Aldi, die Politik, die Bauern und der langsame Abschied vom Billigfleisch

Aldi hat mit seiner Ankündigung, ab 2030 nur noch Fleisch aus Stufe 3 und Stufe 4 anzubieten, eine Lunte an den Schweinemarkt gelegt – und Rind- und Geflügelfleisch werden folgen. Für oberflächlichen Alibi-Tierschutz ist das Ende eingeläutet. Aussitzen oder auf die lange Bank schieben, geht nicht mehr. Das gilt für die Politik der Bundesregierung, die Initiative Tierwohl, Schweinehalterverbände und Bauern und Bäuerinnen. Letztgenannte sollten ihre Interessen von Anfang an offensiv vertreten und nicht auf die „Marktpartner“ warten. So kommentiert der Marktbeobachter Hugo Gödde in seiner nachfolgenden Analyse die neue Dynamik auf dem Schweinemarkt.

Verabschiedet sich der LEH Schritt für Schritt vom Billigfleisch? Setzen neben Aldi auch die anderen Handelskonzerne tendenziell auf Fleisch aus zumindest etwas tiergerechterer Haltung? Und wie reagieren die Politik, die vom Handel vorgeführt wird, und Landwirtschaftsverbände auf den Vorstoß aus dem Markt?

Aldi’s Coup hinterlässt immer heftigere Spuren. Mit ihrer Ankündigung, ab 2025 auf Fleisch aus gesetzlichem Standard zu verzichten und ab 2030 nur noch Fleisch aus Stufe 3 (Außenklima) und Stufe 4 (Auslauf- oder Biohaltung) anzubieten, hat der Discounter wahrlich eine Lunte an den Schweinemarkt gelegt – und Rind- und Geflügelfleisch werden folgen.

Sofort kündigten andere große Handelsketten ähnliche Schritte an. Es entwickelt geradezu ein Tierwohl- Überbietungswettbewerb. Die Handelskette Kaufland will «ab sofort» (und nicht erst 2025) kein frisches Schweinefleisch mehr anzubieten, bei dem die Tierhaltung nur die gesetzlichen Mindestanforderungen erfülle. Das verkaufte Fleisch stammt künftig mindestens aus der Stufe 2 «Stallhaltung Plus» (dem Programm der Initiative Tierwohl), die den Tieren etwas mehr Platz garantiert. Ausgenommen seien jedoch Schweinefilets, die zum Teil importiert werden. In der Bedientheke biete man bereits heute nur Stufe 3 unter dem Namen „Wertschätze“ an. Und auch erste „bessere“ Wurstprodukte seien bereits am Start. Der Discounter Lidl teilte zeitgleich mit, er wolle ebenfalls bis Ende des Jahres nahezu sein gesamtes Schweinefrischfleischsortiment auf die Haltungsformstufe 2 umstellen. Kaufland und Lidl gehören zur Schwarz-Gruppe, dem größten europäischen Lebensmittelhändler.

Die Handelskette Rewe hatte zuvor angekündigt, ihr Eigenmarkenangebot an frischem Schweinefleisch ab Juli auf die Haltungsformstufe 2 und höher umzustellen. Seit neuestem liege der Anteil der Stufe 2 bei über 90 Prozent, sagte eine Rewe-Sprecherin. Und bis 2030 wolle man wie Aldi auf Stufe 3 und 4 komplett umstellen.

Deutschlands größter Lebensmittelhändler Edeka berichtete, er plane «bereits kurzfristig auf die Haltungsstufe 1 und längerfristig auf die Haltungsstufe 2 bei Frischfleisch zu verzichten. Konkrete Ziele werde man aktuell aus „Wettbewerbsgründen“ noch nicht nennen. Marktkenner sind sich einig, dass Edeka das nicht lange durchhalten werde. Greenpeace sitzt ihnen schon auf den Fersen.

Jedenfalls ist erheblich Dynamik in die Frage des Tierschutzes und Tierwohls gekommen. Aussitzen oder auf die lange Bank schieben, geht nicht mehr.

Dabei ist Folgendes festzuhalten:
1. Die Initiative von Aldi und Co. ist eine schallende Ohrfeige für die Politik der Bundesregierung, die vor wenigen Tagen noch ihr Versagen bekannt geben musste, den Ansatz der Borchert-Kommission in dieser Legislaturperiode nicht umzusetzen, was Bundestag und Bundesrat ihr auferlegt hatte. Ministerin Klöckner wehrt sich, indem sie Aldi warnt, keinen „PR-Gag“ zu veranstalten. Offenbar begreift sie nicht den Ernst der Lage.

2. Aber: die durchaus ehrgeizigen Ziele des LEH werden ohne Umsetzung der Borchert- Pläne ins Leere laufen. Ohne eine staatlich organisierte Finanzierung der Tierwohlmaßnahmen auf den Höfen wird der Umbau der Tierhaltung nicht möglich oder die bisherigen Billiganbieter müsste ihr Fleisch so teuer im Laden verkaufen, dass ihnen die Kundschaft wegläuft.

3. Wenn man aber die Kommission und die „Politik“ braucht, muss man auch die anderen Teile von „Borchert“ umsetzen. Die Stufen des Handels liegen deutlich unter den viel differenzierteren Stufenkriterien, auf die sich die Kommission mit Beteiligung aller Verbände und der Wissenschaft aktuell verständigt. Außerdem bezieht der Borchert-Ansatz die gesamte Erzeugungskette von der Sau über die Ferkel bis zum Mastschwein ein – beim Handel fängt das Wohl des Schweines erst ab 30 kg an. Ohne diesen gesamten Prozess von Geburt an werden die NGO’s in der Kommission niemals zustimmen und alle Diskussionskämpfe beginnen wieder von vorn. Der Deutsche Tierschutzbund hat schon deutlich gemacht, dass er die Aldi- Zielsetzung begrüßt, der Fortschritt aber überhaupt nicht ausreicht und er auf wirklichen Tierschutz keinesfalls verzichtet.

4. Unter der Voraussetzung der staatlichen und gesellschaftlichen Unterstützung wird der Handel seine Kriterien an die Kommissionskriterien anpassen müssen. Ohne wirkliches Tierwohl kein Tierwohl-Marketing. Für oberflächlichen Alibi-Tierschutz wird damit das Ende eingeläutet. Das wird auch die Initiative Tierwohl (ITW) in nächster Zeit merken. Ihre gerade mit großem Tamtam („wir sind das größte Tierwohlprogramm“) veröffentlichte Neuauflage (mit minimalen 10% mehr Platz und etwas Beschäftigungsmaterial) kann allenfalls ein Übergangsprogramm sein – mehr nicht. Hier rächt sich, dass man in alter Agrarlobbymanier glaubte, wenn Handel, Industrie und Bauernverband sich auf niedrigster Tierwohlstufe einigen, wird das ausreichen, um die Diskussion einzuhegen. Für die NGO’s wie den Tierschutzbund, Greenpeace oder den BUND ist ITW nicht das größte, sondern überhaupt kein Tierwohlprogramm.

5. Die Schweinehalterverbände (und demnächst die Milch-, Rinder- und Geflügelverbände) und die Landwirte sollten wissen, dass es jetzt Ernst wird mit dem Umbau der Tierhaltung. Wenn der Markt so einsteigt und eine Trendwende ankündigt, sind die Zauderer und Verhinderer aus dem Rennen. Wer jetzt noch auf ein „Weiter so“ mit Vollspaltenstallbau, Exportstrategie und Kostenführerschaft setzt, hat „den Schuss des Handels“ nicht gehört. So berechtigt die dringenden agrarischen Forderungen nach zeitnahen Klärungen und Änderungen des Bau-, des Genehmigungsrechts und des Emissionsrechts sind, es ist nicht klug, sich der Entwicklung zu widersetzen, die durch die aktuellen Schweinepreise ohnehin schlechte Stimmung unter den Bäuerinnen und Bauern zu bejammern und dadurch den betrieblichen Ausstieg anzuheizen. Klüger ist es, sich an die Spitze der Bewegung zu setzen. Wir brauchen auf allen Ebenen von Beratung, Stallbautechnik, Förderung bis zur Vermarktung innovative Konzepte und Pioniere der Umsetzung.

6. Bei den Pionieren der artgerechten Tierhaltung geht die Sorge um, dass mit dem breiten Einstieg des Handels die Kriterien verwässert und die Preise tendenziell gedrückt werden. Natürlich bleiben Aldi, Lidl, netto und Penny Discounter, die sich durch Preisführerschaft definieren. Auch die anderen Händler sind nicht Bauernfreunde. Um so notwendiger ist es, dass sich die Bauern und die mit ihnen verbunden Tier- und Umweltschützer sich einmischen und dass die Bauern sich zusammentun. Bisher sind die bäuerlichen Aktiven des Tierwohls kleine Zusammenschlüsse wie Neuland, Tierschutzlabel, Bio oder gar Einzelkämpfer wie die Lieferanten von Kaufland oder Rewe. Viele Tierwohl-Labels des Handels laufen ausschließlich über die Schlachthöfe/Fleischindustrie und die Bauern sind die Komparsen, die man für die Werbung braucht. Aktuell ist das Angebot in dem sich entwickelnden Markt der Stufen 3 und 4 durch innovative Schweinehalter (fast nur Mäster) eher höher als die Nachfrage. Deshalb bieten viele Bauern ihre Tiere mit höherer Haltungsstufe oft zu billig an. Ein gutes Beispiel ist Kaufland, das ihren Bauern nur 20 ct/kg Aufpreis zahlt. Aber viele Bauern sind froh, dass ihnen überhaupt jemand den zusätzlichen Aufwand wenigstens teilweise ausgleicht. Es ist davon auszugehen, dass der Markt sich drehen wird und die Nachfrage anzieht (erst recht, wenn die Ferkelerzeugung einbezogen wird). Deshalb raten Marktexperten, die Tierwohl-Schweine aktuell nicht unter Wert zu verkaufen und drei Dinge zu beachten:
a) Erzeugergruppen bilden, sich über die Erzeugung auszutauschen, über den Markt zu informieren, Beratung zu organisieren, sich nicht ausspielen zu lassen. Der Pionier der Zukunft ist nicht der Einzelkämpfer, sondern der Organisierte.
b) Verträge mit den Abnehmern aushandeln; über die Länge z.B. 3 oder 5 Jahre und die Konditionen (z.B. Anpassung bei Schwankungen von Futter u.a.) ist zu sprechen. Im Biobereich bieten Handel und Vermarkter zurzeit 10 Jahres-Verträge mit verbesserten Konditionen an.
c) Der Preis muss sich an den Kosten und nicht an der konventionellen Notierung orientieren. Und er muss „einkommenswirksam“ sein, d.h. nicht nur den höheren Aufwand ausgleichen, sondern einen Mehrwert bieten. Schlechte Preise wie bisher nur auf Tierwohlstufe geben keine Perspektive. Erste Orientierung können Berechnungen der AG Schwein der Borchert- Kommission sein. Sie berechnet für das Außenklima-Schwein einen Preisrahmen von ca. 2 Euro/kg und von 2,20 €/kg für ein Auslaufschwein. Ob darin alle aktuellen Kosten (Futter, Ferkel!) und ein ausreichender Lohnansatz enthalten sind, muss diskutiert werden.

Die Ankündigungen von Aldi und anderen haben eine neue Dynamik auf dem Schweinemarkt ausgelöst und die anderen Fleisch- und Milchmärkte werden folgen. Es ist müßig lange zu diskutieren, was die Beweggründe für dieses Marktbeben sind. Sicher ist, dass Handel und Fleischindustrie in kurzer Zeit neue Konzepte in der Tasche haben. Es liegt an den bäuerlichen Schweinehaltern, ihre Interessen von Anfang an offensiv zu vertreten und nicht auf die „Marktpartner“ zu warten.