Saatgut in bäuerlicher Hand – Gentechnikfreiheit erhalten

In gleich mehreren Veranstaltungen innerhalb der Aktionswoche wurde die Frage des Saatguts ins Zentrum gestellt. Bei Dreien ging es dabei zunächst um die Risiken der neuen Gentechniken und die Wichtigkeit, eine gentechnikfreie konventionelle und biologische Züchtung auszubauen und zu fördern.

„Wir ernten, was wir säen, “ so lautet nicht nur der Untertitel eines Films, der während der AbL-Aktionswoche bei einem politischen Freiluftkino am Ackerrand in Erfurt gezeigt wurde. Es ist alltägliche Praxis auf den Betrieben und erinnert daran, dass sich ein genauer Blick auf das verwendete Saatgut lohnt: Wer züchtet es und wie wird es gezüchtet? Das Thema kam in der Aktionswoche noch mehrmals zur Sprache:

Von der Apfelzüchtung im Norden Schleswig-Hollsteins, über die großflächige Vermehrung und Züchtung von Blumen, Heil- und Gewürzkräutern und Gemüsekulturen im Thüringer Becken in Erfurt bis zur Gemüsesaatgutgewinnung und -vermehrung eines Nachbarbetriebes der solidarischen Landwirtschaft (Solawi) in Mainz.

Bei all diesen Veranstaltungen gab es Einblicke in die Züchtungs- und Vermehrungsarbeit der Betriebe, die reges Interesse weckten. Verknüpft waren die Betriebsvorstellungen mit einem ausführlichen Input zum aktuellen Stand der neuen Gentechniken, die derzeit wieder verstärkt als vermeintliche „Lösungen“ für Zukunftsfragen wie Klimafolgenanpassung und Hunger-Probleme angepriesen werden. Ausgangspunkt war eine kritische Prüfung der Versprechen der alten Gentechnik und dem tatsächlich geringen weltweiten Anbau von gentechnisch veränderten Organismen (GMOs), der sich gerade mal auf 4 Cash-Crops mit 2 Eigenschaften beläuft und in wenigen Ländern praktiziert wird. Die derzeitige Realität beim Anbau von gentechnisch verändertem Soja, Mais, Baumwolle und Raps ist die, dass die Haupteigenschaften dieser gentechnischen Modifizierung zum einen Herbizidtoleranz und zum anderen das Produzieren von Insektengiften in der Pflanze sind – wahlweise auch beides in Kombination. Dies führte entgegen den Behauptungen, nicht zu mehr Umweltschutz, sondern schuf stattdessen neue Probleme. Beispielsweise die Herbizidtoleranz von Beikräutern durch flächendeckende Anwendung in ganzen Regionen, in denen GVO-Kulturen angebaut werden. So stieg der Herbizideinsatz sogar zum Teil um ein Vielfaches an, statt wie versprochen durch die Gentechnik verringert zu werden. Auch bei Schädlingen entwickelten sich zum Teil schnell Resistenzen. „All dies sollte uns skeptisch bleiben lassen, wenn jetzt die gleichen Versprechen wieder hervorgeholt werden“, gibt AbL-Referentin Annemarie Volling bei ihrem Input zu bedenken.

Auch auf die Risiken in Bezug auf sogenannte Nicht-Zielorganismen, also z.B. Nützlinge sei hierbei zu achten. Problematisch ist auch, dass gentechnisch veränderten Organismen – einmal freigesetzt und bspw. über Pollen verbreitet – nicht wieder rückholbar sind. Zwar gebe es in der Tat Unterschiede zwischen den alten Methoden und den Verfahren der neuen Gentechnik, die nun in der Lage seien zielgenauer ins Erbgut einzugreifen, dennoch bleibe die Problematik der nichtabsehbaren Auswirkungen bestehen. Die komplexen Wechselwirkungen auf genetischer und epigenetischer Ebene innerhalb der Zellen und in den Organismen selber sowie deren Wechselwirkungen im Ökosystem ließen keine genauen Vorhersagen zu. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass andere Eigenschaften der Pflanze beeinträchtigt werden, die im Prozess der Veränderung vielleicht gar nicht mit einem bestimmten Gen im Zusammenhang gesehen werden, weil uns das Wissen über diese Zusammenhänge schlicht fehle. Aufgrund dieser Risiken sei es unverständlich, dass erst kürzlich ein neuer Vorstoß der EU-Kommission unternommen wurde, der darauf abziele, viele der Anwendungen der neuen Gentechnik-Verfahren zu deregulieren. Ziel der Gentechnik-Unternehmen ist es zu erwirken, dass die neuen gentechnischen Verfahren wie CRISPR/Cas nicht mehr unter die europäische Regulierung fallen. Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat dazu allerdings bereits 2018 festgestellt, dass auch die Verfahren der neuen Gentechnik, Gentechnik sind und als solche nach EU-Gentechnikrecht zu regulieren sind. Dies entspricht dem in der EU festgelegten Vorsorgeprinzip.

Mit dem Vorstoß der EU-Kommission, der dem Wunsch der Konzerne nach einem Freifahrtschein folgt, steht viel auf dem Spiel. Europa hat es geschafft, gentechnikanbaufrei zu bleiben. Ein großer Wettbewerbsvorteil der Bäuerinnen und Bauern, weil sie das erzeugen können, was die Verbraucher:innen wollen: Gentechnikfreiheit auf ihrem Teller. Wir haben Wahlfreiheit: Züchter, Bäuer:innen, Verarbeitungsunternehmen und der Handel – genauso wie die Verbraucher:innen können selber entscheiden was sie essen wollen. Wir haben ein Zulassungsprozedere. Das ist kein Verbot von Gentechnik, sondern gewisse Regularien müssen eingehalten werden: Risikoprüfung und -bewertung, Durchlaufen eines Zulassungsverfahrens – sonst gilt Nulltoleranz. Nach Zulassung unterliegen die GVO einer Kennzeichnungspflicht und Rückverfolgbarkeit sowie Monitoring. Ein großer Erfolg der gentechnikfreien Bewegung Europas, den wir verteidigen werden. Nur so ist die gentechnikfreie Züchtung, Landwirtschaft und Lebensmittelerzeugung –konventionell und ökologisch sicherzustellen. Denn eine Mehrheit will keine Gentechnik – weder auf dem Acker, im Futtertrog noch auf dem Teller.

Im Anschluss an den Input, war es umso schöner, die Vielfalt der züchterischen und bäuerlichen Ansätze für Saatgutsouveränität direkt vor Ort miterleben zu können.

In Rundgängen über die Züchtungs- und Vermehrungsflächen erfuhren die Teilnehmer:innen von den aktuellen Herausforderungen der Züchter:innen und konnten Fragen zur Arbeit mit den verschiedenen Kulturen stellen.

Inde Sattler und Bernd Hage-Nissen züchten in Schleswig Sorten für den ökologischen Apfelanbau. In ihrem Zuchtgarten kreuzen sie alte und neuere Sorten, um in den folgenden Jahren unter den jeweiligen klimatischen Bedingungen auf dem Feld robuste Biosorten zu selektieren und weiterzuentwickeln. Für die Apfelzucht war es ein gutes Jahr, denn Spätfröste und feuchte Perioden helfen bei der Selektion. Der Zeitpunkt der Veranstaltung war genau richtig, so konnten wir die leckeren Sorten bei einem Rundgang im Zuchtgarten probieren.   

Auf dem Erfurter Betrieb „Rose Saatzucht“ gab es neben zahlreichen Gemüse- und Kräuterkulturen eine wahre Pracht an leuchtend blühenden Astern und anderen Blumen zu bestaunen, die der ganze Stolz von Annegret Rose sind. Schon seit der Zeit der „Wende“ arbeitet sie auf den Flächen an der Züchtung und Vermehrung von Saatgut und ist als Firmengründerin für rund 100 Hektar und die Betreuung von mittlerweile ca. 200 Kulturen verantwortlich. Die Erfahrung dieser langen Zeit lässt sich auch in ihrer Ausstrahlung wahrnehmen und machte den Rundgang mit ihr zu einem echten Erlebnis. In der Saatguthalle angekommen, roch es nach frischem Möhrensaatgut und auf dem Boden lag gerade die Saatgut-Ernte der Roten Beete und Lavendel breit zum Trocknen verteilt.

Die hier angebauten Sorten sind nicht nur gentechnikfrei, sondern auch alle samenfest. Das bedeutet, sie geben ihre sortenspezifischen Eigenschaften an die nächste Generation weiter und können so bei korrekter Vermehrung wieder aus dem eigenen Saatgut nachgebaut werden.

Auch die dritte Station, die Solawi in Mainz, setzt auf samenfestes nachbaubares Saatgut. „Saatgut ist Allgemeingut – und gehört nicht in Konzernhand,“ so die Gärtner:innen der Solawi. Sie ziehen alle ihre Jungpflanzen selbst an, so können sie möglichst standortgerechte Sorten wählen. Hier gab es nach dem Vortrag einen anschaulichen und praktischen Einblick in die Saatgutgewinnung von Michael Stork, Demeter-Gärtner in Wiesbaden. Zwar hat uns die Dunkelheit überrascht, aber weitere Vorträge zur eigenen Saatgutgewinnung sollen folgen, fanden die Anwesenden. Vor dem Hof gibt es einen Saatgut-Tausch-Schrank, der bei den Solawis aber auch den Nachbargärtner:innen aus den umliegenden Kleingärten sehr beliebt ist.

24.09.2021
Von: tcb/av

Foto: Tim Carlo Bettermann