Milch-Kostenstudie: EU-weit nur geringes bis gar kein Einkommen für Milchbetriebe

Die Kosten der Milchproduktion lagen im Jahr 2019 im EU-weiten Durchschnitt bei 45,35 ct/kg, während die EU-Erzeugerpreise bei nur 34,52 ct/kg lagen und somit für eine signifikante Unterdeckung sorgten. „Das zeigt klar, dass bei der Milch EU-weit eine problematische Schieflage vorliegt“, erklärt die niederländische Vorsitzende des European Milk Board (EMB), Sieta van Keimpema.

Die Zahlen sind das Ergebnis der aktuellen und vom EMB jetzt vorgelegten Studie „Was kostet die Erzeugung von Milch?“ des Büros für Agrarsoziologie und Landwirtschaft (BAL). Neben den Kosten der Milchproduktion in acht wichtigen Milcherzeugungsländern beinhaltet die aktuelle Ausgabe der Kostenberechnung erstmals auch den genannten EU-Durchschnitt. Eine weitere Neuerung: mit Irland und Litauen enthält die Studie des BAL zwei neue Länder, die sich an entgegengesetzten Enden des Kostenspektrums befinden. Irland mit seinem besonderen Produktionssystem weist 2019 bei 34,21 ct/kg mit Abstand die geringsten Produktionskosten aus. Doch auch hier geht der Trend in Richtung Unterdeckung, da die Kosten im Untersuchungszeitraum relativ stark stiegen, der Preis aber nicht mit anzog. Somit konnten selbst im Milchgunstland in drei von fünf untersuchten Jahren die Kosten nicht gedeckt werden. Litauen mit seiner differenzierten Betriebsstruktur mit vielen kleinen Höfen kommt auf die weitaus höchsten Produktionskosten (58,63 ct/kg). Kombiniert mit einem extrem tiefen Milchpreis von 28,79 ct/kg kämpfen die ErzeugerInnen des baltischen Landes gegen eine sehr große Unterdeckung von 51 Prozent.

Interessant ist, dass, auf alle Länder geblickt, die Produktionskosten mit rund 34 ct/kg bis 59 ct/kg eine große Spannweite aufweisen. Bei den Preisen hingegen fällt der Abstand mit knapp 29 ct/kg bis über 34 ct/kg deutlich geringer aus.

Kritische Einkommenssituation
Der Blick auf die zwei wichtigen Erzeugungsländer Niederlande und Dänemark zeigt, dass nach Abzug aller Kosten überhaupt kein Einkommen für die Betriebsleiter und mithelfenden Arbeitskräfte erwirtschaftet werden konnte. „Man muss bedenken, dass wir hier gerade auch bei den Niederlanden und Dänemark von Ländern sprechen, die hochmoderne Betriebe haben und sich technisch stetig weiterentwickeln. Und dennoch bleibt buchstäblich nichts als Einkommen für die Menschen, die die Milchproduktion betreiben“, verweist Sieta van Keimpema auf die belastende Situation. Und auch in den anderen Ländern ist das Einkommen auf einem sehr kritischen Niveau. Lediglich Irland erreicht annähernd das errechnete angemessene Einkommen. Studienautorin Dr. Karin Jürgens fasst zusammen: „Den Milchviehbetrieben fehlt nicht nur der Ertrag für eine stabile und zukunftsfeste Ausrichtung. Es reicht außerdem nicht einmal für ein angemessenes Einkommen bzw. einen angemessenen Lebensunterhalt.“ Möglicher Kritik, dass die Einkommen zu hoch ansetzen, entgegnet sie: „Der Einkommensansatz der Studie berücksichtigt Ausbildungs- und Qualifizierungsgrad und fußt objektiv auf geltenden landwirtschaftlichen Tarifen beziehungsweise dem doppelten Mindestlohn im jeweiligen Land.“ Der Vizevorsitzende des EMB und Biomilchbauer in Dänemark, Kjartan Poulsen, fügt hinzu: „Wie kann es akzeptabel sein, nichts oder fast nichts zu verdienen? Wir sind gut ausgebildete Fachkräfte mit umfassender Erfahrung, die hart und viel arbeiten. Das immer auch an Wochenenden und Feiertagen. Und insbesondere in der Pandemie haben die Landwirte sich stark dafür eingesetzt, dass die Lebensmittelversorgung immer gesichert war. Zudem tragen wir hohe Risiken und große Verantwortung für unsere Tiere, die Ernährung und die Umwelt.“

Für das selbstbewusste Erkämpfen und Hinarbeiten auf angemessene Preise bietet die Broschüre eine gute Grundlage, wie der französische Milcherzeuger und EMB-Vorstand Boris Gondouin ausführt: „Ich freue mich, mit der neuen Broschüre ein sehr übersichtlich aufgebautes und außerdem wissenschaftlich fundiertes Werkzeug in den Händen zu halten. So kenne ich als Milcherzeuger auch die Entwicklung der Kosten bestens. Und das nicht nur in meinem Land.“ Er empfiehlt allen MilcherzeugerInnen: „Bringt diesen Beleg über die Kosten zu jedem eurer Gespräche mit Molkereien, Handel und Politik mit und fordert damit faire Preise ein!“ Die EMB-Vorsitzende van Keimpema fügt hinzu: „Die nächste Generation, die Zukunft der Lebensmittelerzeugung, möchte gern Milch produzieren. Nutzen wir die Studie und machen wir es auch für sie wieder möglich!“

Für die Studienautorin Jürgens geben die Zahlen auch wichtige Einblicke für die erfolgreiche Umsetzung aktueller politische Umweltstrategien wie den Green Deal: „Nur, wenn sich die wirtschaftliche Lage der Betriebe nachhaltig verbessert, können die Landwirte zur Umsetzung der mit höheren Kosten verbundenen Umwelt-, Klima- und Tierschutzziele beitragen“.

Die kompakte und hoch informative Studie steht hier zum Download zur Verfügung.