstein und sagen spontan erst einmal nein. Braunkohlemief und grauer DDR-Beton entwickeln nicht viel Charme. Aber dann wieder in Oldenburg erscheint die Perspektive, doppelt so viele Kühe zu melken – im Langensteiner Stall stehen 114 Kühe angebunden – lukrativ und abenteuerlich. Es reizt den Jungbauern, er überzeugt seine Frau. Es ist viel zu tun, aber auch viel Gestaltungsspielraum vorhanden. Sieht man die Fotos von damals, kann man die Aufregung fast greifen: Maschinen verladen, Kühe verladen, um sie von Oldenburg nach Langenstein zu bringen und andersherum das Jungvieh nach Oldenburg. Die Altenteiler und auch die Oma fassen mit an, die Gesichter auf den meisten Bildern strahlen. Hier wird was geschafft, wächst auch was zusammen, letzte LPG-Mitarbeiter können bleiben. Besitzverhältnisse lassen sich regeln, die GbR mit den Ackerbauern nebenan, Lieferrechte, die übernommen werden können. „Es lief gut“, sagt Meenken, auch wenn sie als Familie mit inzwischen zwei kleinen Kindern bescheiden in den umgebauten ehemaligen Mitarbeitersozialräumen wohnen, immer noch grauer DDR-Beton. Schnell haben sie 1,8 Mio. Quote zusammen. „Da dachte man damals: Das reicht fürs Leben“, resümiert Meenken und zwischen all dem Schwung und Elan, den der heute 53-jährige noch immer ausstrahlt, blitzt nicht nur ein bisschen Wehmut, sondern auch die Ratlosigkeit auf, die immer wieder auftaucht, je mehr die Geschichte seines Hofes sich dem Hier und Heute nähert.
Größer werden
Das Land war von Anfang an knapp, gute Böden, die am liebsten von den Ackerbauern nicht hergegeben werden. 180 ha konnte Meenken mit seinen Nachbarn verhandeln, später noch 80 ha Grünland weiter weg im Harz als Vertragsnaturschutzflächen pachten. Damit war an Weidegang nicht zu denken, es musste intensiv Futter angebaut werden. Der alte Stall wurde schnell zu einem Fressliegeboxenstall umgebaut, mit einer endlosen Rohrleitungsanlage. Während die Melker ordentlich in Bewegung waren, waren es die Kühe zu wenig. Nach zehn Jahren, 2001, zogen sie um in einen neuen Boxenlaufstall mit Doppelzehner-Side-by-Side-Melkstand. Luftig und großzügig dimensioniert, „wenigstens ein bisschen der Weide nachgebildet“, bedauert Meenken das Weidedefizit. Die Futterversorgung der inzwischen knapp 300 Kühe wurde besser, pro Kuh 700 kg mehr gemolken, im Schnitt 11.000 kg, 700.000 kg Überlieferung drohten. Überlieferungen wendete Meenken immer dadurch ab, dass er durch Geschick und glückliche Umstände Quote dazubekam, sei es durch den aufgebenden Betrieb in der Umgebung oder durch Kaufmöglichkeiten.
Kosten wachsen
Das Wachstum an einer Stelle forderte immer auch das Wachstum woanders heraus, Güllelager und Siloplatz mussten angepasst werden – „Investitionen von einer knappen halben Million, die sich nicht amortisieren“ – eine Lösung musste für das immer noch zum Teil in Oldenburg aufgezogene Jungvieh gefunden werden. Förderung nach dem Agrarinvestitionsförderprogramm (AFP) gibt es für so etwas nur, wenn das mit einer Verbesserung der Milchviehhaltung einhergeht. Die drei Töchter waren inzwischen so alt, dass sich konkrete Berufspläne entwickelten und die wiesen in Richtung Landwirtschaft. Also beschloss der Familienrat vor vier Jahren noch einmal einen ganz großen Sprung, hin zu 500 Kühen, von denen 360 mit sechs Melkrobotern gemolken werden, die erstlaktierenden und schwierigen anderen im auch schon zu modernisierenden, zehn Jahre alten Melkstand. Das war nicht nur ein Wachstumsschritt, sondern auch eine soziale und arbeitswirtschaftliche Umstrukturierung. Von den ursprünglich acht Mitarbeitern sind noch fünf übrig geblieben, dazu ist die älteste Tochter Meenkens, Franziska, mit einer Festanstellung eingestiegen. Sie ist für Tierwohl und -betreuung zuständig. „Früher hat beim Melken jeder mal geguckt“, so Meenken, heute müsse man die Anlässe schaffen, um die Tiere im Blick zu behalten. Gleichzeitig ist die Tierbetreuung nun im Wesentlichen in einer Hand, Tierarztkosten konnten reduziert werden. Inzwischen ist der Herdenschnitt wieder bei 10.500 kg, die Bestandsergänzung liegt bei 25 bis 27 %, es gibt eine Galerie mit Auszeichnungen für 100.000-Liter-Kühe. Die Kälber leben in Iglus und später in Gemeinschaftsbuchten, dem „Kälber-Dorf“, bevor sie bislang im Alter von rund 130 Tagen zur Jungviehaufzucht in einen Grünlandbetrieb 150 km weit weg in die Altmark gebracht wurden. Diese immer noch aufwendige Alternative löste Oldenburg ab und ermöglichte eine Grünlandaufzucht und vor allem den Behalt der kompletten Nachzucht. Für den Betriebsleiter in der Altmark bot die Jungviehaufzucht im Lohn eine geringere Arbeitsbelastung nach Aufgabe der Milchviehhaltung. Es war ein eingespieltes und gut funktionierendes System – war, bis jetzt.
Und jetzt?
Bis jetzt war die Geschichte leicht zu erzählen, wenngleich schon das Entlassen der langjährigen Mitarbeiter ein Einschnitt war. Nun wird es ernst. „34 Cent brauchen wir, um den Kapitaldienst zu leisten und die laufenden Kosten zu decken“, sagt Meenken und der Schwung ist weg, „25 Cent kriegen wir im Moment. Wir verlieren jeden Monat 20.000 Euro an Liquidität.“ Trotz Biogas und Photovoltaik. Der Versuch, eine Reißleine zu ziehen, war, die Jungviehaufzucht aufzukündigen, die Tiere, die eigene zukünftige Herde, ausgewählte Genetik, zu verkaufen. Das soll bis März finanzielle Luft verschaffen. Und dann? „Uns ist immer suggeriert worden, der Staat, die Beratung steht hinter der Entwicklung, die wir gemacht haben.“ Busladungen haben sich den Betrieb angeguckt, der Bauernverband hat jubiliert. Im Moment nützt Meenken das alles nichts, er kann sich kaum bewegen, Soja füttert er eh schon nicht mehr. Wenn es jetzt um Mengenreduzierungskonzepte geht, ist er auch angewiesen auf die Solidarität anderer Bauern. Meenken war mal aktiver im BDM, vor dem letzten großen Wachstumsschritt. Jetzt sagt auch er „die Menge muss runter“ und meint die Verantwortung der Bäuerinnen und Bauern. „Ein paar Kühe eher trockenzustellen, ein paar Altkühe eher zum Schlachter zu bringen, das kann jeder!“ Gleichzeitig hält er nach wie vor die Bündelung der Milch unter den Bauern für den richtigen Weg, um den Molkereien anders gegenüber treten zu können. „Solange wir nicht bündeln, gibt es kein Ende des Gegeneinander-Ausspielens.“ Er glaubt nicht an die Exportmärkte des Bauernverbands in Fernost und will eine Deckelung der Agrarzahlungen bei großen Betrieben. Natürlich denkt er über betriebliche Alternativen nach, zwei Jahre Bioumstellung sind finanziell kaum durchzuhalten, eine regionale Milchvermarktung ist nur langsam aufbaubar. Die allseits propagierte Spezialisierung erweist sich als Sackgasse. Wenngleich die Entwicklung politisch gewollt ist, nicht zufällig, aber mitnichten dazu dient, bäuerliche Existenzen zu erhalten. „Wo ist das Leitbild?“, fragt Meenken auch ein bisschen rhetorisch. Sein Handlungsspielraum ist gerade äußerst begrenzt, für jemanden, der so gerne die Dinge selbst in die Hand nimmt, ist das vielleicht die schwierigste Erfahrung.

31.08.2015
Von: cs