Schweinemarkt bleibt in Aufregung

Der Schweinemarkt kommt nicht zur Ruhe. Noch herrscht ein erbitterter Streit zwischen Landwirtschaft und Fleischindustrie um die aktuellen (Haus-) Preise, da kommt neues Ungemach hinzu.

Der Einstieg in die dritte Phase der Initiative Tierwohl (ITW) mit der Haltungsstufe 2 (Stallhaltung plus) läuft alles andere als rund. Gerade noch hat die ITW ihren großen Erfolg der Teilnahme landwirtschaftlicher Betriebe gefeiert, hängt schon der Haussegen schief.

Seit dem1. Juli bekommen die 5147 teilnehmenden Betriebe mit 18,9 Mio. Schweinen/ Jahr pro Mastschwein 5,28 € als Aufwandsentschädigung für die Haltungsstufe 2 des Handels zusätzlich, wenn sie anerkannt sind. Den Aufpreis zahlt jetzt nicht mehr wie bisher ein Fonds des Handels, sondern der Abnehmer (Schlachthof), wenn der Mäster mit ihm einen Vertrag abgeschlossen hat. Der Schlachthof muss dann zusehen, dass er das Geld sich über den Marktpreis zurückholt. Zwar haben eine Reihe von Einzelhändlern eine Abnahmezusage gegeben, aber eben nur für die Teilstücke, die sie auch einkaufen. Und das sind in der Regel die Edelstücke (Filet, Schnitzel, Steaks, Gulasch, Hack), die deutlich weniger als die Hälfte des Schweines ausmachen. Der Schlachthof oder Fleischhändler muss also entweder sehen, wie er auch die anderen Teile entsprechend den Kosten verkaufen kann oder die edleren Stücke im Preis höherwertig vermarkten und so über eine Mischkalkulation die Kosten ausgleichen.

Und bisher ruckelt es gewaltig. Einige Einzelhändler haben den Beginn erst einmal herausgezögert, andere verschieben die Abnahme von Wurstprodukten um 2 Monate. Andere steigen zwar sofort ein, aber mit einem abgespeckten Sortiment. Seit dieser Woche werden bei Aldi Süd eine Reihe von Frischfleischartikeln 10 bis 30 Cent pro Packung teurer verkauft als im Juni. Der Grund dafür dürfte die Umstellung der Produkte auf die Haltungsform 2 sein. Lidl verfährt ähnlich. Andere Händler haben ihr Sortiment ebenfalls umgestellt, die Preise aber nicht erhöht.

Wer zahlt die Zeche?
Das Ende vom Lied ist, dass nicht wenige Landwirte auf ihren ITW- Schweinen sitzen bleiben bzw. den Ausgleichsbonus nicht bekommen.

Stefan Kruse, Direktor Landwirtschaft bei Vion, begründet das bei top agrar, dass „der tatsächliche Marktbedarf an ITW-Ware aktuell überzeichnet ist. Es werden somit mehr ITW-Tiere angeboten, als die Fleischunternehmen vermarkten können. Wir haben unseren Lieferanten aber frühzeitig gesagt, dass unsere Abnahmekapazität bei ITW-Ware derzeit erreicht ist, wir also über die vereinbarten Mengen hinaus keinen weiteren Bedarf an ITW-Schweinen anbieten können.“ Wer also keine Abnahmevereinbarung hat, bekommt keinen ITW- Bonus. Da nützt es wenig, dass Landwirte und Fleischindustrie wie Rohrspatzen auf den Handel schimpfen, der sich „zurzeit die Taschen voll mache“, wie ein Marktbeteiligter bewertet.

Es macht sich nun die Schwäche des Systems bemerkbar. Die ITW und die Fleischindustrie haben unter Schweinehaltern mächtig für die Teilnahme geworben, ohne aber die Sicherheit der Abnahme zu haben. Man hofft auf die Hilfe des Handels und das Marktgleichgewicht. Das aber muss zuerst zwischen Erzeugern und Abnehmern hergestellt werden.

Kruse: „Grundsätzlich beruhen unsere Vereinbarungen auf der Nachfrage von LEH und Fleischverarbeitern an ITW-Ware sowie deren Abnahmezusage. Das Bestreben von Vion ist es stets, Angebot und Nachfrage deckungsgleich zu halten. Diese Balance sollte möglichst nie kippen. Niemanden ist geholfen, wenn unvermittelt zu viel oder zu wenig ITW-Schweine auf den Markt sind, als Handel und Verbraucher nachfragen. Die gemeinsame Erfahrung an den Kühltheken des LEH wird uns zeigen, welche Entwicklung die Nachfrage in den kommenden Wochen und Monaten nehmen wird.“

Der Marktbeobachter meint: Ob es sich um Anfangsschwierigkeiten oder Systemprobleme handelt – die ITW befindet sich in schwerem Fahrwasser. Getrieben von NGO’s, die das Konzept der ITW für Alibi- Tierschutz halten und deshalb ablehnen und von Aldi und Co., die möglichst schnell in bessere Haltungsstufen aufsteigen wollen, muss man für sich eine neue Rolle definieren. Sie sollte sich nicht zu lange für ihre „Tierwohl“- Scheinsiege feiern.

12.07.2021
Von: hg

Bei der Initiative Tierwohl läuft es nicht rund. Quelle: ITW