„Jeder Hof zählt!“-Auftaktveranstaltung: Bauernhof vor Immobilienmakler

Zum Start der Aktionswoche „Jeder Hof zählt“ der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) fand am 3. September die Auftaktveranstaltung in Hamburg statt. Auf dem Futtertisch im Kuhstall der Bauernfamilie Jaacks in Hamburg Rissen diskutierten die Teilnehmer*innen mit dem betroffenen Landwirt und Expert*innen über die Zukunft des Bauernhofs und die Verantwortung der Politik in Hamburg und bundesweit. Zur aktuellen Situation des Hofes erklärt Hauke Jaacks: „Wir wollten die Hofstelle mit unserem wirtschaftlich gut aufgestellten Milchviehbetrieb kaufen, aber der Zuschlag ging vor zwei Jahren an einen außerlandwirtschaftlichen Investor. Gegen diese Genehmigung der Hamburger Behörde haben meine Familie und ich Anfang letzten Jahres Klage eingelegt. Wenn es bei dieser Entscheidung bleibt und die Hamburger Politik sich nicht für uns einsetzt, dann werden wir diesen Bauernhof aufgeben müssen und unsere landwirtschaftliche Existenz wäre damit vernichtet. Wir sind einer der letzten zehn Milchhöfe in Hamburg – vor knapp 20 Jahren waren es noch doppelt so viele. Wir wollen bleiben und wir werden uns für unsere Rechte einsetzen. Aber für uns ist auch wichtig, dass die Bodenpolitik reformiert wird.“

Die Familie Jaacks wird von einem breiten Bündnis landwirtschaftlicher und gesellschaftlicher Organisationen unterstützt, das die Politik auffordert, sich für den Erhalt des Hofes einzusetzen. Trotz mehrerer Briefe und Anfragen hüllt sich die Politik in Schweigen. Im Juni hat Familie Jaacks einen gerichtlichen Gesprächstermin bei der Stadt Hamburg angefragt, allen voran beim grünen Umweltsenator Jens Kerstan. Erst einen Tag vor der Auftaktveranstaltung gab es einen Termin vom Umweltsenator. „Wir setzen große Erwartungen in diesen Termin“, sagt Berit Thomsen, AbL-Geschäftsführung AbL Hamburg/Schleswig-Holstein auf der Veranstaltung. „Jens Kerstan und die Hamburger Politik müssen Lösungen anbieten, damit der Hof erhalten bleibt. Um das Höfesterben und den Ausverkauf an außerlandwirtschaftliche Investoren zu stoppen, brauchen wir außerdem eine Bodenmarktreform in Hamburg. Die Anzeigepflicht bei Pachtverträgen und die Genehmigung bei Landkäufen sind rechtssicher und transparent umzusetzen. Bei Umgehung muss sanktioniert werden.“

„Das ist ein klarer Fall von Landgrabbing“, sagt Yvonne Aßmann von Slow Food Hamburg, einem Mitglied in dem genannten Bündnis. „Die Milcherzeugung soll nach jetzigem Kenntnisstand einem Pferdehof weichen, den ein Immobilienmakler betreiben will. Der Bauernhof der Familie Jaacks ist einer der wenigen noch existenten Vollerwerbsbetriebe. Hamburg ist von einem dramatischen Höfesterben betroffen. Wir sehen die Politik in der Pflicht, Bauernhöfe zu erhalten, um ihren eigenen Ansprüchen zu genügen, die unabhängige Lebensmittelversorgung der Stadt in Zukunft sicherzustellen.“

Claudia Schievelbein ist Mitglied im AbL-Bundesvorstand und führt weiter aus: „Heute beginnt die AbL-Aktionswoche ,Jeder Hof zählt!‘, mit der wir die vielen Bauernhöfe in Deutschland sichtbar machen und in deren Rahmen wir unser Forderungspapier zur Bundestagswahl veröffentlichen. Hamburg ist kein Einzelfall – viele Höfe deutschlandweit sind von Sorgen und Existenzängsten geplant. Wir brauchen eine vielfältige Agrarstruktur, um die Landwirtschaft mit Klimaschutz, Artenvielfalt und Tierwohl weiterzuentwickeln. Wir werden unsere 12 Kernforderungen zur Bundestagswahl in die Koalitionsverhandlungen einbringen. Eine neue Bundesregierung wird von Bäuerinnen und Bauern daran gemessen, ob sie klare Rahmenbedingungen für einen agrarpolitischen Politikwechsel setzt.“

 

Ein Überblick über die im Rahmen der Aktionswoche stattfindenden Veranstaltungen findet sich hier.

06.09.2021
Von: bt

Pressekonferenz auf dem Hof Jaacks in Hamburg zum Start der AbL-Aktionswoche "Jeder Hof zählt!". Foto: Kiefer