Trotz Milchpreisen auf Allzeithoch kein Grund für Jubelstürme

Milchpreise ziehen weiter an – Norden überraschend vor dem Süden – Export als Konjunkturgewinner

Milchbäuerinnen und -bauern reiben sich beim Blick auf die Milchgeldabrechnung die Augen. So viel Milchgeld gab es noch nie. 43,1 ct/kg wurde durchschnittlich im Februar ausgezahlt, im März erhöhte es sich auf über 44 Cent gegenüber 34 ct/kg im Vorjahresmonat. Der Preis steigt weiter und in den Agrarblättern wird schon über 50 ct/kg und mehr diskutiert. Bis vor wenigen Jahren war unsere Forderung zur Kostendeckung 40 Cent, erklärt der BDM die Lage, heute wäre das viel zu wenig. 50 Cent von heute ist das 40 von gestern, bringt er es auf den Punkt.

Laut Milch Marker Index der Erzeugergemeinschaft MEG Milch Board, mit dem die Milcherzeugungskosten berechnet werden, liegt die Kostendeckung bei 46 bis 47 Ct/kg. In der Region Nord wurde die Kostendeckung erreicht. Auch in den Regionen Ost und Süd sorgten die Zuwächse für eine deutliche Verbesserung des Preis-Kosten-Verhältnisses, erklärt die MEG Milch Board, aber es fehlen noch 5 bis 10%. Im Süden seien die Auszahlungspreise weniger stark gestiegen, aber die Milcherzeugungskosten seien nicht so hoch, da die Betriebe ihre Ausgaben für Kraftfutter senkten und zugleich die Schlachterlöse für Rinder, die anteilsmäßig eingerechnet werden, kräftig angezogen hätten. Einen Grund für Jubelstürme sieht der MEG Milch Board-Vorsitzende Frank Lenz nicht. Es sei einfach der Normalzustand mal erreicht worden.

Lücke zwischen Marktpreis und Erzeugerpreis wächst

Trotzdem wächst die Spanne zwischen den Milchproduktpreisen auf den verschiedenen Märkten und dem Milchgeld der Erzeuger zugunsten der Molkereien. Der Kieler Börsenwert, mit dem die wichtigsten Milchteile Fett (Butter) und Eiweiß (Milchpulver) am Markt bewertet werden, liegt zurzeit bei etwa 67 Cent. Derzeit klaffe eine Lücke von über 20 Cent, das gab es noch nie, stellt Lenz fest.

Besonders die Molkereien, die viel Industrieware oder Exporterzeugnisse produzieren, gehören zu den Profiteuren, weil der Preissog vom Weltmarkt kommt. Molkereien mit überwiegend Absatz im heimischen oder europäischen Einzelhandel kämen nicht nach. Zwar hat inzwischen auch der deutsche Einzelhandel für einzelne Produkte höhere Preise (Milch, Butter, Käse usw.) aufgerufen und mit den neuen Kontrakten soll ab Sommer auch mehr Bewegung in die heimischen Produktpreise kommen. Dennoch profitieren von der Marktlage die exportorientierten Großmolkereien mehr als die am heimischen Markt ausgerichteten.

Nordmolkereien vor Südmolkereien

Seit vielen Jahren ärgerten sich die Milcherzeuger im Norden, die über einen langen Zeitraum große genossenschaftliche Milchkonzerne mitaufgebaut haben, dass sie in der bundesweiten Rangfolge immer hinten lagen. Bayern und Baden- Württemberg belegten die ersten Plätze; Schleswig-Holstein war Schlusslicht, Niedersachsen und NRW kurz davor. Als Begründung wurde regelmäßig angeführt, dass die (häufig privaten) Molkereien des Süden viel intensiver den Markt bearbeiten, Sortimente verfeinern, Marken kreieren und bewerben. Ehrmann, Bauer, Müller-Milch, Zott oder Meggle sind breit bekannt und nur begrenzt austauschbar, während Massenprodukte des Mengen- Marktführers DMK kaum jemand kennt. Diese Verkaufsstrategie hatte lange Jahre Vorteile, die sich auch bei den Erzeugern niederschlug, während Lieferanten der Exportmolkereien wie DMK oder Arla sich eher auf den hinteren Preisplätzen wiederfanden. Masse machte eben keine klasse Preise.

Zurzeit hat sich dieses Preisgefälle gedreht. Die Nordmolkereien zahlen überdurchschnittlich, während die ehemaligen Spitzenreiter des Süden abgerutscht sind. Nach den jüngsten Zahlen der BLE für Januar lag Schleswig- Holstein fast 2,5 ct/kg vor den Südländern. Das macht für einen durchschnittlichen Betrieb allein 1000 Euro im Monat.

Laut Milchpreisbarometer von top agrar liegt der Norden zwischen 43 (DMK) und 47-49 Cent (Ammerland, Breitenburg, Wasbeck u.a.) klar im Oberhaus. Der Süden bewegt sich eher zwischen 40 und 44 ct/kg. Selbst sonst erfolgreiche Molkereien wie Berchtesgadener oder Schwarzwaldmilch müssen um den Anschluss kämpfen. Müller, Ehrmann, Bauer, Omira, Meggle, Omira oder Hochland orientieren sich im Mittelfeld. Ähnlich eingestuft zwischen 40 und 44 ct/kg ist auch der Westen, wobei FrieslandCampina zwar noch führt, aber im Verhältnis zu vielen Nordmolkereien Nachholbedarf hat. Immerhin hat FrieslandCampina getragen vom Weltmarkt und holländischem Einzelhandel für Mai den Sprung über die 50 Cent-Marke angekündigt. Der Milchindustrieverband schätzt sogar, dass manche Marktmolkereien finanziell stark unter Druck stehen.  

Export gut – Einzelhandel schlecht

Der Grund dieser Verschiebung liegt in der Verarbeitungs- und Vermarktungsstrategie der einzelnen Unternehmen. Molkerei ist – natürlich – nicht gleich Molkerei. Und da der Markt sich zu einem Exportmarkt gedreht hat, stehen Milchverarbeiter mit Massenprodukten wie Milchpulver oder Blockbutter für Märkte in Asien oder Nahost zurzeit mit gewaltigen Margen weit vorn. Sie können die Weltmilchkonjunktur abgreifen und Erhöhungen umgehend umsetzen. Dagegen kämpfen Markenmolkereien mit breitem Sortiment und hoher Wertschöpfung an den LEH mit ihren gestiegenen Kosten für Energie, Verpackung und auch Rohstoffen. Sie leiden unter den so rapide gestiegenen Preisen, weil mit dem LEH üblicherweise Kontrakte mit mehrmonatiger Laufzeit abgeschlossen werden. Die nächsten Kontrakte stehen jetzt an und sollen sich am geänderten Marktniveau anpassen. Aber der LEH wehrt sich heftig, will sich als Inflationsbremser präsentieren und fürchtet, dass die Absätze wegbrechen.  

Internationales Allzeithoch

Treiber dieses Höhenflugs ist der internationale Milchmarkt. Seit Monaten kennt der Preis für Butter und Milchpulver nur die Richtung nach oben. Auslöser ist das weltweit knappe Angebot in den großen Milchregionen wie Neuseeland und USA. Auch in der EU als dem größten globalen Milchhändler sind ab Herbst die Lieferungen zurückgegangen. Deutschland, Frankreich und die Niederlande melken etwa 2-3% weniger. Zugleich hat China den Milchmarkt im letzten Jahr leer gekauft, bilanziert ein Molkereimanager den globalen Absatz. Chinas Handel mit Milchprodukten ist 2021 um 25% gewachsen und beeinflusst unmittelbar Markt und Preis auch im fernen Europa.   

Marktexperten gehen davon aus, dass in 2022 das Angebot nicht wächst und der Produktionsmotor nicht anspringt, was sonst bei steigenden Preisen üblicherweise geschieht. Die Kosten für Düngung, besonders Kraftfutter (aber auch wetterbedingt Grundfutter), Personal (EU, USA) oder Umweltauflagen (Neuseeland, EU) ziehen in unterschiedlicher Intensität an, erschweren das Erreichen von schwarzen Zahlen in der Produktion und bremsen die Wachstumslust. Wenn Chinas Milchdurst weiterhin hoch bleibt, dürfte das auch den hiesigen Milchpreis stärken. Aber Lockdowns wie in Shanghai sind keine guten Nachrichten.

Vorläufiges milchpolitisches Resümee

  1. Endlich nähern sich die Milchpreise nach sieben mageren Jahren den Kostenvorgaben an. Die Bäuerinnen und Bauern freut es. Intensiv wird diskutiert, welche Erzeugungsstrategien man verfolgen soll. Der low- input- Weg mit wenig Kraftfutter, viel Grundfutter und mittlerer Milchleistung gewinnt an Bedeutung. Andere rechnen vor, dass bei solch attraktiven Milchpreisen sich auch eine hohe Kraftfuttergabe mit eine Hochleistung von 10.000 kg/ Kuh lohnt.
  2. Alle fragen vehement, wer die Marge zwischen Erzeugerpreis und Großhandels- bzw. Spotmarktpreis kassiert. Wer sind die Konjunkturritter des Weltmarktes und warum öffnet sich die Lücke noch immer weiter?
  3. Strategisch denkende Marktbeobachter fürchten, dass aus dem gegenwärtigen Hype falsche Schlüsse gezogen werden könnten. An Export und Massenproduktion ausgerichtete Unternehmen sind aktuell die Gewinner. Nachhaltige Qualitätserzeuger und -vermarkter geraten (vorübergehend?) ins Hintertreffen. Mengenwachstum (statt Qualitätsstärkung) könnte auf Erzeuger- wie auf Industrieseite die Konsequenz sein. Die Überschüsse und die Abhängigkeit vom Weltmarkt würden weiter wachsen, die nachhaltige Ziele zurückgestellt. Welche Risiken eine solche Milchpolitik beinhaltet, sieht man gerade beim Schweinefleischmarkt, wo man konsequent auf Export gesetzt hat.

Der Marktbeobachter meint, dass trotz kurzfristiger Erfolge der Exportstrategen die Transformation der Landwirtschaft und Welternährung in eine Nachhaltigkeitswirtschaft angesichts von Klimawandel, Energiekrisen, Krieg und Bevölkerungswachstum erste Priorität bleibt.

Hugo Gödde

26.04.2022
Von: hg