Milchmarktpreise explodieren – Erzeugerpreise dümpeln

Die Milchmarktkrise 2021 bleibt eine Erzeugerpreiskrise. Während seit Monaten die Marktpreise nur die Richtung nach oben kennen und in den letzten Wochen geradezu explodieren, erholen sich die Erzeugerpreise im Schneckentempo – und das bei einer wachsenden Kostenlawine für Futter, Dünger, Treibstoff, Strom, Baumaterialien und Maschinen.

Dabei stellt sich der Milchmarkt in exzellenter Verfassung dar. Hintergrund in Deutschland ist das knappe Rohmilchaufkommen, denn seit Monaten liegt die Anlieferung unter Vorjahr. Da auch europa- und weltweit die Nachfrage und die Preise anziehen, erstaunt selbst altgediente Marktkenner die Zurückhaltung der Molkereien.

Marktpreise wie nie zuvor – Butter als Vorreiter
Die begrenzte Menge führt dazu, dass die Rohmilchpreise neue Höhen erklimmen. Im Schnitt handeln die Molkereien die Milch untereinander auf dem sogenannten Spotmarkt für 52 Cent/kg im Norden und 54 ct/kg im Süden des Landes, während die Erzeugerpreise im September im Schnitt bei 36,4 Cent liegen. Nahezu alle Molkereiprodukte haben in den letzten Wochen kräftig zugelegt. Milchfett ist besonders gefragt. „Wer Milchfett übrig hat, verkauft es am lukrativsten in flüssiger Form,“ berichtet die Börse in Kempten. Die Folge ist Anfang November ein Preissprung ungeahntes Ausmaßes für Butter. Die 250 g Packung Markenbutter wurde mit etwa 5,90 €/kg gehandelt nach 4,50 €/kg zuvor. Vor einem Jahr erbrachte sie ca. 3,70 €/kg. Selbst zu diesem Preis konnte nicht alle Anfragen bedient werden. Blockbutter im 25 kg-Pack stieg in einem Monat um 1 Euro und ist fast gar nicht verfügbar. In der Folge erhöhte der LEH – allen voran Aldi – das Paket Butter um 40 Cent, immerhin um 22%. Hintergrund sind die Ergebnisse der Verhandlungen ab 1. November, die die abgepackte Butter um 1,60 €/kg bei einer Laufzeit von drei Monaten erhöhten. Monatskontrakte sind noch teurer.

Pulverpreise auf Rekordkurs
Aber auch die Magermilch- und Vollmilchpulverpreise sind weiterhin im Aufwind und übertreffen das Vorjahr um ca. 40%. Trotzdem war nach Angaben der Zentralen Milchmarkt Berichterstattung (ZMB) freie Ware kaum verfügbar. Nur die beschlossenen Kontrakte konnten bedient werden. Analysten erwarten, dass die bisherige Rekordmarke aus dem Frühjahr 2014 kurzfristig erreicht wird. Magermilchpulver rechnet sich trotzdem besser als Vollmichpulver.

Die Preise für Käse ziehen erst moderat an, weil sie meistens in längerfristigen Kontrakte gebunden sind. Aber auch die einfachen Schnittkäsesorten Gouda und Edamer wurden amtlicherseits als „nicht ausreichend vorhanden“ eingestuft. In der Folge erhöhte sich der Rohstoffwert des Kieler Instituts für Ernährungswirtschaft, ein Frühindikator des Marktes, der bekanntlich die Verwertung von Milchfett und -eiweiß abbildet, im Oktober auf 43,3 Cent. Die dynamische Marktentwicklung veranschaulicht noch besser der Börsenmilchpreis des Kieler Instituts, der Frühindikator für Terminmarktpreise. Für Januar wird er mit fast 50 ct/kg berechnet.

Spitzenpreise auch weltweit
Auch auf dem Weltmarkt reihen sich die Spitzenwerte aneinander. Der weltweit größte Exporteur von Milchprodukten, die neuseeländische Fonterra, kündigte neue Erzeugerpreiserhöhungen an. Man erwarte, so Geschäftsführer Miles Hurrell, eine Steigerung um 11% über das bereits überdurchschnittliche Niveau des Vorjahres. Damit sei der bisherige Höchstpreis des genossenschaftlichen Unternehmens aus dem Jahr 2013/ 2014 übertroffen. (Anmerkung: unter anderem mit den hohen Weltmarktpreisen aus Anfang 2014 hat man damals die Bauern in Europa zur Aufgabe der Quotenregelung überreden können.)

... und die Erzeugerpreise
angesichts dieser seit Monaten bekannten Lage und der sehr dynamischen Entwicklung sind selbst erfahrene Marktkenner erstaunt, wie lange die Molkereien die Erzeugerpreise ruhig halten konnten. Nur mühsam stiegen sie seit Januar von 33 auf 36 Cent im September – um 10%, während fast alle Marktpreise um mehr als 20% in die Höhe gingen. Erst im November sollen die Erzeugerpreise nach Ankündigungen einzelner Molkereien deutlich in Richtung 40 Cent anziehen. Ob aber die von Milchindustrieverband avisierten 36 Cent im Jahresschnitt erreicht werden, muss sich noch zeigen.

Da gleichzeitig die Produktionskosten der Milchbauern ein Allzeithoch zeitigen, weil die Preissteigerungen für Futter, Dünger und Energie (Diesel, Strom) voll durchschlagen, sind die Aufschläge nicht mehr als ein Mehrkostenausgleich. Nach Buchführungsberichten wird das Jahr 2021 selbst bei Preissprüngen in den nächsten Monaten kein gutes Jahr werden. Zu lange wurde die Preiserholung verzögert und die Margen erst einmal bei den Verarbeitern eingestrichen. Der riesige Abstand vom Erzeugerpreis zum Spotmarktpreis im gesamten Jahr ist auch von Marktexperten nicht anders zu erklären.

Reform der Milchpreisbildung überfällig
Hier zeigt sich wieder einmal die für die Milchbauern strukturelle Schwäche des Milchpreissystems. Der Milchpreis wird in der Regel nachträglich von den Molkereien bekanntgegeben – nachdem zuvor alle Kosten für Transport und Verarbeitung eingerechnet sind. Den „Rest“ erhält der Milchviehhalter. Es gibt keine Verhandlungen zwischen Lieferanten und Abnehmern. Das sehen die genossenschaftlichen Molkereien, die immerhin zwei Drittel des Marktes beherrschen, natürlich anders, weil in den Genossenschaften per Satzung die Bauern „das Sagen haben“.

Trotz der aktuell steigenden Milchpreise müssen die Milchviehhalter ihre Lehre aus diesem „ungewöhnlichen“ Jahr ziehen, in dem sie trotz guter oder bester Marktbedingungen keinen fairen Anteil an der Wertschöpfung erhalten. Selbst in Hochpreisphasen profitieren die Milcherzeuger erst dann, wenn Milchviehbetriebe aufhören, die die Kosten nicht mehr auffangen können. Auch neutrale Marktexperten bewerten die Milchmarktkrise nicht als Krise des Marktes, sondern als Krise der Erzeugerpreise und der Strukturdefizite in der Wertschöpfungskette.

Sogar in der Politik dürfte die Forderung nach gerechteren oder „moderneren“ Vertragsbeziehungen allmählich ankommen, wie sie vom Milchdialog seit Jahren vorgetragen werden. Für die neue Regierung wäre das eine lohnenswerte und „sozialen Frieden auf dem Lande fördernde“ Aufgabe.

08.11.2021
Von: Hugo Gödde

Aldi zeigt sich als Vorreiter bei der Erhöhung der Butterpreise. Bildquelle: Aldi/FebL