Europaparlament unterstützt Farm-to-Fork-Strategie

Mit 452 Ja- zu 170 Nein-Stimmen bei 76 Enthaltungen hat das Europaparlament die Kommissionsstrategie „Vom Hof auf den Tisch“ (Farm-to-Fork) unterstützt. 50 % weniger Pestizide, 25 % weniger Dünger, 50 % weniger Antibiotika und 25 % Ökolandbau in der gesamten Landwirtschaft bis 2030 lauten zentrale Ziele der Strategie, die die EU-Kommission im Mai 2020 als einen zentralen Baustein ihres "Green Deals" verkündet hat, mit dem Europa bis zum Jahr 2050 klimaneutral werden soll.

Neben den geplanten Regulierungen zur landwirtschaftlichen Erzeugung wird in der Entschließung der EU-Abgeordneten die gesamte Lebensmittellieferkette von der Erzeugung über Verarbeitung und Handel bis hin zu einer "gesunden Ernährung" der Verbraucher in den Fokus genommen. Gefordert wird beispielsweise eine verpflichtende Nährwert- und Herkunftskennzeichnung bei Lebensmitteln, ein Tierwohllabel und "Maßnahmen gegen den übermäßigen Verzehr von Fleisch und hochgradig verarbeiteten Erzeugnissen sowie Erzeugnissen mit hohem Zucker-, Salz- und Fettgehalt".

Ferner soll die "Konzentration im Lebensmittelhandel" gestoppt werden, "um faire Preise für die Landwirte und menschenwürdige Bedingungen für die Arbeitnehmer sicherzustellen". Lieferkettenvereinbarungen seien zu fördern, "damit für eine gerechte Beteiligung der Landwirte an der Wertschöpfung sowie für eine größere Transparenz und Rückverfolgbarkeit innerhalb der gesamten Lieferkette gesorgt wird". Für die Parlamentarier stellen "echte Lebensmittelpreise, die die tatsächlichen Produktionskosten für die Landwirte und auch für die Umwelt und Gesellschaft widerspiegeln", die wirksamste Möglichkeit dar, ein nachhaltiges Lebensmittelsystem zu schaffen.

Jetzt ist die EU-Kommission am Zug. Sie muss Vorschläge zur konkreten Ausgestaltung von 27 Einzelmaßnahmen, Gesetzen und Verordnungen zur Umsetzung der Farm-to-Fork-Strategie vorlegen, die dann von den Mitgliedstaaten und dem EU-Parlament weiterverhandelt werden müssen.

Dorfmann: Auch Anstieg der Erzeugerpreise möglich
Nach der Entscheidung erklärte Herbert Dorfmann, der Agrarsprecher der Fraktion der Europäischen Volkspartei (EVP), dem auch die CDU/CSU-Mitglieder angehören, im Gespräch mit Agra-Europe, dass die in der Strategie geforderte Halbierung der Nährstoffüberschüsse nicht bedeute, dass jeder Landwirt genau dazu verpflichtet werden soll und dass eine Reduzierung der Produktion nicht zwangsläufig zu Einkommenseinbußen führen müsse. Gegenwärtig werde nach seinem Geschmack diesbezüglich in Teilen zu viel Panik geschürt. Eine moderate Reduzierung der Erzeugung könne bei vielen Produkten auch zu einem Anstieg der Preise und damit der Einkommen führen. Außerdem müsse mehr Nachhaltigkeit nicht per se zu mehr Kosten der Bauern führen. Eine wirksame Maßnahme könnte nach Einschätzung von Dorfmann sein, über neue Züchtungsmethoden wie dem Gene-Editing krankheitsresistentere Pflanzen zu züchten und so Ausgaben für Pflanzenschutz zu sparen. Ähnlich sei die Situation bei Anwendung der Präzisionslandwirtschaft, heißt es bei Agra-Europe.

Noichl: Bekenntnis zu Zukunftsideen
Maria Noichl, agrarpolitische Sprecherin der SPD-Europaabgeordneten, kommentiert: "Es ist gut, wenn sich das Europäische Parlament hinter die in diesem Fall starken Ambitionen der EU-Kommission stellt. Fraglich bleibt, ob diese Ziele mit der schwachen Reform der EU-Agrarpolitik, die das Hauptinstrument zur Erfüllung der Farm-to-Fork-Strategie ist, zu erreichen sind. Die Farm-to-Fork-Strategie ist ein klares Bekenntnis mit Zukunftsideen, genau dieser große Schritt und ein ähnliches Ambitionsniveau fehlen in der Agrarpolitik. Hier werden in Zukunft Anspruch und Wirklichkeit in Einklang gebracht werden müssen. Außerdem muss klar sein, dass wir die gesamte Lebensmittelkette im Blick haben müssen: landwirtschaftliche Erzeugerinnen, Vermarkterinnen und auch regionale Lieferketten. Aber auch die Lebensmittelindustrie und die Verbraucherinnen und Verbraucher müssen mehr Verantwortung übernehmen. Gute Lebensmittel haben ihren Preis."

Häusling: Bedeutsamer Schritt für die Wende in der Landwirtschaft
„Die erfolgreiche Abstimmung am Dienstagabend markiert einen bedeutsamen Schritt für die Wende in der Landwirtschaft und den Beitrag der Landwirte im Kampf gegen Klimawandel und Artenschwund. Die Kernelemente der Strategie, dem landwirtschaftlichen Teil des europäischen Green Deals, werden nun zum Maßstab: 50 Prozent weniger Pestizide, 25 Prozent weniger Dünger, 50 Prozent weniger Antibiotika und ein Anteil des Öko-Landbaus von 25 Prozent, und das alles bis 2030. Dieser Leitfaden ist so ehrgeizig wie unabweisbar notwendig“, kommentiert Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen/EFA im EU-Parlament nach der Entscheidung.

„Der Schritt zu einer umweltverträglichen Landwirtschaft, die Luft, Wasser, Boden schont, die dem fatalen Artenschwund ein Ende bereitet und unsere Gesundheit schützt, wird Standard. Das ist ein gewaltiges Zeichen“, so Häusling. Versuche der Agrarindustrie und der mit ihr gemeinsame Sache machenden Bauernverbände, seien damit gescheitert. „Ihr Lobbyeinsatz für ein unbeirrtes, gedanken- und respektloses Weiter-so löst sich in Luft auf.“

Der Zustimmung des Parlaments müsse nun rasch ein konsequentes Handeln der Kommission folgen. Häusling appelliert an die Kommission, den „Turbo“ einzulegen und keine Zeit bei der Realisierung zu verplempern, denn das Ziel, das Paket bis 2030 umzusetzen, sei ehrgeizig.

„Die Landwirtschaft muss ihren Beitrag zum Klimaschutz leisten. Und sie ist nach wie vor einer der Hauptverursacher für Artenschwund und Gewässerverschmutzung, und zwar zuhause in Bächen und Grundwasser und draußen auf See, denn dort landen überschüssige Nitrate und Phosphate und führen zu enormen Umweltproblemen. Wer sich angesichts dieser Lage gegen Veränderung sperrt, der trägt nicht nur Mitschuld an unablässig steigenden Temperaturen, sondern blendet aus, dass ihn als Landwirt diese Folgen höchst selbst treffen werden“, erklärt der EU-Abgeordnete.

AöL: Wichtiger Schritt in Richtung Nachhaltigkeit in der Lebensmittel-Wertschöpfungskette
Die Abstimmung des Europäischen Parlaments bestätigt nach Ansicht der Assoziation ökologischer Lebensmittelhersteller e.V. (AöL) zahlreiche Forderungen aus der Bio-Branche nach einer klaren Botschaft. Für die AöL ist das Abstimmungsergebnis unter anderem ein wichtiger Schritt in Richtung Nachhaltigkeit in der Lebensmittel-Wertschöpfungskette.

„Verbindlichkeit war das, was wir und die gesamte Bio-Branche vom Europäischen Parlament forderten – und das haben wir bekommen. Die Kernaspekte der Strategie ‚Vom Hof auf den Tisch‘ wurden mit Reduktionszielen von z.B. Pestiziden und Düngemitteln untermauert, aber auch mit Verbindlichkeit in Hinblick auf den Anteil ökologischer Landwirtschaft festgeschrieben. Der Schutz von Biodiversität und Klima wird darin zur Norm.“ so Dr. Alexander Beck, geschäftsführender Vorstand der AöL.

26.10.2021
Von: FebL/PM

Das EU-Parlament unterstützt die Farm-to-Fork-Strategie der Kommission (Symbolbild). Foto: europarl.europa.eu