Wiese statt Atommüllager

„Vom Kernkraftwerk zur Grünen Wiese“, das war der Titel einer 2008 erschienenen Broschüre von EON zum Rückbau des damals schon stillgelegten AKW Würgassen. Genau an diese Zusage wollen Bäuerinnen und Bauern mit ihrer Aktion vor den Toren des Atomkraftwerks aufmerksam machen. Mit 25 Schleppern, Erde, Egge und Sämaschine sind sie gekommen, um eine grüne Wiese entstehen zu lassen. Im Hintergrund stehen auch 27 Jahre nach der Stilllegung noch immer das Turbinengebäude und die Reaktorhalle. Doch es geht den Protestierenden nicht um den zu langsamen Rückbau. Sie wenden sich gegen neue Pläne für den Bau einer 350 Meter langen und 125 Meter breiten Halle als zentrales Bereitstellungslager (ZBL) für die Vorbereitung zur Einlagerung von schwach- und mittelradioaktivem Abfall im ca. 150 km entfernten Schacht Konrad. Geplant ist, in Würgassen den schwach- und mittelradioaktiven Atommüll aus Zwischenlagern in der ganzen Republik zu sammeln, zu untersuchen und dann für den Transport nach Salzgitter zum Schacht Konrad zusammenzustellen. In der schwach besiedelten Region im Dreiländereck zwischen Niedersachsen. Nordrhein-Westfalen und Hessen hält man vom erneuten Aufleben des Atomstandorts wenig. „Der Fremdenverkehr ist unsere Zukunft, nicht die Atomkraft“, betont Josef Jacobi von der Bürgerinitiative Lebenswertes Börderland und Diemeltal e. V. Zentraler Anstoß der Kritik ist nicht das Lager als solches, denn es sei ihnen sehr wohl bewusst, dass der Müll auf dem Weg ins Endlager Schacht Konrad neu zusammengestellt werden müsse. Kritisiert wird das intransparente Vorgehen, die vielen offenen Fragen am Auswahlverfahren und der auch von Jochen Flaßbarth, Staatsekretär im Bundesumweltministerium, beschworene Zeitdruck. Wenn Schacht Konrad 2027 fertiggestellt sei, solle dort im Zweischichtbetrieb Atommüll eingelagert werden. Für die Bereitstellung und Sortierung, so der Staatssekretär, brauche es ein zentrales Bereitstellungslager, in dem der strahlende Abfall aus den 57 Zwischenlagern sortiert und endlagertauglich gemacht werden könne. Offen bleibt allerdings, weshalb dieses nicht in unmittelbarer Nähe zu Schacht Konrad gebaut wird, sondern in über 130 km Entfernung, vor allem, weil Würgassen verkehrstechnisch denkbar schlecht angebunden ist. Zur nächsten Autobahn sind es mindestens 38 km auf kleinen Straßen durch viele Ortschaften. Auch per Schiene sieht es nicht viel besser aus. Zwar hat das AKW-Gelände einen ehemaligen, inzwischen zugewachsenen Gleisanschluss, der nach Aussage der für die Planungen verantwortlichen Gesellschaft für Zwischenlagerung (BGZ) schnell wieder reaktiviert werden könnte, allerdings verfügen die weiterführenden, vom öffentlichen Nahverkehr genutzten Schienenanlagen nur über ein statt der in den Auswahlkriterien geforderten zwei Gleise. Sowohl auf der Schiene als auch auf der Straße wären Menschen in den Ortschaften und auf Bahnhöfen unmittelbar von den strahlenden Transporten betroffen. Geplant sind für 30 Jahre ca. 20 LKW-Touren sowie bis zu zehn Schienentransporte pro Tag. Keine Beachtung findet die Hochwassergefährdung des im Weserbogen gelegenen Geländes. Hier will man mit dem Gebäude durch eine Aufschüttung von 45.000 Kubikmetern aus der Gefahrenzone kommen.

Ein von der Bürgerinitiative Atomfreies Dreiländereck e. V. in Auftrag gegebenes Rechtsgutachten kritisiert auch die Eingrenzung der Standortsuche auf Flächen im Besitz des Bundes oder der Energieversorger. Begründet wird dies, auch von Flasbarth, mit der Notwendigkeit einer „zeitnahen Verfügbarkeit“. Diese steht allerdings im Widerspruch zur Endlagernähe. Weiterhin kommt das Rechtsgutachten zu dem Schluss, dass im Auswahlverfahren der BGZ gleich mehrere Vorgaben der Entsorgungskommission wie beispielsweise ein Abstand zur Wohnbebauung von 350 Metern nicht berücksichtigt wurden. Dem im Rahmen der Standortsuche erstellten Gutachten des Ökoinstituts Freiburg bescheinigen die Anwälte eine „lediglich leicht modifizierte Wiederholung der unzureichenden Argumentation der BGZ“.

Gesellschaftliche Teilhabe

„Die Art und Weise, wie man entschieden hat, das alte Kernkraftwerk Würgassen zum Zwischenlager zu machen, ist geradezu ein Modellbeispiel, wie man sowas ohne jedes politische Fingerspitzengefühl macht“, konstatierte der ehemalige Bundesumweltminister und ehemalige Exekutivdirektor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen, Klaus Töpfer, im Frühjahr 2020.

Einen ganzen Fragenkatalog schickte Uwe Schünemann, der als Innenminister in Niedersachsen auch für Gorleben zuständig war, für die CDU-Kreistagsfraktion Holzminden an den CDU-Landrat Michael Schünemann, mit dem Ziel einer fraktionsübergreifenden Resolution. Im Anschreiben zeigt man sich erbost darüber, dass die verantwortlichen Politiker der benachbarten Kreise nach Aussage der BGZ bewusst nicht über die Pläne informiert wurden. Auch der Bürgermeister von Beverungen, Hubertus Grimm, in dessen Zuständigkeit Würgassen liegt, fühlt sich von Bundesministerin Svenja Schulze nicht ernst genommen. Vor dem frisch gelegten Rollrasen betont er, dass die zuständige Ministerin noch nie vor Ort war. Er fordert eine Beteiligung der Menschen vor Ort, selbst wenn dies juristisch vielleicht nicht nötig wäre. Wohin die Ignoranz gegenüber der Bevölkerung führen kann, deutet Josef Jacobi kurz vor Ende der Aktion am AKW schlitzohrig an: „Wir haben hier mehr Trecker als in Gorleben!“

05.07.2021
Von: mn

Protest vor der Atomruine Würgassen