Runter vom Überschuss!

Kommentar

Auf vielen Höfen ist die existenzbedrohende Situation durch die extrem niedrigen Milcherzeugerpreise tagtägliche Realität, nun mündet sie bundesweit in Aktivität in Form sichtbaren Protests. Jetzt sind die Milchbauern wieder auf der Straße. Der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) organisiert Treckerfahrten aus ganz Deutschland. Auch Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft fah­ren mit oder unterstützen die Fahrerinnen und Fahrer auf der Reise zur Demo in München.
Runter vom Milchüberschuss ist eine zentrale Forderung und jeder kann und sollte seinen Teil dazu beitragen! Jetzt ist die Solidarität unter den Bäuerinnen und Bauern gefragt. Der BDM hat ein Kriseninstrument für diese Situation ausformuliert. Dazu hat die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft die Forderung in die Debatte gebracht, die Superabgabe als Bonuszahlung für diejenigen einzusetzen, die sich verpflichten weniger Milch abzuliefern.
Dass die Menge runter muss, sagen im Moment viele, auch Molkereivertreter oder Politiker. Aber sie meinen damit etwas ganz anderes als über eine Reduktion der Produktionsmenge Angebot und Nachfrage ins Gleichgewicht zu bringen und so einen fairen Preis zu erzielen. Sie hängen nach wie vor der Ideologie an, die Menge hoch zu halten und die Überschüsse durch ein „Ankurbeln“ der Exportmärkte abfließen zu lassen. Dabei wird schon jetzt munter exportiert, nur eben zu ruinösen Preisen. Auch der Bauernverband predigt den Markt, Präsident Schwarz aus Schleswig-Holstein fordert die Bauern und Bäuerinnen sogar auf, jetzt noch mehr Menge zu melken. Es ist die alte Idee, dass jeder einfach nur mehr und besser sein muss als sein Nachbar und dann wird es schon laufen. Dann wird man schon der sein, der am Ende übrig bleibt. Dass dabei auch Viele gehen müssen, wird bewusst ausgeblendet. Auch vergessen wird, dass, wenn Bauern zu billigen Rohstofflieferanten gemacht werden, dies auf Kosten von Tiergesundheit und Umwelt geht. Die Botschaft dieser Milchkrise ist, dass Gewinnmaximierung und Spezialisierung um jeden Preis in die Sackgasse führt. Überwunden werden kann sie nur gemeinsam, indem die Politik und die Molkereien unter Druck gesetzt werden, sich ihrer Verantwortung zu stellen. Aber auch die Bäuerinnen und Bauern sind in der Pflicht. Sie müssen ihre Marktposition durch solidarisches Handeln untereinander und gegenüber den Molkereien stärken. Auf den Höfen liegt die Verantwortung in einer Produktion, die Mensch, Tier und Umwelt schützt. Diese wahrzunehmen, bedeutet nicht auf Massen- und Billigproduktion zu setzen sondern Qualitätsmärkte zu schaffen. Und was für die Milch gilt, gilt auch für Rinder, Schweine, Geflügel, aber auch Kartoffeln und Weizen. Dabei haben wir die Gesellschaft auf unserer Seite, sie will Kühe auf der Weide, Schweine im Stroh, kein totgespritztes Getreide - Bauernhöfe statt Agrarfabriken!

31.08.2015
Von: Marcus Nürnberger, Redakteur der Unabhängigen Bauernstimme