Neues von der Schweinemarkt-Katastrophe

Schlimmer geht immer. So könnte man die Situation auf dem Schweinemarkt beschreiben. In dieser Woche ist die Notierung für Schweine erneut um 7 ct/kg gesunken – auf jetzt 1,30 €/kg. Der Ferkelpreis für die aktuelle Woche ab 23.8. fällt um sage und schreibe 6 € oder 20% auf 25 € pro 25 kg-Ferkel.

Damit steigt der Verlust je Ferkel auf 30 Euro und die Unterdeckung bei Mastschweinen auf ca. 25 Euro. Da gleichzeitig die Futterpreise hoch bleiben oder wegen der schlechten Ernte eher noch steigen, zeigen die Zahlen für Schweinefleischerzeuger auf der ganzen Linie tiefrot.

Lage desaströs und Stimmung tief im Keller
Viele Landwirte sind wirklich verzweifelt. Die Stimmung ist so tief im Keller wie ich es noch nicht erlebt habe, drückt ein Viehhändler die Lage aus. „So eine extreme Entwicklung über einen so langen Zeitraum hat es in meinen 50 Jahren Schweinehaltung selten gegeben,“ analysiert auch AbL-Sauenhalter Günter Völker. Einige (auch größere) Mäster lassen bereits ihre Ställe leer stehen. Sie verkaufen ihr Getreide zu aktuell relativ guten Konditionen und versuchen ihren Stall irgendwie hygienisch funktionstüchtig zu halten. Eine andere Variante bringen Sauenhalter ins Spiel, die keinen festen Abnehmer haben und ihre Ferkel auf dem „freien“ Markt kaum unterbringen können. Sie lassen die Ferkel in Lohnmast von einem Mäster aufziehen, der sonst (vorübergehend) Leerstand machen würde.

Schlachtungen rückläufig
Laut Statistischem Bundesamt (Destatis) sind die Schlachtungen in Deutschland im ersten Halbjahr 2021 um 2,6% auf 26,09 Mio. Schweine gesunken. Damit lagen sie etwa 10% unter 2017. Hauptgrund war der Konsumverzicht und der Rückgang der nach Deutschland gelieferten Schweine aus Dänemark und den Niederlanden, die eher nach China oder Spanien gingen.

NRW: Zahl der Ferkelerzeuger seit 2010 halbiert
Auch in den viehintensiven Gebieten wie Nordrhein-Westfalen sind die Sauenhalter auf dem Rückzug. In den letzten 10 Jahren hat sich ihre Zahl von 3808 auf 1847 reduziert. Nimmt man wie Destatis die Erzeuger über 10 Sauen als Maßstab, sind es noch 1664 Betriebe. Auch die Zahl der Sauen ist um 22,2% auf knapp 390.000 gesunken. Damit betreut jeder Ferkelerzeuger 231 Sauen – 2010 waren es 130 Sauen.

Preiskampf am Fleischmarkt
Zugleich ist am Fleischmarkt ein gnadenloser Preiskampf entbrannt. Auch der Fleischindustrie fehlt der benötigte Absatz. Da die Kühlhäuser noch aus dem Schweinestau voll sind und sich durch fehlenden Export nach China/Ostasien weiter auffüllen, versuchen sie sich auf anderen europäischen und Drittlandsmärkten zu etablieren, was aber nur mit deutlichen Preiszugeständnissen möglich ist. Da zudem die bisherigen EU-Exporteure Spanien und Dänemark ihre prallen margenträchtigen Chinamärkte verlieren, drängen auch sie nach Deutschland oder z.B. nach Italien, dessen attraktiven Schinkenmarkt eigentlich unsere Industrie für sich reklamiert hat (ein Großteil des Parmaschinkens wurde in Bayern oder Westfalen erzeugt). Zu Recht beklagen sich deutsche Schweinehalter, dass trotz eigenem Überangebot der Lebensmitteleinzelhandel (LEH) noch Ware aus Spanien oder – wie Filets bei Edeka – aus Chile einkauft.

Afrikanische Schweinepest weitet sich aus
Die Zahl der nachgewiesenen Fälle der Afrikanischen Schweinepest (ASP) steigt stetig. Bis letzte Woche waren fast 2000 Infektionen besonders in Brandenburg und Sachsen belegt. Auch ein Jahr nach dem ersten Befund flacht das Infektionsgeschehen nicht ab. Allein letzte Woche wurden 33 neue Fälle gemeldet. Inzwischen mehren sich die Klagen, dass die Kosten der Sicherungsmaßnahmen ungleich zwischen Bund und Ländern verteilt seien. „Die besonders betroffenen Länder dürfen nicht allein gelassen werden,“ klagt Sachsens Ministerpräsident Kretschmer. Und der Landesbauernverband Brandenburg kritisiert angesichts einer ausgewachsenen Existenzkrise für die Landwirte, dass sich die verantwortlichen Politiker noch in einem „routinemäßigen Verwaltungsmodus“ befinden. Immerhin bereitet sich Niedersachsen mit einer Großübung im Landkreis Verden auf den Ernstfall vor. Durch die realitätsnahe Simulation würden Abläufe zur wirksamen Eindämmung der hoch ansteckenden Tierseuche trainiert, begründete Ministerin Otte-Künast ihre Teilnahme. „Wir müssen eine Einschleppung der ASP unbedingt verhindern.“

Sicher ist nur, dass deutsche Exporte in viele Drittländer erst ein Jahr nach ASP-Freiheit möglich sind. Kein Ende in Sicht.

Chinas Schweinepreise im freien Fall?
Bis zum Frühsommer galt China als der große Markt für Schweinefleisch aus aller Welt. Dann verkündete die Pekinger Regierung, dass durch starke Förderung industrieller Schweineanlagen die Produktion fast wieder das Vor-ASP-Niveau erreicht hat. Ende Juni wurden mit 45,6 Mio. Sauen ähnlich viele wie 2016 gehalten und 50% mehr als 2020. Da man alles zu Sauen gemacht hat, was irgendwie ging, und damit auch weniger leistungsfähige Tiere belegt hat, ist damit zu rechnen, dass in den nächsten Monaten eine wachsende Ferkelproduktion zu erwarten ist. Bisher liegen die Leistungsdaten eher bei 16-18 Ferkel/Sau (in Deutschland ca. 28-30).

Als Folge der Produktionsexplosion fielen die Schweinepreise im Reich der Mitte von zu Jahresbeginn 4,80 €/kg Lebendgewicht auf Anfang August ca. 2,00 €/kg. Die Ferkelpreise sind um 70% abgestürzt. Um die Produzenten nicht zu ruinieren, hat Peking zur Marktstützung Subventionen für die Lagerhaltung eingeführt und die Importe stark zurückgefahren. Zwei spanischen Schlachthöfen wurde z.B. die Lieferlizenz entzogen und die Margen drastisch eingeschränkt. China fällt als Mekka des Schweineexports vorerst aus.

Auch noch Ärger mit ITW und QS
Als wäre das alles nicht genug, gibt es auch noch Streit bei der Initiative Tierwohl (ITW). Mehrere Vertreter von Landesbauernverbänden beklagen, dass die ausgelobte Zusatzprämie in Höhe von 1 Euro einfach halbiert wurde, weil zu viele Betriebe mitmachen. Außerdem sind 316 Betriebe beim von Lidl bezahlten „Begrüßungsgeld“ von 3.000 Euro leer ausgegangen, weil entgegen der ursprünglichen Ankündigung dieser Zuschuss nach dem Windhundverfahren vergeben wurde, so dass einige Betriebe zu spät kamen.

Weiterhin protestieren Sauenhalter, dass ausländische Ferkel nicht betäubt kastriert werden müssen wie die einheimischen und trotzdem als gleichwertiges Schwein im deutschen QS-System anerkannt werden.

Bioschweine auf Rekordhoch- Marktbereinigung?
Eine gute Nachricht kommt nur vom Bioschweinemarkt. Laut Agrarmarktinformationsgesellschaft (AMI) sorgt die hohe Nachfrage nach Bio- Tieren für einen Preissprung ab Juli. Große Unternehmen und teils der LEH bieten bei langfristigen Verträgen (5 Jahre und mehr) um die 4,00 €/kg an, was eine Steigerung um 15 ct/kg gegenüber Juni bedeutet. Auch die besonders gesuchten Ferkel sind auf 150 € pro 25 kg Ferkel gestiegen. Nicht selten kommen sie aus Dänemark und Holland, wo sie noch etwas billiger sind.

Was für die Landwirte verlockend klingt, hat aber eine Nebenseite. Die AMI warnt zurecht davor, kleinere oder handwerkliche Unternehmen, die den Bio- Schweinemarkt aufgebaut haben, zu überfordern, da sie im Unterschied zum LEH die höheren Preise nicht quersubventionieren können, sondern an den Kunden weitergeben müssen. Diese Teile der Wertschöpfungskette „können dadurch auf der Strecke bleiben und damit ist am Ende der Marktentwicklung wenig geholfen. Sonst wird aus der Marktentwicklung eine Marktbereinigung.“